„Man muss sich von der Vorstellung des perfekten Lebenslaufs verabschieden“, meint Philipp Leipold.
ITM: Herr Leipold, mit der Coronavirus-Pandemie hat sich der Fachkräftemangel in der IT verschärft. Warum sollten mittelständische Unternehmen Ihrer Meinung nach auf Quereinsteiger setzen?
Philipp Leipold: Gerade in der IT sind Fachspezialisten ein sehr rares Gut. Vor allem Mittelständler stehen häufig in einer sehr fordernden Konkurrenzsituation mit deutlich größeren und zahlungskräftigeren Marktbegleitern. Da fällt es schwer, nicht nur in den strukturschwacheren Regionen Top-Talente anzuziehen. Quereinsteiger bringen wertvolle neue Perspektiven und Erfahrungen in gegebenenfalls festgefahrene Strukturen ein. Verbunden mit einem praxisorientierten Umschulungs- und Einarbeitungskonzept hat man so exklusiven Zugang zu einer ganz eigenen Zielgruppe, anstatt sich dem kosten- und kraftintensiven Abwerbewahnsinn hingeben zu müssen.
ITM: Wie sehen spezielle Lehrgänge oder IT-Bootcamps für Quereinsteiger aus?
Leipold: Wir fokussieren uns bei unseren Accelerated-Learning-Programmen auf das Erreichen konkret beschriebener Learning Outcomes. Man geht von faktischen Praxisfällen aus und bearbeitet diese dann sehr anwendungsorientiert im Team. Dies spiegelt den späteren Arbeitsalltag am besten wider. Zuvor vermitteln wir die notwendigen IT-Grundlagen, die sich unsere Lernenden primär im Eigenstudium unter Verwendung unterschiedlicher Medien aneignen.
ITM: Inwiefern können Unternehmen von einer Vielfalt an Mitarbeitern profitieren?
Leipold: Diverse Teams sind nachweislich nicht nur kreativer und stabiler, sondern bringen einen höheren Output. Auf Organisationsebene stellt eine diverse Mitarbeiterschaft sicher, das alternative Auffassungen und Perspektiven aus der Sicht aller essenziellen Stakeholder wahrgenommen und idealerweise in strategische Entscheidungen integriert werden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Da wir gerade beim Thema Vielfalt sind: Was muss getan werden, damit die Tech-Branche auf mehr Frauen-Power zurückgreifen kann?
Leipold: Zuallererst braucht es ein Umdenken im Recruiting. Es darf nicht mehr nur um ein einfaches Matching von Curriculum Vitae und Anforderungsprofil gehen. Man muss sich von der Vorstellung des perfekten Lebenslaufs verabschieden: Es geht mehr um das Morgen als um das Gestern. Außerdem braucht es, auch innerhalb des eigenen Unternehmens, mehr konkrete Vorbilder, an denen man sich orientieren kann. Und auch wenn Vielfalt so viel mehr bedeutet, als den Frauenanteil zu erhöhen: Gerade in dieser Zielgruppe sind flexible, virtuelle und asynchrone Arbeitsmodelle noch sehr viel wichtiger!
ITM: Welche Auswirkungen und Folgen hat die Coronavirus-Pandemie auf und für die IT-Weiterbildung der Zukunft?
Leipold: Corona hat aus unserer Sicht zu einem breiten Digitalisierungsschub geführt. Der Großteil der Arbeitnehmer war gezwungen, in ein virtuelles Arbeitsumfeld zu wechseln. Grundsätzlich hat das sehr gut geklappt, was die Zuversicht in das Potenzial neuer Technologien kurzfristig nachweislich erhöht hat. Wir hoffen nun sehr, dass es sich dabei nicht nur um ein Strohfeuer handelt, sondern Arbeitgeber auch langfristig auf digitale Tools und das damit verbundene Mindset von Vertrauen, kontinuierlichem Lernen und konstanter Innovation setzen werden.
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