Annegret Pille-Hentschel ist eine erfahrene Expertin in den Bereichen „Cloud- und Cloud-Infrastructure-Consulting“.
Frau Pille-Hentschel, inwieweit zählt Cloud Computing für deutsche Unternehmen bereits zum festen Bestandteil ihrer Digitalisierungsstrategie?
Pille-Hentschel: Mit den vielen Möglichkeiten, die die Cloud inzwischen für Unternehmen bereithält, ist eine zeitgemäße Digitalisierungsstrategie ganz ohne Cloud Computing letzten Endes nicht zu realisieren. Grund ist auch, dass die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen neue Technologien adaptieren müssen, kaum noch eine Alternative zur Cloud zulassen. Mit ihr können vorgefertigte Services, Plattformen und eben solche Zukunftstechnologien sehr schnell und unkompliziert bezogen werden. Außerdem sehen wir, dass relevante Software-Anbieter viele ihrer Komponenten perspektivisch ausschließlich über die Cloud anbieten werden, sodass der Betrieb im eigenen Rechenzentrum schon bald als Alternative entfallen dürfte. Neben dem Innovationsschub erwarten die Unternehmen durch den Bezug von Cloud-Diensten oder einem Umzug ihrer IT-Landschaft in die Cloud aber auch relevante Kosten- und Zeitersparnisse. Die spannende Frage, auch hinsichtlich der Digitalisierungsstrategie, ist also längst nicht mehr ob, sondern wie Unternehmen in die Cloud migrieren. Denn auch hier geht es nicht ohne eine entsprechende Strategie. In der aktuellen Studie „Cloud Migration 2023“, an deren Entstehung auch wir beteiligt waren, zeigt sich klar, dass fast 90 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland inzwischen die Notwendigkeit eines strategischen Vorgehens auch bei der Migration in die Cloud erkannt haben.
Warum hapert es bei dem einen oder anderen Unternehmen noch an der Umsetzung?
Pille-Hentschel: Insbesondere in kleinen oder mittelständischen Unternehmen sind die IT-Abteilungen in aller Regel schon mit den täglichen Kernaufgaben hinreichend ausgelastet, sodass betriebliche Innovationsprozesse wie der Aufbau einer Cloud-Struktur bzw. ein so großes Transformationsprojekt wie die Cloud-Migration nicht mit der nötigen Sorgfalt vorangetrieben werden können. Es fehlen schlicht die finanziellen und personellen Kapazitäten, teilweise auch das hierfür notwendige interne Know-how, um eine reibungslose Migration und Implementierung zu gewährleisten. Ein weiteres Thema sind noch immer bestehende Sicherheits- und Datenschutzbedenken, die bei der Migration in die Cloud, insbesondere in die Public Cloud, eine große Rolle spielen. Dem gegenüber steht, dass moderne Cloud-Anbieter inzwischen viel investiert haben, um einen bestmöglichen Schutz vor unberechtigtem Datenzugriff und -verlust zu gewährleisten. Die Sicherheit in der Public Cloud steht dank hochentwickelter Designs und Überwachungsmaßnahmen den lokalen Rechenzentren also in nichts mehr nach und übertrifft diese durch den professionellen Betrieb großer Anbieter sogar in vielen Fällen. Dennoch führen beide genannten Gründe noch immer zu einer gewissen Zurückhaltung – vor allem im Mittelstand.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Was sind die größten Herausforderungen einer Cloud-Migration?
Pille-Hentschel: Nicht nur das Verhältnis von Umsatz zu IT-Kostenbudget ist bei Mittelständlern ein anderes als in Großkonzernen, auch die Zahl der Menschen, die an der Umsetzung beteiligt sind und die auch nach dem eigentlichen Change-Prozess die Systeme übernehmen und betreuen sollen, ist eine andere. Zwei der größten Herausforderungen bei der Cloud-Migration sind deshalb die effektive Steuerung sowie die Organisation des gesamten Projekts. Außerdem stehen Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Transformationsprojekte zunehmend unter hohem Zeitdruck, da die Projekte, wie schon bemerkt, erhebliche Ressourcen binden und die Fenster der noch akzeptablen Down-Zeiten immer kleiner werden. IT-Entscheider sollten sich darüber hinaus immer im Klaren sein, dass sich der Betrieb einer Cloud-Landschaft deutlich von dem Betrieb einer On-Premises-Landschaft unterscheidet. Das betrifft die Wartung und Aufrechterhaltung der Systeme, die IT-Sicherheit, die Datensicherung oder die Verwaltung von Zugriffsrechten und vieles andere. Entscheider müssen sicherstellen, dass die Ressourcen für all diese Aufgaben auch tatsächlich im Betrieb gegeben sind. Zudem muss die IT-Abteilung neue Rollen und Funktionen in den Teams schaffen, da ein optimaler Nutzen einer Cloud nur dann entsteht, wenn der Betrieb die Verfahren und Möglichkeiten der Cloud adoptiert und seine Skills entsprechend erweitert oder anpasst.
Wie lassen sich die individuellen Anforderungen von Unternehmen in eine passende Cloud-Strategie übersetzen?
Pille-Hentschel: Um Kapazitäten zu schonen und die IT-Abteilungen zu entlasten, greifen viele Unternehmen auf die Implementierung bereits vorkonfigurierter Cloud-Anwendungen zurück. Das ist aber in den meisten Fällen zu kurz gegriffen, weil sich diese oft nur umständlich an die individuellen Anforderungen des Unternehmens anpassen lassen. Eine erfolgreiche Cloud-Strategie braucht eine klare Ausrichtung an den Unternehmenszielen und eine enge Einbindung in die bestehende IT-Gesamtstrategie. Weil hierfür auf den verschiedenen Ebenen von der Infrastruktur bis zur Anwendung definiert werden muss, durch welche Cloud-basierten Technologien die eigene IT-Strategie optimal ergänzt werden kann, gibt es hierfür keine einfache Blaupause. Es empfiehlt sich daher, von Cloud-Advisory-Services Gebrauch zu machen, d.h. sich mit Experten zusammenzusetzen, die im Detail eine auf den Kunden zugeschnittene Strategie entwerfen. Konkret bedeutet das, dass im Rahmen von Vorprojekten die bestehenden Businessprozesse beleuchtet werden, genauso wie andere wichtige Themen wie Cybersicherheit und deren Einbettung in das zukünftige Setup. Vor dem eigentlichen Umzug in die Cloud führen wir außerdem bei vielen unserer Kunden eine IT-Infrastrukturanalyse durch, um einen ersten Überblick über die erforderlichen Aufwände und Kosten eines Cloud-Betriebs zu erhalten. Dafür wird die bestehende IT-Landschaft automatisiert analysiert und anschließend ein Szenario für eine Abbildung z.B. in der Public Cloud entwickelt. So lassen sich u.a. Budgets und Zeitbedarfe vielfach besser einschätzen.
Welche Cloud-Option ist in welchen Fällen am erfolgversprechendsten?
Pille-Hentschel: Bei den meisten Kundenunternehmen geht der Weg in die Public Cloud. Gerade für mittelständische Unternehmen, die nicht annähernd die Expertise und Ressourcen für Sicherheitsstandards wie die großen Hyperscaler vorhalten können, ist diese Form der Cloud eine sehr verlässliche Alternative zum eigenen Rechenzentrum geworden. Bei der Wahl des Anbieters sind neben der Infrastructure-as-a-Service-Dienste (IaaS) in der Public Cloud aber auch die Platform-as-a-Service- (PaaS) und die Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS) der Hyperscaler zu beachten, da hier mitunter die noch stärkere Differenzierung besteht. Außerdem sollte sich jedes Unternehmen immer auch fragen, ob es seine individuellen Bedürfnisse vollständig über einen einzigen Anbieter abdecken kann und will, weil es in vielen Fällen durchaus sinnvoll sein kann, neben der Nutzung verschiedener SaaS-Lösungen auch eine Multi-Cloud-Strategie für IaaS-nahe Dienste in Betracht zu ziehen. Die hybride Cloud-Variante ist für Unternehmen die Lösung der Wahl, wenn es darum geht, ihre bestehende Infrastruktur beizubehalten und trotzdem von den neuen Software-Lösungen und Anwendungsfeldern in der Public Cloud zu profitieren.
Wie kann die Migration effizient und ohne negative Auswirkungen auf den laufenden Betrieb vollzogen werden?
Pille-Hentschel: In den meisten Fällen empfehlen wir bei der Daten- und Systemmigration ein sukzessives Vorgehen, statt die gesamte IT-Infrastruktur in einem Zug durch die Cloud-fähigen Lösungen zu substituieren. Beim Lift-and-Shift-Verfahren werden die bestehenden Systeme ohne Änderung des Applikationsdesigns vom Rechenzentrum direkt in die Cloud verlagert. Dieses Vorgehen stellt sicher, dass die bewährte technische Basis zunächst nicht wesentlich verändert wird, was die Risiken im Migrationsprozess deutlich minimiert, besonders wenn Zeit und Budget eine wichtige Rolle spielen. Wichtig zu wissen ist, dass die weitere Nutzung von nicht Cloud-tauglichen Konzepten bei diesem Vorgehen zunächst keine signifikanten Kostenvorteile bietet, da die eigentlichen Effizienzvorteile der Cloud auf diese Weise nicht voll ausgeschöpft werden. Wir empfehlen im Anschluss, immer eine Phase der Konsolidierung mit einzuplanen, um weitere Potenziale zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung durch die Nutzung der Cloud nicht unter den Tisch fallen zu lassen.
Bildquelle: NTT Data Business Solutions