Walter Hofmann, Director Cloud Solutions bei Comparex,
ITM: Herr Hofmann, anhand welcher Zertifizierungen oder Gütesiegel können mittelständische Verantwortliche die Qualität und Sicherheit von Cloud-Services bewerten?
Walter Hofmann: Bislang werden für Cloud Computing noch keine spezifischen Zertifizierungen angeboten. Stattdessen verwenden Cloud-Anbieter allgemeine IT-Sicherheitszertifizierungen wie ISO/IEC-27001 oder 27002-Zertifizierungen der International Organization for Standardization (ISO). Ein international anerkanntes Gütesiegel sollte jedoch schnellstmöglich erarbeitet werden. So wird ein europäisches Gütesiegel in naher Zukunft angestrebt.
ITM: Wie sollten Mittelständler am besten vorgehen, wenn sie bestehende Systeme in die Wolke eines Cloud-Service-Providers hieven möchten?
Hofmann: Unternehmen sollten grundsätzlich eine Private Cloud anstreben. Wo diese steht und wer sie betreibt, ist egal. Hat sich ein Unternehmen dazu entschieden, seine Daten in die private Cloud heben, ist es im Vorfeld ratsam, eine Ist-Analyse durchzuführen, um den Reifegrad der bestehenden Dienste zu überprüfen und den Aufwand abzuschätzen, der sich bei der Überführung in eine Private-Cloud-Infrastruktur ergibt.
ITM: Worauf sollte bei einer solchen Migration in die Private Cloud vor allem geachtet werden? Welche Hürden müssen gemeistert werden?
Hofmann: Die Basis für eine Cloud-Umgebung ist eine durchgehende Virtualisierung der IT-Infrastruktur (Server, Netzwerk, Storage). Dabei müssen die Private-Cloud-Lösungen eine mit traditionellen IT-Umgebungen vergleichbare Form der Isolierung bieten. Der nächste Schritt ist die Erweiterung durch entsprechende Automatisierung und Orchestrierung. Eine besondere Herausforderung ist dabei der Umbau der existierenden IT-Organisation in die Organisationsform der Cloud.
Dabei gilt es, einigen Punkten besondere Aufmerksamkeit zu widmen, um mögliche Stolpersteine zu vermeiden:
• Datenschutz: Ziel ist es, geeignete Wege zu finden, um Daten performant bereitzustellen, zu sichern und alle Regeln des Datenschutzes einzuhalten.
• Management: Komponenten wie Server, Netzwerk oder Client können nicht mehr einzeln betrieben werden. Es ist zwingend notwendig, einen hohen Standardisierungs- und Automatisierungsgrad zu erreichen, also ein möglichst einheitliches Management zu realisieren.
• Skalierung: Mit dem Aufbau einer Private-Cloud-Umgebung ist das Ziel einer leichten und effizienten Skalierbarkeit verbunden. Ressourcen, Applikationen und Services sollen schnell und automatisiert für Kunden und Anwender bereitgestellt werden.
• Monitoring: Wichtige Dienste und das Load Balancing müssen überwacht sowie die End-User-Performance einbezogen werden. Das Monitoring nach reinen Hardware-Key-Performance-Indikatoren ist bei einer Cloud-Umgebung nicht mehr ausreichend.
• Sicherstellung der Performance und Stabilität: Bereitgestellte Applikationen müssen hinsichtlich ihrer Performance in der Cloud-Umgebung überprüft und notwendige Apps auf ihren Ressourcenbedarf hin überprüft werden. Desweiteren sollte unbedingt ein Change-Management-Prozess eingeführt werden. Denn getreu dem Motto „Never touch a running system“ können Änderungen in der Konfiguration gravierende Auswirkungen haben und das komplette System lahmlegen.
ITM: Wie können Unternehmen die einmal in die Cloud gegebenen Systeme bzw. Applikationen wieder in einen herkömmlichen Eigenbetrieb zurückholen? Oder ist die Entscheidung zugunsten einer Cloud per se eine Einbahnstraße?
Hofmann: Diese Problematik taucht nur für die Nutzung einer Public Cloud auf und ist derzeit nicht sauber zu lösen. Für den Einsatz einer Private-Cloud-Lösung gilt:
Betrachtet man die vier Faktoren Wirtschaftlichkeit, Flexibilität, Servicevorteil und Umsetzungsgeschwindigkeit, liegt der Schritt zu einer Private Cloud klar auf der Hand. Hier werden die IT-Ressourcen speziell auf die Anforderungen des Anwenders zugeschnitten und innerhalb des Unternehmens bereitgestellt. Damit ein Unternehmen im Nachhinein nicht aus allen Wolken fällt, hilft ein IT-Dienstleister dabei, eine eigene Cloud-Computing-Umgebung aufzubauen. Dies bringt mehrere Vorteile mit sich: Individuelle Anpassbarkeit der Cloud-Lösung, eine bessere Auslastung der Infrastruktur sowie eine schnelle Umverteilung von Ressourcen. Außerdem behält das Unternehmen die volle IT-Kontrolle und -Sicherheit, da die Private Cloud nur für das Unternehmen aufgesetzt wird und die Daten somit auch dort bleiben wo sie hingehören.
ITM: Wie aufwendig ist die Migration von einem zum anderen Cloud-Service-Partner? Wie kann dies ohne Ausfallszeiten für den Kunden realisiert werden bzw. welche weiteren Hürden sind denkbar?
Hofmann: Diese Problematik taucht nur für die Nutzung einer Public Cloud auf und ist derzeit nicht konkret zu beantworten oder mit einem Aufwand zu beziffern. Niemand kann heute sagen was bei einem Wechsel eines Public-Cloud-Anbieters mit den bisherigen Daten beim „alten“ Anbieter passiert und ob diese rechtskonform gelöscht oder überschrieben werden.
Für Unternehmen sprechen viele Gründe gegen eine Public Cloud. Aus Sicht des Datenschutzes empfehle ich eine Private Cloud, um die volle IT-Kontrolle und -Sicherheit über die eigenen Daten zu haben. Da die Private Cloud innerhalb eines Unternehmens aufgesetzt wird, bleiben alle Daten beim Unternehmen.