Protranet-Geschäftsführer Oliver Haberger.
ITM: Welche Art von IT-Weiterbildung bieten Sie an? Hat sich durch Corona etwas an Ihrem Angebot verändert?
Oliver Haberger: Das Angebot des Protranet Instituts mit seinen über 20 Jahren Erfahrung ist breit angelegt: Allein bei den offenen Seminaren haben wir in 19 Fachbereichen über 500 Themen im Programm – von der IT-Security über Microsoft, Cisco bis hin zur Programmierung und zum IT-Projektmanagement. Dazu kommen Inhouse-Schulungen, die bei jeder Buchung individuell auf die Bedürfnisse der Teilnehmer und des Unternehmens zugeschnitten werden.
Alle unsere Seminare können in drei unterschiedlichen Formaten besucht werden: als Präsenzveranstaltung in unseren Räumen, als Online-Trainings („Liveinar“) oder als eine Mischung aus beidem („Flexinar“). Zu unserem Glück hatten wir schon vor Jahren begonnen, die dafür notwendigen Konzepte zu entwickeln. Als die Pandemie ausbrach, waren wir in unseren Planungen weit fortgeschritten. Dadurch hatten wir einen Startvorteil, denn die Nachfrage nach Präsenzseminaren ist vergangenes Jahr schon aufgrund gesetzlicher Vorgaben massiv eingebrochen. Dank der neuen Lernformate konnten wir jedoch Umsatzrückgänge soweit abfedern, dass die Existenz unseres Instituts – im Gegensatz zu anderen – nie in Frage stand.
ITM: Inwiefern hat sich die Nachfrage nach IT-Weiterbildungen verändert? Auf welchen Gebieten haben Ihre Kunden verstärkt Bedarf?
Haberger: Die Nachfrage nach IT-Weiterbildungen ist gerade am Anfang der Pandemie stark gesunken, zeitweise um bis zu 80 Prozent. Dabei konnten wir keine Veränderung im Schwerpunkt der angefragten Themen feststellen. Stark verändert hat sich jedoch die Art der Durchführung der IT-Seminare: Die Präsenzveranstaltungen sind zunächst auf nahezu null heruntergefahren worden, während sich die Nachfrage nach Online-Lernformaten vervielfacht hat.
ITM: Wie ordnen Sie den Zusammenhang zwischen IT-Weiterbildung und Mitarbeiterzufriedenheit ein? Nehmen Mitarbeiter gern an entsprechenden Maßnahmen teil und wie kann man sie dafür „begeistern“?
Haberger: Das ist gerade in der IT ein schwieriges Thema. Mitarbeiter in diesem Bereich sind meistens überdurchschnittlich intelligent und mathematisch-naturwissenschaftlich geprägt. Die Kommunikation mit anderen gehört jedoch häufig nicht zu ihren Kernaufgaben und so sind viele von ihnen gewohnt, die meiste Zeit für sich zu arbeiten. Ein Seminar dagegen ist immer eine Veranstaltung in der Gruppe, auch wenn sie noch so klein ist.
Dies ist aus unserer Erfahrung ein Grund für eine gewisse Zurückhaltung von ITlern gegenüber Weiterbildungsveranstaltungen, wie wir sie aus anderen Bereichen nicht kennen. Ein wohl noch gewichtigerer Grund liegt in der Arbeitsbelastung vieler IT-Abteilungen, die in den vergangenen Jahren noch gestiegen ist. Wie wir aus Gesprächen wissen, ist das Aufgabenfeld vieler ITler inzwischen so breit und umfangreich, so dass sie nur sehr wenig Zeit für Weiterbildung zu haben glauben.
Ich sehe die Vorgesetzen in der Pflicht. Sie sollten ihren Mitarbeitern einerseits deutlich machen, dass niemand in einem solch dynamischen Bereich wie der IT dauerhaft bestehen kann, der sich nicht ständig weiterentwickelt. Auf der anderen Seite ist es Aufgabe der Führungskraft, Freiräume zu schaffen, die der Mitarbeiter für Weiterbildung nun einmal benötigt. Er sollte nicht das Gefühl haben, dass jedes Mal Feuer ausbricht, wenn er seinem Unternehmen für zwei Tage den Rücken zudreht.
ITM: Wie können Unternehmen nachhalten, ob ihre Mitarbeiter die neu erlernten Skills auch umsetzen?
Haberger: Das ist natürlich die alles entscheidende Frage, denn Weiterbildung ist eine Investition in den Mitarbeiter, die sich auszahlen muss. Wenn ich das Gelernte für mich behalte und nicht anwende oder noch schlimmer, nach einiger Zeit wieder vergesse, dann ist die Schulung für den Auftraggeber ein Verlustgeschäft. Vorgesetzte sollten es sich daher zur Aufgabe machen, ihre Mitarbeiter vor und nach einer Schulung eng zu begleiten, gemeinsam mit ihnen Ziele zu formulieren und sie gemeinsam auch zu überprüfen. Und dies nicht nur unmittelbar nach der Schulung, sondern auch nach einer längeren, vorher festgelegten Zeit, zum Beispiel nach zwei bis drei Monaten – am besten anhand tatsächlicher Projekte.
Dass dies im Tagesgeschäft nicht einfach umzusetzen ist, ist mir durchaus bewusst. Doch gibt es hierfür professionelle Unterstützung. Wir selbst bieten unter anderem Follow-up-Workshops an. Diese geben auch Raum für praxisbezogene Fragen und Beispiele, die im Nachgang an das Training aufgetaucht sind.
ITM: Haben Sie – gerade zu Beginn und im Verlauf der Corona-Pandemie – spezielle Remote-Work-Schulungen angeboten?
Haberger: Ja, wir arbeiten schon lange Zeit darauf hin, vollwertige digitale Lernformate anzubieten. Bei Beginn der Pandemie waren wir deshalb in der Lage, zwei neue Marken anzumelden. Dabei war uns besonders wichtig, bei den Schulungsinhalten keine Abstriche zu machen. Die Lernerfolge bei unseren Online-Formaten sind denen der Präsenzseminare vollkommen gleichwertig.
Dabei ist unter anderem entscheidend, dass die Online-Veranstaltungen interaktiv sind, die Teilnehmer in ständigem Austausch miteinander und dem Dozenten stehen und Platz für Fragen und individuelle Themen vorhanden ist.
ITM: Welche Tools wurden für die IT-Weiterbildung genutzt? Was lief gut, was nicht? Gab es technische Hürden?
Haberger: Anfangs war die größte Hürde die schlechte Übertragung durch überlastete Internetleitungen. Insbesondere Teilnehmer aus Berlin mussten sich immer wieder neu einwählen, was den Ablauf der Seminare erheblich gestört hat. Wir haben aber schnell reagiert und unsere Dozenten mit zusätzlichen medienpädagogischen Kompetenzen ausgestattet. Dadurch waren sie in der Lage, mit den technischen Herausforderungen souverän umzugehen und Seminarinhalte kurzfristig didaktisch an die Gegebenheiten anzupassen.
ITM: Die Cyberkriminalität ist in Zeiten der Pandemie angestiegen. Was haben Unternehmen im Bereich Schulungen und Trainings unternommen, um für mehr IT-Security und Awareness zu sorgen?
Haberger: Das ist ein echtes Paradoxon, für das ich für mich selbst noch keine endgültige Erklärung gefunden habe. Die Anzahl der Cyberattacken nimmt tatsächlich besorgniserregend zu und werden selbst für große Unternehmen zu einer echten Bedrohung. Dass dieses Thema sogar in einem Spitzengespräch zwischen Joe Biden und Wladimir Putin zur Sprache kam, zeigt, wie ernst es inzwischen von der Politik genommen wird. Die Angriffe werden täglich mehr und die Ziele zu allem Überfluss auch noch verwundbarer, denn die Vulnerabilität der Netze hat sich durch das Homeoffice spürbar erhöht. Kein Wunder, dass die Versicherungsprämien gegen Cyberangriffe zurzeit steigen. Die aus meiner Sicht einzig logische Konsequenz wäre, in den Wettlauf mit den Hackern endlich einzusteigen und verstärkt in die IT-Sicherheit zu investieren. Dazu zählt selbstverständlich auch die Weiterbildung der eigenen Fachleute. Dies nehmen wir allerdings – merkwürdigerweise – nicht wahr.
ITM: Wie sehen Sie speziell den Mittelstand im Bereich IT-Weiterbildung aufgestellt? Was können Unternehmen verbessern?
Haberger: Leider behandelt ausgerechnet der Mittelstand, der doch am flexibelsten sein müsste, das Thema IT-Weiterbildung sehr stiefmütterlich. Das hat strukturelle Gründe: Die IT-Abteilungen im Mittelstand sind oft zu klein und stark überlastet. Mancher Mitarbeiter sieht sich in der Rolle des Mädchens für alles und kümmert sich neben der Gehaltsabrechnung auch um das iPhone des Vertriebschefs. Man gibt ihm dadurch zu verstehen, dass er unentbehrlich ist und keinen Tag fehlen darf, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Keine guten Voraussetzungen, um ihn für Weiterbildung zu motivieren.
ITM: Wie sieht die IT-Weiterbildung der Zukunft aus? Werden die Änderungen, die wir durch Corona erfahren haben, bestehen bleiben – oder wird sich nur ein Teil durchsetzen?
Haberger: Die Pandemie, die so viel Leid über viele Familien und ganze Nationen gebracht hat, hat weltweit einen gewaltigen Innovationsschub ausgelöst. Das lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Was Bestand haben und was mit der Pandemie wieder verschwinden wird, mag heute noch nicht in jedem Detail klar sein. Doch bin ich sicher, die neuen Seminarformen, online und hybrid, werden bleiben. Die Vorteile sind zu offensichtlich und für Teilnehmer und Unternehmen gleichermaßen mit der Hand zu greifen: Denken Sie nur an die Zeit- und Kostenersparnis, die Planungssicherheit durch die garantierte Durchführung. Das ist aber nur die Oberfläche, die Veränderungen, die wir gerade erleben, sind wesentlich tiefgreifender.
Die Digitalisierung hat unser Kommunikationsverhalten jetzt schon nachhaltig verändert und aller Voraussicht nach ist das Ende dieser Entwicklung noch lange nicht erreicht. Ganz gewiss wird der persönliche Kontakt auch in Zukunft wichtig bleiben. Doch bieten die neuen Medien weitere Möglichkeiten, sich zu vernetzen und sich auszutauschen – über jede Distanz, über Ländergrenzen hinweg und viel einfacher und besser, als das früher möglich war. Das gilt selbstverständlich auch für das Lernen im Allgemeinen und die Weiterbildung im Besonderen.
Bildquelle: Protranet