Lawrence Whittle, CEO von Parsable
ITM: Herr Whittle, Industrie 4.0 ist in aller Munde: Neue Automatisierungslösungen, KI und das Internet der Dinge machen aus normalen Fertigungshallen „Smart Factories“. Welche Rolle spielt der Faktor „Mensch“ überhaupt noch in derartigen Industrie-4.0-Szenarien?
Lawrence Whittle: Untersuchungen belegen, dass 72 Prozent der Arbeit in den Werkshallen immer noch von Menschen verrichtet wird. Selbst in hochautomatisierten Szenarien spielen sie eine wesentliche Rolle. Wer das bezweifelt, erinnere sich an das Frühjahr 2020, den Beginn der Covid-19-Pandemie in Europa: Da galt es, sehr schnell und flexibel auf die geänderte Nachfrage zu reagieren. Roboter können das nicht. Es waren Menschen, die in wenigen Tagen ganze Produktionslinien auf dringend benötigte Hygieneprodukte umstellten. In meinen Augen ist Industrie 4.0 daher ohne Menschen undenkbar. Wir müssen beides zusammenbringen!
ITM: Vermitteln Industrie-4.0-Szenarien mit weitreichender Automatisierung, Robotik etc. nicht vor allem jungen Menschen den Eindruck, Arbeitsplätze könnten dort jederzeit „wegrationalisiert“ werden?
Whittle: Der Mensch mit seinen kognitiven Fähigkeiten ist keineswegs nur ein Rädchen im Getriebe, das mir nicht dir nichts ersetzbar ist. In der öffentlichen Diskussion erscheint dies mitunter anders. Dort, auch in den Medien, wird vor allem über technologische Neuerung berichtet, Digitalisierung und Industrie 4.0 sind omnipräsent. Das, was bleibt, weil es funktioniert, wird hingegen weniger beleuchtet. So entsteht leicht der Eindruck, dass Industrie 4.0 alles ist. Ist es aber nicht und deshalb setzt die Plattform „New Generation Industry Leaders“ des Weltwirtschaftsforums genau hier an: Über jeweils 18 Monate erarbeiten 100 junge Talente aus 50 weltweiten Industrieunternehmen Ideen für eine schnellere, verantwortungsvolle Transformation und dafür, wie sich die breite Öffentlichkeit für Innovationen und Chancen in der Fertigungsindustrie begeistern lässt.
ITM: Besonders in den Industrieländern haben heute mehr junge Leute denn je Zugang zu Bildung und einer guten beruflichen Qualifikation. Warum ist es so schwierig, gerade junge Fachkräfte für die Industrie zu gewinnen?
Whittle: Zunächst einmal: Der Fachkräftemangel ist nicht auf die Industrie beschränkt: In Deutschland könnten 2025 schon 2,9 Millionen Erwerbstätige fehlen, so eine Prognos-Studie. Unter jungen Leuten gilt die Industrie aber nicht als modern. Dabei haben Maschinenführer von heute nichts mehr mit den Malochern von früher zu tun. Sie müssen breitere Aufgabenfelder überblicken und verantworten. Fabriken von heute bieten die technologisch modernsten Arbeitsplätze der Welt. In allen Bereichen der Industrie findet enorm viel Innovation statt. Doch das muss erst noch den Weg in die Köpfe finden.
ITM: Ist dies ein Problem, das Deutschland speziell betrifft, oder sehen Sie dieses Phänomen auch in anderen Ländern?
Whittle: Wir sehen das international. Deshalb hat sich das Weltwirtschaftsforum entschlossen, aktiv zu werden. Auch die Tatsache, dass über 20 Nationen in dem neuen Programm vertreten sind, zeigt klar: Handlungsbedarf herrscht weltweit.
ITM: Gerade für die jüngere Generation ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema. Weshalb wird die Industrie ihr schlechtes Image als „Umweltsünder“ nicht los? Ist dieses Image für moderne Industrieunternehmen überhaupt noch zutreffend?
Whittle: Wir sind mitten in einer großen Transformation, das zeigt sich überall. Themen wie Umweltschutz und Klimawandel werden von der Industrie sehr ernst genommen und viele unternehmen hier bereits große Anstrengungen. Derart weitreichende Umwälzungen brauchen aber Zeit, insbesondere bei großen Konzernen. Doch schon im Kleinen lässt sich viel und vor allem schnell bewegen. Nur ein Beispiel: Wer Arbeiter mit mobilen Geräten ausrüstet und papierbasierte Arbeitsanweisungen durch digitale und interaktive Anleitungen ersetzt, reduziert nicht nur die Papierflut. So lassen sich auch unnötige Nacharbeiten, Zeit- und Materialverschwendung sowie ein zu hoher Wasser- und Energieverbrauch vermeiden. Mehr operative Effizienz bedeutet hier unmittelbar mehr Nachhaltigkeit. Zudem lässt sich so der Abfall- und Recyclingprozess effizienter managen und ohne zusätzlichen Aufwand dokumentieren.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Welche Stakeholder sind gefragt, wenn es darum geht, junge Fachkräfte für die Industrie zu begeistern? Welche Anreize müssen dazu geschaffen werden?
Whittle: In den Fertigungsstätten von heute geht es hochmodern zu. Wir in Europa und den USA haben jedoch eine sehr historische Vorstellung von Industrie: rauchende Schornsteine, Sheddächer, Dreck, Lärm, Gestank. Dieses überholte Bild steckt noch in den Köpfen der Großeltern und Eltern – und wird schon zu Hause auf die Jugend übertragen. Da ist die Industrie gefordert, mit Bildungseinrichtungen zu kooperieren, Aufklärungsarbeit zu leisten. Neben einem modernen Arbeitsplatz sind zudem Aufstiegs- und Entwicklungschancen bis hin zu leitenden Positionen wichtig – und natürlich die Verdienstchancen. Unternehmen müssen sich daher fragen, wie sie künftig Gehälter verteilen wollen und welche Arbeit in Zukunft wie honoriert werden soll. Es gilt also, sehr breit anzusetzen. „New Generation Industry Leaders“ wollen hierfür Denkanstöße und Handlungsimpulse liefern.
Bildquelle: Parsable