„Gerade für die Handelsbranche ist Nachhaltigkeit ein Thema, das Relevanz für sämtliche Geschäftsprozesse hat“, betont Xenia Giese von Microsoft Deutschland.
ITM: Frau Giese, inwieweit hat sich durch die Covid-19-Pandemie bezüglich der Themen „Digitalisierung“ und „Nachhaltigkeit“ etwas im Denken des Handels verändert?
Xenia Giese: Die Dynamik der Digitalisierung im deutschen Handel wurde durch Corona noch einmal erhöht und rückt digitale Lösungen ungebremst in den Fokus. Schon jetzt setzt der Handel in „Smart Stores“ verstärkt auf digitale Lösungen. Gleichzeitig hat das Thema Nachhaltigkeit im Handel bereits seit Langem einen festen Platz. Viele große Handelsunternehmen beispielsweise publizieren schon seit Jahren eigene Nachhaltigkeitsberichte, in denen die jeweiligen Ziele, Initiativen und Fortschritte dargelegt werden, häufig anhand der Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen. Auch mittelständische Händler setzen auf Nachhaltigkeit in Form von etwa energieeffizienten Filialen oder nachhaltiger Beleuchtung. Der Weg zu „Sustainable Smart Stores“ ist da nur konsequent.
ITM: Was sind „Smart Stores“ und was haben sie mit Nachhaltigkeit zu tun?
Giese: „Smart Stores“ setzen als intelligente Filialen verstärkt auf digitale Lösungen, deren auf Sensorik, Internet der Dinge-Technologie (IoT) und Künstliche Intelligenz (KI) basierender Betrieb natürlich energieintensiver ist als der Betrieb einer nicht oder kaum digitalisierten Filiale. Gefragt sind daher heute nachhaltige intelligente Filialen oder auch „Sustainable Smart Stores“. Dabei handelt es sich um Filialen, die einerseits mit digitalen Lösungen ausgerüstet sind, um operative Prozesse effizienter zu gestalten und Kunden mehr Services anzubieten, und die gleichzeitig einen Fokus auf Nachhaltigkeit legen.
ITM: Wie können „Sustainable Smart Stores“ die Nachhaltigkeit im Handel konkret vorantreiben?
Giese: Den Ergebnissen unserer Studie zufolge besteht im Handel Einigkeit darüber, dass Technologie zukünftig einen enormen Beitrag zu nachhaltigen Store-Konzepten leisten kann. Vor allem der Lebensmittelhandel ist durch den vergleichsweise hohen Energieverbrauch seiner Filialen dafür prädestiniert, aber auch im Non-Food-Handel gibt es vielversprechende Ansätze. Während im Food-Bereich die Kältetechnik den mit Abstand größten Anteil des Energieverbrauchs auf sich vereint, ist dies im Non-Food-Handel die Beleuchtung.
Potenziale liegen vor allem in den fünf relevanten Handlungsfeldern Zentrale, Lieferkette und Logistik, Sortimente und Produktion, Filialen, Kunden und Kreislaufwirtschaft. In unserem aktuellen Whitepaper finden sich dazu 29 Kundenreferenzen sowie 17 Microsoft- und Partnerlösungen.
ITM: Welche Vorteile haben Unternehmen bei einer Umstellung auf mehr Nachhaltigkeit?
Giese: Das Thema Nachhaltigkeit ist aktuell in aller Munde – sowohl in der Gesellschaft als auch in Unternehmen. Gerade für die Handelsbranche ist Nachhaltigkeit ein Thema, das Relevanz für sämtliche Geschäftsprozesse hat und gleichzeitig die Profilierung in Richtung der Endkonsumenten unterstützt. Entsprechend existieren bereits sehr vielversprechende Ansätze und auch eine Reihe bereits sehr vorzeigbarer Praxisbeispiele, die zeigen, dass es schon heute möglich ist, Nachhaltigkeitsinitiativen im Handel mit digitalen Lösungen zu unterstützen. Zum einen kann der Einsatz von Cloud-Technologie helfen, die CO2-Bilanz zu verbessern, zum anderen bieten zahlreiche digitale Lösungen für die wichtigsten Handlungsfelder unterschiedliche Möglichkeiten, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.
ITM: Welche Prozesse lassen sich im Einzelhandel mit welchen Tools nachhaltig optimieren?
Giese: Digitale Lösungen bieten vielfältige Möglichkeiten, direkt die operativen Prozesse in der Filiale zu optimieren und nachhaltiger zu gestalten, beispielsweise den Abfall zu managen, Schwund durch vorausschauende Überwachung der Kühlgeräte zu vermeiden oder das Sortiment bzw. den Bestand in Filiale und Lager mithilfe von Sensorik zu erfassen und per KI vorausschauend zu optimieren. Dadurch können Ausschuss und gleichzeitig Out-of-Stocks vermieden werden.
Die „Klassiker“ umfassen Lösungen, die den Stromverbrauch in den Filialen reduzieren, also im Food-Handel vor allem die Optimierung der Kältetechnik durch vorrausschauende Überwachung und im Non-Food-Handel die Optimierung der Beleuchtung und deren Steuerung. Darüber hinaus finden immer mehr Elektronische Preisschilder Einsatz in allen Handelssparten, da sie – neben dem positiven Effekt auf die Nachhaltigkeitsbilanz durch Ablösung der gedruckten Preisschilder – auch zahlreiche operative Anwendungsfälle in den Filialen optimieren.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 06/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Innovative Lösungen bieten weitreichende Optimierungspotenziale, die zumeist positive Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit und wesentliche Aspekte in Geschäftsprozessen haben. So bietet die Lösung zur virtuellen Anprobe „Reactive Reality – PictoFit“ per persönlichem Avatar auf dem Smartphone eine Möglichkeit zur Personalisierung sowie Kundenbindung und reduziert gleichzeitig die Retourenquote. Der Grund: Die Artikel werden mit entsprechender Passform und Größentabelle virtuell anprobiert und Tipps zur bestpassenden Größe gegeben.
ITM: Welche Faktoren bremsen den Fortschritt der Nachhaltigkeit eher aus?
Giese: Für eine optimale Energieeffizienz wäre es sinnvoll, die digitalen Lösungen einer Filiale in der Cloud zu betreiben. Schließlich können Hyperscale-Cloud-Rechenzentren deutlich mehr Rechenleistung pro Energieeinheit erbringen als On-Premise-Rechenzentren. Das Problem bei der Sache: Aufgrund der beschränkten Bandbreite in vielen Filialen ist eine flächendeckende Nutzung von digitalen Cloud-Lösungen häufig nicht möglich. Gerade bei rechenintensiven Lösungen, wie der Verarbeitung von Sensorik-Daten, IoT und deren Auswertung bzw. Prognose mit KI erfordern viele digitale Lösungen eine Verbindung in die Cloud. In diesen Fällen wäre die Filialbandbreite sehr schnell ausgelastet. Zur Lösung dieses Problems kommt Cloud-Edge-Computing-Technologie zur Anwendung. Dabei werden erzeugte Daten nahe beim Sensor auf einem dafür vorgesehenen Gerät (auch „Appliance“) aggregiert und verarbeitet. Die Prognosefähigkeit über KI wird dabei auf das Gerät übertragen und voreingestellt, damit sie auch ohne Verbindung zur Cloud zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass die Verbindung zur Cloud nur für das initiale Anlernen der KI und bei etwaigen Änderungen notwendig ist, was den Bedarf an Bandbreite deutlich reduziert.
ITM: Wie sieht die Zukunft der Nachhaltigkeit vor allem in kleineren Unternehmen aus?
Giese: Es ist davon auszugehen, dass insgesamt die Bedeutung der technologiegestützten Steuerung des Energiemanagements im Handel in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird – und das durchaus auch begünstigt durch politische Rahmenbedingungen. Gleichzeitig werden sich Technologien auch gerade im Umfeld der Künstlichen Intelligenz rapide weiterentwickeln, so dass der „Sustainable Smart Store“ in Zukunft mehr und mehr Realität werden dürfte, unabhängig beispielsweise von der Ladenfläche.
Für kleinere Unternehmen bieten sich Lösung an wie etwa der digitale Kassenbon von Anybill, der nicht nur Papier einspart, sondern auch Möglichkeiten der digitalen Kundenbindung eröffnet. Kunden können so u.a. direkt bei Erhalt des digitalen Kassenbons Treuepunkte sammeln, ein zusätzliches Scannen von Kundenkarten wird nicht benötigt (One Touch Loyalty). Händler können zudem individuelle Bonuskarten selbst gestalten und dem Kunden in der App ausspielen (Rewards).
Bildquelle: Microsoft Deutschland