KI-Technologie

„Never change a running system“

Im Interview erklärt Peter Konhäusner, Professor Digital Entrepreneurship der Gisma University of Applied Sciences, welche Vorteile KI-Technologie für den deutschen Mittelstand bringt.

KI-Technologie

„Die Künstliche Intelligenz wird mittelfristig in jedem Bereich so allgegenwärtig sein wie das Internet es heutzutage schon ist“, sagt Peter Konhäusner.

ITM: Herr Konhäusner, wie bewerten Sie den aktuellen Status Quo in Bezug auf den praktischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im deutschen Mittelstand?
Konhäusner: Der deutsche Mittelstand ist in Bezug auf den Einsatz von KI in dreierlei Hinsicht gefordert: Innovation, Mitarbeiter und Datenschutz. In Bezug auf Innovation stellt die Künstliche Intelligenz eine tolle Möglichkeit dar, um sich vom Wettbewerb abzuheben und auch international reüssieren zu können. Hier kann auch kurzfristig ein Wettbewerbsvorsprung entstehen. Dennoch schrecken viele Mittelständler davor zurück, da es auch Investition und natürlich Risiken bedeutet. Die Mitarbeiter wiederum stehen der KI eher zurückhaltend bis ablehnend gegenüber - sie fürchten Machine Learning und Big Data als Grund, ihren Job zu verlieren. Vielmehr sollte man hier jedoch das Upskilling-Potenzial in den Vordergrund rücken - auch von Arbeitgeber-Seite aus. Was nämlich den Arbeitgeber nachhaltig fordert, ist der Fachkräftemangel: Selbst wenn der Innovationsmotor KI erkannt wird, finde ich mitunter gar nicht das Personal, um ihn anspringen zu lassen. Zur Unsicherheit in Bezug auf KI in Deutschland tragen auch Fragen bzw. Unklarheiten im Bereich der europäischen Richtlinien zu Datenschutz und Copyright bei. Was darf man tun? Wovon sollte man die Finger lassen? Der Mittelstand ist für die Innovationsfähigkeit Deutschlands nachhaltig wichtig, wird aber durch Konkurrenten aus Asien und Amerika derzeit im Bereich KI nach und nach abgehängt. Hier müssen Politik und Verbände gegensteuern.

ITM: Welche Vorteile kann der KI-Einsatz für Mittelständler bringen?
Konhäusner: Einerseits können KMU durch den gezielten KI-Einsatz Wettbewerbsvorteile realisieren - und das nicht nur regional, sondern national, vielleicht sogar international. Hier spreche ich nicht vom Einsatz eines Tools, sondern dem konzertierten, abgestimmten und maßgeschneiderten Ansatz, KI Teil der Value Chain werden zu lassen. Dies führt zu mehr Kundenzufriedenheit, Wiederkehr der Kunden und letztlich zu höherem Gewinn. Außerdem können durch den Einsatz von KI-Lösungen relevante Daten generiert werden, die wiederum in datengetriebene Entscheidungen münden. Andererseits heben KMU durch den KI-Einsatz nachhaltige Effizienzgewinne. Dabei geht es jedoch nicht darum, Mitarbeiter abzubauen, was oftmals im Raum steht. Mitarbeiter sind und bleiben die wichtigste Ressource für Unternehmen, die ihre dynamic capabilities erhalten wollen und nicht von KI-Lösungen abhängig werden wollen. Doch muss klar sein, dass Teilprozesse im Unternehmen durch den Einsatz von KI komplett umgestaltet und verkürzt werden können - insofern sehen wir einen ähnlichen Quantensprung in der Produktivität wie durch Internet oder Mobiltelefon.

ITM: Wo liegen noch die größten Probleme zur praktischen Anwendung?
Konhäusner: KMU leiden seit Jahren unter dem Fachkräftemangel - das spitzt sich nun durch die Anforderungen an einen zeitgemäßen Einsatz von KI zu. Die KMU müssen als Arbeitgeber attraktiv sein, um entsprechendes Personal anzuziehen (Employer Branding). Zudem macht sich ein KMU durch den Einsatz von KI-Lösungen zu einem Stück weit auch von diesen abhängig. Für viele Unternehmer gilt auch: „Never change a running system“. Manchmal sind die Vorteile von KI auch noch zu unklar - wobei dies im Unterschied zu Technologien wie Blockchain weitaus offensichtlicher erscheint.  Im Lichte der aktuellen internationalen Debatten rund um Copyright und Datenschutz ist es zudem für KMU oftmals nicht klar, wo und wie tief KI-Lösungen eingesetzt werden sollten bzw. dürfen. Investiert man zu früh, geht man ein Risiko ein, Geld zu verlieren, investiert man zu spät, so ist man vielleicht schon von vielen Konkurrenten überholt worden. Das Innovations-Mindset von KMU muss sich manifestieren - aber es wird natürlich stark von externen Faktoren beeinflusst.

ITM: Was würde helfen, um diese Hürden erfolgreich zu überwinden?
Konhäusner: Hier sind drei Felder zu beleuchten: Politik, Leuchttürme und Leadership. Politische Akteure erkennen zunehmend, dass Deutschland an internationaler Wichtigkeit als Industrie- und Innovationsstandort verliert. Nach Internet, Mobiltelefonie, Web 2.0, Solarenergie und E-Mobility ist die KI die nächste Schlüsseltechnologie, in der es ein internationales Wettrennen um die Pole Position gibt. Derzeit sieht es so aus, als hätte diese China inne - und zwar mit Abstand. Auf Platz zwei kommen die USA. Deutschland ist unter ferner liefen zu finden. Das Innovationsklima, das eng mit Investments, Infrastruktur und Bürokratie zusammenhängt, muss sich ändern, um einen Turnaround zu schaffen - und das klappt nur, wenn die Impulse in der Politik gesetzt werden. Referenzprojekte, die wie Leuchttürme wirken, können sowohl die politischen Akteure anfachen wie auch positiv in den Bemühungen verstärken. Dabei geht es auch um Kommunikation, denn es gibt schon viele erfolgreiche Cases, aber diese müssen aufgearbeitet und aufbereitet werden, so dass der Mittelstand sieht, wo der Erfolg liegt. Im Grunde ist dies dann ein (Weiter)Bildungsthema. Und zuletzt geht es, im innersten Kern der Organisation, um das richtige Mindset, um den Leadership Spirit, der von der Managementebene an die Mitarbeiter weitergegeben werden wird. Dabei ist es keine Frage, ob die Perspektive weitergegeben wird, sondern nur die Frage, wie sie sich manifestiert. Artefakte, Unternehmenskultur.

ITM: Welche Berufsbilder werden sich aus Ihrer Sicht künftig am stärksten durch KI verändern?
Konhäusner: Das ist eine sehr weitreichende Frage. Im Grunde werden sich alle Berufsbilder ändern - denn die KI wird mittelfristig in jedem Bereich so allgegenwärtig sein wie das Internet es heutzutage schon ist. Die KI wird uns Arbeit abnehmen, Freiräume schaffen, Ideen geben. Ich denke da über kurz oder lang an Szenarien wie in Gene Roddenberrys Star-Trek-Universum, wo es keine Rohstoffknappheit mehr gibt, Hologramme virtuelle Realitäten schaffen, Mobilität allgegenwärtig ist und niemand mehr Hunger leider muss. Ganz konkret bedeutet der Einsatz von KI, dass Routineaufgaben ersetzt und Kreativprozesse ergänzt werden. In erster Linie wird es um Effizienzgewinne und Einsparungen gehen, da dadurch die low haning fruits im Sinne von Gewinnmaximierung erreicht werden können. Erst mittel- bis langfristig wird sich das gesamte Potenzial der KI zeigen - wobei auch hier darauf geachtet werden muss, dass die Einsatzmöglichkeiten einer neuen Technologie auch negative Auswüchse annehmen können. Hier sind ethische und moralische Richtlinien gefragt.

Bildquelle: Gisma University of Applied Sciences

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