Der 38-jährige Industriefachwirt Mario Hannig hat langjährige Erfahrung mit Digitalisierungsprojekten im IT-Dienstleister- und Fertigungsumfeld.
ITM: Herr Hannig, wo liegen derzeit die größten Hürden und Herausforderungen für die Unternehmen beim Thema E-Commerce?
Hannig: Für viele KMU, die sich bisher noch nicht intensiver mit E-Commerce auseinandergesetzt haben, wirkt das Thema oft überfordernd. Teilweise sind bereits eher statische Online-Shops vorhanden, die nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprechen. Die Erwartungshaltung ist jedoch auch im B2B-Umfeld deutlich gestiegen und durch Erfahrungen im privaten Online-Shopping geprägt: Dazu gehören schnelle Rückmeldungen zum Status der Bestellung, die Ankündigung der Lieferung mit Sendungs-Tracking und kurze Bearbeitungszeiten. Vor allem aber gilt es, den Kunden den Einkauf so leicht und angenehm wie möglich zu machen. Damit tun sich viele KMU noch schwer – denn dafür müssen die Prozesse stimmen.
ITM: Welche E-Commerce-Trends sind für KMU derzeit besonders relevant?
Hannig: Dem Gartner Sales Survey 2022 zufolge ziehen es mittlerweile 83 Prozent der B2B-Einkäufer vor, via E-Commerce einzukaufen und zu bezahlen. Oft ist man jedoch primär noch mit klassischen Außendienststrukturen unterwegs. Um die nötige Prozesstransformation und einen kulturellen Wandel anzuschieben, ist ein klares Bekenntnis zur Kundenorientierung notwendig. Zudem wird die Nachhaltigkeit zum zentralen Aspekt in Lieferketten und bei Kaufentscheidungen. Hier sind klar (kommunizierte) Konzepte notwendig. Künstliche-Intelligenz-Technologie (KI) verändert die Ausgangslage weiter: nicht nur mit prädiktiven Verkaufsanalysen, sondern auch mit mehr Sprachfähigkeit.
ITM: Sie spielen auf ChatGPT an. Wie wird sich die Technologie auf den Online-Handel auswirken?
Hannig: Anbieter wie Microsoft haben schnell reagiert und die ChatGPT-Technologie in ihre Produkte eingebaut, beispielsweise als Assistenztechnologie im Microsoft 365 Copilot. Sie hilft beim automatisierten Schreiben von Texten, etwa bei Artikelbeschreibungen, die genau auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt sind oder auf verschiedene Szenarien und Ambiente eingehen. Damit sind Dinge möglich, die manuell jeden zeitlichen Rahmen gesprengt hätten. Zum Beispiel können aus technischen Datenblättern automatisiert emotional ansprechende Produktbeschreibungen entstehen. Wenn jetzt immer mehr Unternehmen auf KI setzen, wird sich der Druck im E- und Mobile-Commerce weiter erhöhen.
ITM: KMU sind mit ihrem Alltagsgeschäft oft voll ausgelastet, IT-Personal ist knapp. Können Cloud-Plattformen und -Services
den Einstieg in den E-Commerce vereinfachen?
Hannig: Gerade für KMU sind mitwachsende Lösungen wichtig, bei denen mit wenig Aufwand und Kosten klein angefangen werden kann. Cloud-Plattformen wie Microsoft Azure verringern zugleich den eigenen IT-Aufwand, indem Anschaffung, Updates und Wartung entfallen. Auch die Security ist abgedeckt. Durch standardisierte Schnittstellen und Services wird es einfacher, die eigenen Geschäftsmodelle an Marktplätze wie Ebay, Amazon, Mercateo oder Kaufland anzubinden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Wie kann der Aufwand für das elektronische Business auch auf einer Vielzahl von Marktplätzen überschaubar bleiben?
Hannig: Prozessautomatisierung ist sicherlich eine wichtige Antwort. Eigene Verkaufsregeln können in der Cloud automatisch rund um die Uhr angewendet werden: Etwa dass ein Produkt immer um einen Betrag X unter dem Wettbewerbsangebot liegen soll. In der Praxis wird noch viel manueller Aufwand betrieben, um die jeweiligen Preise und Produktbilder für die Marktplätze im Blick zu behalten. Die Automatisierung von Nachbestellungen oder Versandinfos ist vor allem dann möglich, wenn die Systeme rund um Beschaffung, Produktion und Lagerverwaltung in einer Cloud-Plattform verbunden sind. Dann können auch Analyse-Tools aus den Daten im zentralen Daten-Hub lernen.
Bildquelle: Cosmo Consult GmbH