„Ein Krankenhausaufenthalt ist in der Regel erst einmal nichts Schönes. In den Waldkliniken Eisenberg wollen wir diesen Stress für den Gast reduzieren“, sagt David-Ruben Thies.
„Wir haben vor ein paar Monaten unsere Kunden nach ihren Erfahrungen befragt, um einen so genannten Net Promoter Score (NPS) zu erfassen. Und das Ergebnis war 57 – was exzellent bedeutet“, erläutert David-Ruben Thies.
„Wenn wir mal Millionen von Datensätzen im System haben, dann kann man diese auch für KI-Anwendungen nutzen. Und dann wird es richtig spannend“, sagt David-Ruben Thies.
Genauer gesagt: Cloud-Lösungen von Salesforce, mit denen die Waldkliniken eine elektronische Patientenakte umgesetzt haben, wie sie auf Bundesebene schon seit vielen Jahren diskutiert wird. Im Interview mit IT-MITTELSTAND, in dem David-Ruben Thies bevorzugt von Gästen statt von Patienten spricht, erklärt er, welchen konkreten Nutzen das System bringt, wie die Herausforderung „Datenschutz“ bewältigt wurde und warum das Gesundheitsministerium begeistert ist.
ITM: Herr Thies, Sie verfolgen mit den Waldkliniken Eisenberg ein besonderes Konzept. Welche Rolle spielt dabei die IT?
David-Ruben Thies: Eine sehr wichtige – und dabei geht es um zwei Aspekte: Ich beginne zunächst mal beim Gast. Um ihn dreht sich schließlich alles. Aber wenn er heute in ein Krankenhaus geht, dann wird ihm früher oder später ein riesiger Papiersalat auf den Schoß gelegt. Tausende von Fragebögen, Zettel für die Anamnese, die Aufklärung zur OP und so weiter. Und das alles in einem Moment, der ohnehin schon stressig für ihn ist. Denn ein Krankenhausaufenthalt ist in der Regel erst einmal nichts Schönes. In den Waldkliniken Eisenberg wollen wir diesen Stress für den Gast reduzieren. Wir möchten ihm die Möglichkeit geben, zu Hause in aller Ruhe diesen ganzen formalen Kram zu erledigen. Das ist Teil eins der Idee.
ITM: Und Teil zwei?
Thies: In der Regel sind bereits viele Daten zu einem Patienten vorhanden – z.B. die des Hausarztes oder des Facharztes. Die Ärzte arbeiten zwar mit unterschiedlichen Programmen, fragen aber immer wieder das Gleiche ab: Geburtsdatum, Blutgruppe, Vorerkrankungen, aktuelle Medikation, etc. Wir haben uns an dieser Stelle die Frage gestellt: Wie kann man diese Daten mit Zustimmung des Patienten strukturiert von A nach B bekommen, damit dem Gast nicht immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden müssen?
ITM: Wie erreichen Sie das?
Thies: Wir haben eine elektronische Patientenakte aufgebaut, die Daten werden also im Hintergrund zentral gehalten. Das große Ziel dabei ist ein durchgängiges Concierging – wie das in den USA genannt wird. Dabei geht es darum, den Patienten durch die manchmal komplizierten Abläufe im Gesundheitswesen zu führen und ihm immer an der richtigen Stelle den passenden Content zur Verfügung zu stellen. So geben wir ihm eine klare Struktur und Sicherheit. Darüber hinaus befreien wir die Mitarbeiter von diesem ganzen administrativen Wahnsinn.
ITM: Wer ist an diese Patientenakte angebunden?
Thies: Bisher ist die Patientenakte nur für unseren kleinen Konzern implementiert. Wir betreiben ja ein eigenes medizinisches Versorgungszentrum mit Hausärzten, Fachärzten, Physio, Reha, Sanitätshaus und so weiter. Man kann sagen: Alles, was es im deutschen Gesundheitswesen üblicherweise gibt, haben wir hier selbst.
ITM: Was war der Auslöser, eine solche Lösung einzuführen?
Thies: Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem klassischen Customer-Relationship-Management-System (CRM). Und wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, dann stößt man früher oder später auf Salesforce. Ich hatte dann die Chance, nach San Francisco zu reisen und mich dort genauer mit Salesforce zu beschäftigen. Dort habe ich in einer Klinik gesehen, welche Möglichkeiten die Health Cloud bietet – also die Lösung jenes Anbieters, die speziell auf die Anforderungen im Gesundheitswesen zugeschnitten ist. Damit lassen sich die Patienten sehr gut durch das gesamte System führen. Sie bietet viele notwendige Funktionen – von der Terminerstellung bis zum Bereitstellen von Unterlagen und noch viel mehr. Und das innerhalb einer heterogenen Systemlandschaft mit unterschiedlichen Leistungserbringern. Als ich das gesehen habe, war sofort die Idee da: Damit könnte man doch auch in Deutschland bzw. in Europa arbeiten. Und ich glaube, wir waren dann tatsächlich die ersten in Europa, die eine solche Lösung eins zu eins umgesetzt haben.
ITM: Allein die Suche nach einem CRM ist doch für ein Krankenhaus eine ungewöhnliche Maßnahme.
Thies: Ja, das ist richtig. Wir haben ein Servicecenter – eine Art Callcenter – mit Inbound- und Outbound-Telefonie. Dabei geht es darum, die Gäste besser kennenzulernen. Wenn z.B. ein Patient bei uns am Knie operiert wurde, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass er irgendwann auch an dem anderen Knie oder an der Hüfte operiert werden muss. Und wir können ihn dann beispielsweise fragen: „Wie geht es Ihnen? Brauchen Sie einen neuen Termin? Ist alles in Ordnung?“ So haben wir uns stärker mit dem Thema „Kundenbindung“ beschäftigt. Und dazu braucht man eben ein CRM-System, denn kein Krankenhausinformations- oder Praxisinformationssystem kann das auch nur ansatzweise leisten.
ITM: Das heißt, auch im Gesundheitswesen geht es darum, die Kunden – also die Patienten – an sich zu binden?
Thies: Wir bieten hier am Standort eine elektive Orthopädie an – man kann sich also aussuchen, in welches Krankenhaus oder zu welchem Arzt man gehen möchte. Und wenn es diese Wahlmöglichkeit gibt, entsteht automatisch ein Wettbewerb. Es geht darum, die Gäste oder Patienten für sich zu gewinnen. Und wenn wir ihnen die Teilnahme an unserem System ermöglichen, binde ich sie möglicherweise an uns. Dann sagen sie: „Das ist ja alles viel komfortabler als anderswo. Dann gehe ich beim nächsten Mal wieder nach Eisenberg.“
ITM: Welche Lösungen von Salesforce setzen Sie denn ein?
Thies: Wir nutzen eine Kombination unterschiedlicher Clouds. Das Kernstück ist sicherlich die Health Cloud. Diese muss aber, damit sie gut funktioniert, mit der Community Cloud verbunden werden. Zudem verwenden wir die Sales Cloud sowie die Service Cloud. In der nächsten Ausbaustufe werden wir noch die Marketing Cloud einführen, um dann auch kundenspezifische Abfragen automatisiert durchführen zu können.
ITM: Wenn man hört, dass ein deutsches Unternehmen aus dem Gesundheitswesen die Cloud-Lösungen eines US-Anbieters einsetzt, denkt man sofort an die Datenschutzproblematik. War das eine Herausforderung?
Thies: Also grundsätzlich kann ein Rechner, der in einem Krankenhaus im Keller steht, niemals so sicher sein wie bei einem Cloud-Anbieter. Wir waren uns der Komplexität beim Thema „Datenschutz“ in Deutschland natürlich bewusst. Doch wir konnten alles zu 100 Prozent umsetzen – auch mit Zustimmung des Thüringer Landesdatenschutzbeauftragten. Dessen Freigabe – das macht es besonders wertvoll – hat eine europaweite Bedeutung. Die EU hat ja sehr klare Regeln gesetzt und die US-Anbieter halten sich daran. Die großen Provider wie Apple, Google und Salesforce teilen sich Rechenzentren wie z.B. in Frankfurt, Paris und Irland – also auf europäischem Boden.
ITM: Wie schaffen Sie ein einheitliches System, wenn Sie verschiedene Cloud-Lösungen einsetzen?
Thies: Die Basis dafür ist Mulesoft – die Integrationsplattform von Salesforce. Mit deren Hilfe können tausende von Schnittstellen miteinander kommunizieren. Damit gelingt es, strukturierte Daten von den unterschiedlichen Partnern für den jeweiligen Patienten zusammenzufassen: alle Termine der Leistungserbringer, alle Briefe, alle Dokumentationen, die aktuelle Medikation und so weiter. Und nur der Patient bestimmt, wer welche Diagnosen von ihm sehen darf. Alle Daten, die zu einem Patienten vorliegen – vorausgesetzt er hat uns die Freigabe dafür gegeben –, laufen automatisiert in die Cloud hinein. Und diese schreibt auch in die anderen Systeme wieder zurück. Wir nennen unsere Health Cloud übrigens „Helsi“ – also mit „s“, weil Deutsche das „th“ oft wie ein „s“ aussprechen.
ITM: Das heißt, „Helsi“ läuft nur im Hintergrund?
Thies: Genau. Der einzige, der wirklich auf einem Web-Frontend arbeitet, ist der Gast bzw. Patient. Alle Mitarbeiter der Waldkliniken nutzen die gleiche Standard-Software wie bisher. Sie sehen gar nicht, was dahintersteckt.
ITM: Waren denn Schulungen notwendig?
Thies: Nein, es waren keine Schulungen oder ähnliches notwendig. Das ist ja das Coole: Jeder arbeitet weiter in dem für ihn bekannten und bewährten System.
ITM: Wie nutzen die Patienten das System?
Thies: Sie erhalten einen Link, über den sie auf das webbasierte Frontend zugreifen. Dieses wird dem Endgerät entsprechend angepasst – also für Smartphone, Tablet oder Laptop.
ITM: Wie wird die elektronische Patientenakte angenommen?
Thies: „Helsi“ ist ein Pilotprojekt und es befinden sich momentan 25.000 Patienten auf der Plattform. Von den Patienten, die wir konkret bzgl. einer Teilnahme an der Plattform ansprechen, ist ungefähr ein Drittel daran interessiert. Wir haben vor ein paar Monaten unsere Kunden nach ihren Erfahrungen befragt, um einen so genannten Net Promoter Score (NPS) zu erfassen. Und das Ergebnis war 57 – was exzellent bedeutet. Wenn man bedenkt, dass wir erst 2018 mit dem Projekt begonnen haben und schon jetzt ein solch guter NPS herauskommt, dann ist das wirklich faszinierend.
ITM: Wie lässt sich denn der Nutzen des Systems zusammenfassen?
Thies: Für die Mitarbeiter bringt das System eine enorme Entlastung. Man sagt, dass in deutschen Krankenhäusern ungefähr 40 bis 45 Prozent der Tätigkeit eines Arztes oder einer Pflegefachkraft für Dokumentationen und ähnliches draufgehen. Aber keiner hat diesen Job gewählt, um administrative Aufgaben zu erledigen. Dank „Helsi“ und den damit verbundenen Automatisierungen können wir die Mitarbeiter davon befreien und ihnen wieder mehr Zeit für ihre echte Berufung zurückgeben. Das kommt dann wiederum dem Gast bzw. dem Patienten zugute. Für ihn bedeutet es außerdem, dass alle – vom Hausarzt, über den Chirurg bis zum Physiotherapeuten – auf dem gleichen Kenntnisstand sind. Damit vermeiden wir Doppeluntersuchungen. Der Patient muss z.B. nicht mehrmals geröntgt werden, weil die Daten nicht bekannt sind oder das Bild nicht verfügbar ist. Das ist ein Riesengewinn für den Patienten – und auch für die Volkswirtschaft. Denn so können Kosten für unnötige Untersuchungen im Gesundheitswesen gespart werden.
ITM: Sie haben von Automatisierung gesprochen. Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Thies: Wir haben beispielsweise im System hinterlegt, was mit einem Patienten mit einer Knieendoprothese – einem künstlichen Kniegelenk – passiert. Also: Was geschieht am ersten postoperativen Tag, am zweiten, am dritten und so weiter – bis zur Entlassung. Sowohl der Arzt als auch die Pflegefachkraft greifen dann über das Smartphone oder das Tablet genau auf die Informationen wie To-Do-Listen oder Termine zu, die für den jeweiligen Patienten an dem entsprechenden Tag relevant sind.
ITM: Sie haben von vielen verschiedenen Playern gesprochen, die in das System bei den Waldkliniken involviert sind. Würden Sie sagen, dass diese Heterogenität symptomatisch ist für das gesamte Gesundheitswesen?
Thies: Das ist sicherlich so. Kein Krankenhaus oder kein niedergelassener Arzt kommt plötzlich auf die Idee, sein Enterprise-Resource-Planning-System (ERP) auszutauschen. Denn er nutzt dieses seit vielen Jahren und hat sich daran gewöhnt. Die Software-Systeme arbeiten für sich allein ja auch sehr gut. Warum sollte man also irgendetwas daran ändern? Und so entsteht dann eine sehr heterogene IT-Landschaft. Auf der anderen Seite gibt es aber immer einen Patienten mit einem Blutwert und einer Medikationsliste. So entsteht dann die Frage, wie man diese Daten vollautomatisiert von einer Software zur anderen bekommt. Das ist das Kernstück unserer Arbeit hier gewesen.
ITM: War diese Integrationsarbeit eine große Herausforderung in Ihrem Projekt?
Thies: Die größte Herausforderung war es, die jeweiligen auf dem Markt bestehenden Leistungsanbieter davon zu überzeugen, sich uns gegenüber zu öffnen. Ich meine damit die Partner, deren Software wir einbinden wollten. Das hat die meiste Energie und Zeit gekostet.
ITM: Von welchen Anbietern sprechen Sie?
Thies: Ich spreche von den Herstellern des Krankenhausinformationssystems, des Praxisinformationssystems, der ERP-Software für die Rehabilitation, die Online-Apotheke, das Sanitätshaus und so weiter.
ITM: Gibt es dafür keine Standards?
Thies: Es gibt mit der HL7-Schnittstelle zwar einen Standard für den Austausch von Daten zwischen Organisationen im Gesundheitswesen. Doch das ist nur die Theorie. Ich mache diesen Job nun schon seit vielen Jahren und muss feststellen, dass dieser Standard de facto kaum funktioniert. Es ist jedes Mal sehr viel Nacharbeit nötig.
ITM: Gab es weitere Herausforderungen im Projekt?
Thies: Eine weitere Herausforderung bestand darin, die Politik davon zu begeistern, dieses Pilotprojekt zu fördern. Glücklicherweise hat der Freistaat Thüringen relativ schnell das Potenzial gesehen. Die Verantwortlichen haben erkannt, dass hier die Möglichkeit besteht, für das gesamte Land Thüringen eine einheitliche Patientenakte zu schaffen. Dank dieser Weitsicht wurde das Projekt finanziert. Das zweite große Thema war sicherlich – wie bereits kurz angesprochen – der Datenschutz, also die drei Faktoren „Software eines US-Anbieters“, „Cloud“ und „Patientendaten“ zusammenzubringen. Wir haben daher schon von Projektbeginn an den Landesdatenschutzbeauftragten und dessen Mitarbeiter miteinbezogen. So konnten wir von Anfang an die Datenschutzanforderungen berücksichtigen und gleichzeitig sicherstellen, dass die Funktionalität des Systems nicht eingeschränkt wurde. Das ist aus meiner Sicht das eigentlich Coole an dem Projekt.
ITM: Sind Sie beim Projekt bzgl. der Kosten und Zeit im Plan geblieben?
Thies: Absolut. Wir konnten das Projekt in neun Monaten abschließen – was mich selbst überrascht hat. Und die knapp 1,2 Mio. Euro, die uns das Land an Fördergeldern zur Verfügung gestellt hat, haben für den ersten Beweis gereicht.
ITM: Sie haben von dem Potenzial des Projekts für Thüringen gesprochen. Nun wird ja bereits seit langer Zeit über eine einheitliche Patientenakte für den gesamten Bund diskutiert – ohne bisher zu einem zählbaren Ergebnis zu kommen. Könnte Ihr Projekt auch dafür ein Vorbild sein?
Thies: Nicht nur bundesweit, sondern sogar für die gesamte EU. Mit unserer Lösung wäre es kein Problem, eine zentrale Patientenakte in Europa umzusetzen. Das wäre ein riesiger Gewinn. Man muss sich das mal vorstellen: Egal in welchem europäischen Land ich bin – wenn mir etwas passiert, sind meine kompletten Patientendaten sofort verfügbar. Das spart extrem viel Zeit bei der Diagnostik. Menschen kann so wirklich schneller geholfen werden. In Dänemark gibt es bereits eine solche nationale elektronische Patientenakte und seit ihrer Einführung ist die Sterblichkeitsrate deutlich gesunken.
ITM: Gibt es vonseiten der Politik Interesse an der Lösung?
Thies: Fairerweise muss man sagen, dass im Hintergrund bereits sehr viel an diesem Thema gearbeitet wird. Aber unsere Variante war den politisch Verantwortlichen noch nicht bekannt. Daher war ich vor kurzem im Bundesgesundheitsministerium – in der neuen Abteilung für Digitalisierungsfragen. Dort habe ich unser System vorgeführt und meine Gesprächspartner waren begeistert. Sie werden uns demnächst hier in Eisenberg besuchen, um sich die Lösung live vor Ort anzuschauen. Im Grunde hat unser System das Potenzial, die elektronische Patientenakte Deutschlands zu werden.
ITM: Ihr Projekt war gerade abgeschlossen, als die Corona-Pandemie ausbrach. Konnten Sie in dieser Zeit von dem einheitlichen System profitieren?
Thies: Unser „Helsi“ hat uns besonders im Ambulanzbereich geholfen. Uns standen viel mehr Informationen im Vorfeld zur Verfügung, weil die Patienten schon zu Hause ihren Onboarding-Prozess gestalten konnten. Dadurch gab es weniger Kontaktpunkte zwischen den Mitarbeitern und den Gästen – zumindest im gesamten Aufnahmeprozess.
ITM: Gibt es nach den guten Erfahrungen Pläne, das System auszubauen?
Thies: Wir konnten über das Krankenhausfinanzierungsgesetz weitere Fördergelder akquirieren, um „Helsi“ zu erweitern und mit zusätzlichen Funktionen auszustatten. So werden wir z.B. auch die Marketing Cloud von Salesforce integrieren. Damit können wir u.a. im Sinne einer Qualitätssicherung automatisiert bei unseren Patienten nachfragen, wie es ihnen nach ein, zwei oder drei Jahren geht. Zudem wollen wir mehr Content ins System bekommen – z.B. kleine Filme, die erklären, was bei einer OP passiert und wie man sich darauf vorbereitet. Es geht darum, an Optimierungen zu arbeiten, mit denen wir die Patienten noch besser auf die Customer Journey mitnehmen können.
ITM: Soll die Lösung auf die Waldkliniken begrenzt bleiben?
Thies: Nein. Ein weiteres Ziel ist es, die Lösung künftig auch nach außen zu öffnen. Wir wollen die Systeme von Ärzten und Kliniken anbinden, die nicht zu unserem „Mini-Konzern“ gehören. Denn wenn die vollständige Dokumentation zu einem Patienten bereits in Krankenhaus A liegt, warum sollte Krankenhaus B dann nicht auch davon profitieren?
ITM: Müssen Sie dabei wieder Überzeugungsarbeit leisten?
Thies: Es ist noch relativ schwierig, Ärzte dafür zu begeistern. Denn viele denken, dass dies mit mehr Aufwand für sie verbunden ist. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Für die Ärzte ändert sich im Alltag nichts, sie können im Grunde genauso weiterarbeiten wie bisher. Aber ihnen stehen noch mehr Daten zur Verfügung, die sie selbst nicht mehr erheben brauchen.
ITM: Gibt es noch weitere Pläne?
Thies: Es wird auch noch eine zweite Ausbaustufe geben. In dieser werden wir uns u.a. damit beschäftigen, wie Röntgenbilder in befundfähiger Qualität im System abgelegt werden können. Das ist zurzeit noch nicht möglich. Heute gibt es in dem entsprechenden Ordner nur eine kleine Jpeg-Datei und einen Befundbrief. Aber das Bild mit der nötigen Qualität zu hinterlegen, stellt noch eine Herausforderung dar. Und das lösen wir dann im zweiten Schritt.
ITM: Es ist bereits heute zu sehen, dass Künstliche Intelligenz (KI) in der Medizin sehr nützlich sein kann. Beschäftigen Sie sich auch damit?
Thies: Ja. Ich glaube aber, das wird erst interessant, wenn noch mehr Patienten auf der Plattform sind. Wenn wir mal Millionen von Datensätzen im System haben, dann kann man diese auch für KI-Anwendungen nutzen. Und dann wird es richtig spannend.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Welche Möglichkeiten könnten das sein?
Thies: Ich denke dabei an die gesamte Diagnostik. In diesem Bereich wird sich in den kommenden zehn Jahren das Berufsbild des Arztes erheblich ändern. Wenn es beispielsweise um den Befund eines Röntgenbilds geht, wird KI irgendwann dem Menschen deutlich überlegen sein. Das ist sie zum Teil ja schon heute. Der Arzt wird natürlich zum Schluss immer noch einmal auf den Befund schauen und letztendlich die Entscheidung fällen. Aber stellen Sie sich mal vor, man hat sich international irgendwann auf einen Kommunikationsstandard geeinigt und kann dann z.B. ein Knieröntgenbild mit allen anderen der vergangenen zehn Jahre vergleichen. Dann wird es möglich sein, Dinge festzustellen, die noch niemandem bekannt sind. Aber dafür benötigt man eine einheitliche Datenstruktur, wie wir sie gerade hier in Eisenberg schaffen.
ITM: Könnte das, was die Waldkliniken tun, eigentlich auch jedes andere Krankenhaus umsetzen?
Thies: Ja, sofort. Gerade bei chronischen Krankheiten wie etwa Diabetes oder langfristigen Krebstherapien ist es besonders wichtig, Interoperabilität zwischen den Systemen herzustellen und alle Daten eines Patienten auf einer Plattform zu haben. Das wäre Gold wert.
ITM: Was raten Sie anderen Krankenhäusern?
Thies: Einfach machen. Wir haben hier gezeigt, dass eine elektronische Patientenakte funktionieren kann. Und dies ist auch anderswo möglich.
David-Ruben Thies
Alter: 55 Jahre
Werdegang: Thies begann seine Karriere im Gesundheitswesen als examinierter Krankenpfleger in München. Später legte er das Diplom zum Krankenhausbetriebswirt ab.
Aktuelle Position: seit 2008 CEO der Waldkliniken Eisenberg GmbH mit dem Deutschen Zentrum für Orthopädie, an den WKE und der Meine Polikliniken GmbH in Thüringen
Die Waldkliniken Eisenberg ...
... sind die einzige universitäre Orthopädie Thüringens. Sie sind Sitz des Deutschen Zentrums für Orthopädie und der Professur für Orthopädie des Universitätsklinikums Jena. Pro Jahr werden ambulant und stationär 60.000 Patienten behandelt. Die Waldkliniken beschäftigen 777 Mitarbeiter. Seit Ende Oktober 2020 bieten sie Patienten aller Krankenkassen in ihrem von Star-Architekt Matteo Thun designten Neubau den Komfort eines Sterne-Hotels. Das ist so außergewöhnlich, dass über die Waldkliniken sogar schon ein Kinofilm gedreht wurde.
Bildquelle: Anna Schroll