Recht auf Reparatur

Refurbished IT oder lieber Neuware?

Im Interview erklärt Martin Hügli, der als General Manager für Deutschland und Österreich beim Fairtech-Start-up Back Market tätig ist, was es u.a. mit dem „Recht auf Reparatur“ auf sich hat.

Recht auf Reparatur

„Gerade bei schwer reparierbaren Geräten mit geringem Neubeschaffungspreis lohnt die Reparatur aktuell oft nicht“, betont Martin Hügli.

ITM: Herr Hügli, wie hoch sind die CO2-Emissionen von Mobilgeräten während ihres Lebenszyklus?
Martin Hügli: Das entscheidet sich vor allem zu Beginn ihres Lebens, da der Produktionsprozess eines Smartphones für bis zu 90 Prozent des CO2-Fußabdrucks und Rohstoffverbrauchs verantwortlich ist. Durch die eigentliche Nutzung entsteht vergleichsweise wenig zusätzliches CO2. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir als Gesellschaft weniger CO2 verbrauchen, wenn wir unsere Geräte länger als die aktuell durchschnittlich zwei bis drei Jahre nutzen. Da viele Smartphones noch funktionsfähig sind oder repariert werden können, wenn wir sie ersetzen wollen, wäre das zweifelsohne möglich. Eine professionelle Wiederaufbereitung oder auch ein Refurbishment der Geräte schenkt ihnen ein weiteres Leben und spart im Vergleich zum Kauf von Neuware unglaubliche 92 Prozent CO2e (= CO2-Äquivalente) und Rohstoffe. Bei ca. 380 pro Minute in Europa verkauften Neugeräten liegt in der Verlängerung der Lebensdauer von Geräten also ein gewaltiges Einsparungspotenzial. 

ITM: Welche Rolle spielt Refurbished IT im deutschen Mittelstand?
Hügli: Im Mittelstand sehen wir ein wachsendes Interesse an professionell wiederaufbereiteten Geräten. Viele mittelständische Unternehmen suchen nach smarten Möglichkeiten, um ihre Klimabilanz zu verbessern. Wie die zuvor genannten Zahlen zeigen, birgt der Einsatz von Refurbished IT anstelle von Neuware hier ein großes Potenzial. Das gilt übrigens auch für den Verkauf ausgemusterter Hardware an Refurbisher, mit dem jedes Unternehmen Anschaffungen gegenfinanzieren und gleichzeitig zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft beitragen kann. Vorbehalte bestehen oft noch angesichts der notwendigen Löschung sensibler Daten auf den Geräten. Für dieses Problem bieten viele der professionellen Anbieter am Markt aber schon längst zertifizierte Lösungen. Weitere Herausforderungen in der Beschaffung sind die direkte Verfügbarkeit einer größeren Zahl identischer Geräte sowie das Flottenmanagement.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Was verbirgt sich hinter dem „Recht auf Reparatur“ und was kann damit erreicht werden?
Hügli: Hinter dem „Recht auf Reparatur“ steht die Forderung nach verschiedenen politischen Maßnahmen, die zusammengenommen einen Systemwandel rund um die Reparatur bewirken sollen. Denn aktuell gibt es noch zu viele Hürden für Reparaturen. Dazu gehört z.B. ein Produktdesign, welches Reparaturen erschwert und dadurch in vielen Fällen unrentabel macht. Aber auch die Verfügbarkeit von fair bepreisten Originalersatzteilen und Reparaturanleitungen wird in der Praxis durch viele Hersteller eingeschränkt. Durch ein „Recht auf Reparatur“ würde ein breites Angebot qualitativ hochwertiger sowie kostengünstiger Reparaturmöglichkeiten geschaffen. Verbraucher können dann selbest wählen, ob und wie sie ein defektes Produkt reparieren (lassen) wollen, und profitieren ansonsten von einem Angebot an Refurbished IT, das noch breiter und preisgünstiger wird. Auch für den Mittelstand bedeutet dies ganz konkret Kosteneinsparungen sowie mehr Entscheidungsfreiheit bei der Wahl der eigenen IT-Strategie. 

ITM: Welche Geräte eignen sich nicht für „Refurbished“?
Hügli: Grundsätzlich eignen sich alle Geräte für eine professionelle Wiederaufbereitung. Denn diese bedeutet nicht zwingend eine Reparatur. Nur Geräte mit einem Defekt oder abgenutzten Verschleißteil, wie z.B. einer nicht mehr ausreichend leistungsfähigen Batterie, werden repariert. Gerade „jüngere Gebrauchte“ werden nach einem umfassenden Funktionstest oft nur gereinigt, Daten werden gelöscht, der Zustand des Geräts wird eingestuft und dann wird es mit neuen Garantien verkauft. Man muss aber fairerweise sagen, dass sich gerade bei schwer reparierbaren Geräten mit geringem Neubeschaffungspreis die Reparatur aktuell oft nicht lohnt. Deshalb ist das „Recht auf Reparatur“ von zentraler Bedeutung. Denn durch ein nachhaltiges, weil leicht reparierbares, Produktdesign sowie günstig verfügbare Ersatzteile verschiebt sich die Grenze der Rentabilität. Wenn gute Produkte darüber hinaus sehr langlebig sind, lohnt es sich zudem, wieder mehr in qualitativ hochwertige Produkte zu investieren.

Bildquelle: Back Market

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