Marko Hilbert verfügt über mehr als 15 Jahre Berufserfahrung im Bereich der IT Infrastruktur.
ITM: Herr Hilbert, welche örtlichen Gegebenheiten sind für den Bau bzw. die Eröffnung eines neuen Rechenzentrums von großer Bedeutung?
Hilbert: Wichtig ist vor allem, dass die Umgebung rund um das Data Center mit einem Glasfasernetz ausgestattet ist – das verbessert die Konnektivität. Darüber hinaus ist es vorteilhaft, wenn sich das Rechenzentrum in der Nähe eines Internetknotenpunktes befindet. Wer sich also immer gefragt hat, warum es in Frankfurt und Umgebung so viele Rechenzentren gibt: Das liegt einfach daran, dass der DE-CIX, der weltgrößte Internetknotenpunkt, dort seinen Sitz hat. Aber auch der LINX in London und der AMS-IX in Amsterdam sind zu nennen.
ITM: Wie lässt sich ein RZ heutzutage besonders klimafreundlich und energieeffizient gestalten?
Hilbert: Für mehr Nachhaltigkeit bei Rechenzentren müssen die Verantwortlichen ganzheitlich an die Sache herangehen. Zunächst ist es wichtig, erneuerbare Energien für den Regelbetrieb zu nutzen – und das möglichst aus der Region bezogen. Eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Gebäudes, die Energie direkt in die Anlage einspeist, senkt etwa die CO2-Bilanz. Für den Notbetrieb kann statt des klassischen Diesels ein synthetischer Kraftstoff für die Notstromaggregate genutzt werden.
Das ist aber längst nicht alles, denn Nachhaltigkeit fängt schon beim Bau des Rechenzentrums an. So sollte die Produktion der Baumaterialien für die Gebäudehülle möglichst CO2-neutral erfolgen. Hinzu kommt die Frage, ob man die entstandene Wärme gegebenenfalls in das Nahwärmenetz der nächsten Stadt einspeisen kann, statt sie einfach aus dem Rechenzentrum in die Umwelt zu entlassen. Der Weg zur CO2-Neutralität setzt sich aus vielen kleinen Zwischenschritten zusammen.
ITM: Was sind dabei häufige Herausforderungen bzw. Stolpersteine?
Hilbert: Der Bau eines Rechenzentrums ist sehr komplex. Das bedeutet, dass viele Partner an einem Strang ziehen und vorausschauend planen müssen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Ein Beispiel: Die Einspeisung der Wärme in das Nahwärmenetz vor Ort bedarf einer engen Abstimmung mit den hiesigen Stadtwerken weit vor Baubeginn. Denn das Wärmenetz muss nah genug am Rechenzentrum liegen, die Abwärme braucht eine bestimmte Temperatur, die unter Umständen vorab mit Wärmepumpen angepasst werden muss. Es braucht viel Engagement von vielen Seiten.
ITM: Welche RZ-Zertifizierungen und Standards stehen im Zusammenhang mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ im Fokus?
Hilbert: Natürlich gibt es die Klassiker wie die ISO-Norm 50001:2011 für das Energiemanagement oder den Power Usage Effectiveness (PUE)-Wert. Dieser sagt aus, wie effizient ein Rechenzentrum arbeitet und ist im Idealfall kleiner als 1,25. In letzter Zeit wurde allerdings eine neue Kennziffer für die Energieeffizienz entwickelt: Die Corporate Average Data Center Efficiency oder kurz CADE. CADE wurde vom Up Time Institute und McKinsey Consulting eingeführt, um eine einheitliche Kennzahl zur Ermittlung des Stromverbrauchs und der Effizienz von Rechenzentren insgesamt zu schaffen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Moderne, virtualisierte Server lassen die IT-Prozesse effizienter arbeiten und Lastreduzierung, optimierte Verkabelung und effizientes Kühlungsmanagement sorgen für mehr Nachhaltigkeit des gesamten Gebäudebetriebs. Da dieser Ansatz also nicht nur die Effizienz der Server berücksichtigt, sondern die der kompletten Rechenzentrumsanlage, ist er viel aussagekräftiger als der traditionelle PUE-Wert. Je höher der CADE-Wert ist, desto energieeffizienter ist ein Rechenzentrum.
ITM: Das neue Datacenter von Ionos im britischen Worcester basiert auf einer modularen Bauweise. Was bedeutet das genau und welche Vorteile bringt es?
Hilbert: Das bedeutet, dass jedes Modul des Data Centers völlig unabhängig von den anderen Modulen ist. Etwas vereinfacht ausgedrückt, stellt jedes Modul ein eigenes Rechenzentrum für sich dar. Zur Eröffnung im Oktober 2022 haben wir bereits zwei Module ausgebaut; es ist jedoch Platz vorhanden für drei weitere, wenn wir weiter skalieren möchten. Um immer auf dem aktuellen technischen Stand zu sein, lassen sich in den weiteren Modulen technologische Fortschritte berücksichtigen.
ITM: Was zeichnet anno 2022 ein modernes RZ letztlich aus?
Hilbert: Ein modernes Rechenzentrum zeichnet sich durch folgenden Dreiklang aus: Es bringt eine hohe Performance und Sicherheit mit einem nachhaltigen, energiesparenden Gesamtkonzept optimal in Einklang. Hinzu kommt, dass das Data-Center-Gebäude, die Data-Center-Architektur, die Versorgungssysteme und die IT stärker aufeinander abgestimmt werden.
Bildquelle: Ionos