Benutzeroberflächen von Mittelstands-ERP-Systemen mausern sich kräftig

Schöne neue Frontend-Welt

Hersteller und Anbieter von ERP-Software für den Mittelstand drehen bei den Frontends beziehungsweise Clients mächtig am Innovationsrad. Kein Wunder – die sogenannte Mensch-Maschine-Schnittstelle ist beim Buhlen um die Kundengunst längst zu einem Top-Differenzierungsmerkmal avanciert.

Es ist schon einigermaßen auf- und augenfällig: Praktisch zeitgleich bemühen sich zwei Keyplayer bei ERP-Software für den Mittelstand, nämlich SAP und Microsoft, den Fokus auf neue Frontends/Clients zu lenken. Beim Walldorfer Softwarekonzern heißt das Kind „SAP Netweaver Business Client“; der Desktop-Herrscher nennt seinen Spross für die MS-Dynamics-Lösungen „Role Tailored Client“. Aber auch andere wollen in Sachen Frontends oder Clients auf sich aufmerksam machen. Nicht immer direkt mit Neuentwicklungen, schon mal auch mit der PR-Aufbereitung einer durchgeführten Studie.

Initiiert hat eine derartige unlängst der ERP-Mittelstandsanbieter IFS; durchgeführt vom Marktforschungsunternehmen IDC. Und zwar eine internationale Studie beziehungsweise Umfrage über „die Rolle von Benutzerfreundlichkeit und Flexibilität in Enterprise-Applikationen“. Ein interessantes Ergebnis: die Mehrheit der befragten Unternehmen, nämlich 60 Prozent, sehen demnach „Usability“ als wichtiges Kriterium beim Kauf eines neuen Systems an – 24 Prozent hielten das laut der Presseinfo sogar als für den wichtigsten Aspekt.

Doch sind es nicht nur die zuvor genannten Unternehmen, ebenso andere, wie etwa Abas, Proalpha, Cormach (Semiramis), Exact, CSS und, und, und… –  eben faktisch die gesamte ERP-Anbieterschar greift verstärkt das Thema Frontends auf, ist offenbar gezwungen, sich diesem anzunehmen oder es aufmerksamkeitswirksam zu adressieren. Nach Einschätzung von Frank Niemann, Princial Consultant beim Marktbeobachter und Consultingunternehmen Pierre Audoin Consultans (PAC), hat diese Art von Hype vor allem mit Folgendem zu tun: „Frontends für ERP-Systeme unterliegen Trends. Die Bedienkonzepte etwa von Webdiensten färben auf diese Frontends ab. Zudem sind sie ein wichtiges Entscheidungskriterium für Käufer und einen wesentliches Differenzierungsmerkmal für Hersteller geworden.“

Mehr als ein schickes Look-and-Feel

Fakt ist nun einmal: Software wird für die Anwender in einem Unternehmen über das Frontend beziehungsweise die Benutzeroberfläche greifbar oder wahrgenommen. Somit fungieren Clients als die Mensch-Maschine-Schnittstelle. Weist ein Frontend nicht oder nur in einem begrenzten Umfang all jene Eigenschaften auf, die von Anwendern erwartet werden oder sich vorfinden, ist es um die Zufriedenheit der User schlecht bestellt.

Doch nicht nur damit. Nutzer können ihre täglichen Aufgaben, die mit einem ERP-System zu erledigen sind, weniger produktiv bewältigen. PAC-Consultant Niemann drückt es so aus: „Die besten Funktionen nutzen wenig, wenn sich der Anwender nicht zurechtfindet. Somit hängt die Akzeptanz der Lösung in hohem Maße von der Oberfläche und der Bedienerführung ab. Zudem gibt es ganz praktische Gründe: Je besser das Frontend den jeweiligen Anwender – Buchhalter, Einkäufer, Verkäufer und so weiter – unterstützt, desto effizienter kann das Unternehmen die ERP-Funktionen nutzen.“

Vor allem der zuletzt genannte Punkt ist es, den mehr oder weniger alle Anbieter von mittelständischen ERP-Lösungen derzeit forcieren oder adressieren: nämlich unterschiedlichste Anwendergruppen in einem Unternehmen noch bedarfsgerechter mit einem geeigneten Frontend/Client zu unterstützen, eben „rollenbasiert“. „Das Auge isst mit, und natürlich folgt eine Benutzeroberfläche auch ästhetischen Gesichtspunkten. Ziel ist für die jeweilige Rolle, den Entscheidungshorizont und den Handlungsrahmen der Nutzer ansprechend und intuitiv zu präsentieren“, konstatiert Proalpha-Vorstand Markus Klahn zum Thema Rollenbasierung.

Dass auf Benutzerrollen basierende Frontends/Clients sinnvoll sind und Vorteile mit sich bringen, steht außer Zweifel. „Davon profitiert jeder Anwender, unabhängig von der Größe des Unternehmens. Die Idee dabei ist, dem Benutzer die für seine Aufgaben benötigen Funktionen, Informationen und Berichte bereitzustellen, ohne dass er sich diese selbst in einer Menüstruktur suchen muss“, erklärt PAC-Consultant Niemann.  

Microsoft kokettiert damit, dass im neuen Role Tailored Client 61 Rollen mitgeliefert werden. SAP stellt mit dem Netweaver Business Client sogenannte „technische Benutzerrollen“ für unterschiedliche Einsatzgebiete im Rahmen ihrer All-on-One-Mittelstandslösungen bereit und dürfte jene Zahl von Microsoft toppen, zumal SAP-Mittelstandspartner die Möglichkeit haben, weitergehende Inhalte auf einfache Art und Weise zu integrieren und den Kunden zur Verfügung zu stellen. Aber auch bei ERP-Systemen anderer Anbieter setzt man auf die Rollenbasierung. Bei Abas beispielsweise: „In der Abas-Business-Software können wichtige Informationen für einen Arbeitsplatz rollenbasiert in nur einer Ansicht gebündelt werden. Weiterführende Aktionen lassen sich aus der Maske heraus durchführen“, streicht Technikvorstand Peter Walser heraus.  

Allerdings ist es fraglich, ob es wirklich auf eine schiere Zahl an bereitgestellten Rollen ankommt. Vielmehr dürfte es von Belang sein, inwieweit die vordefinierte Rollen auch tatsächlich die Anwendererfordernisse im Mittelstand berücksichtigen oder ob es einfache Möglichkeiten gibt, die vorgegebenen Rolleninhalte von Frontends/Clients schnell, flexibel und entsprechend den Wünschen der Anwender punktgenau einzustellen respektive neue zur Verfügung zu stellen. Den Zugriff auf neue oder ganz bestimmte Funktionen/Transaktionen etwa, die Möglichkeit, selbst Icons hinzuzufügen, die Einbindung von Webinhalten in der unterschiedlichsten Art und Weise, Designänderungen und anderes mehr.

Vorbild Smartphone-Usability

In Sachen Frontends quasi die Rechnung ohne den Wirt – gemeint: ohne die Anwender – zu machen, wäre fatal. Das wissen auch die Anbieter, und handeln dementsprechend. Wie SAP sagt, hat man allein bei der User-Interface-Komponente (UI Shell) einen weltweiten Usability-Test über Jahre hinweg durchgeführt. Ferner will Microsoft nach eigenem Bekunden etwa 2.000 Anwender aus dem Mittelstand um ein Feedback angesprochen haben. Und Proalpha, Abas oder IFS etwa befragen nach eigenen Angaben Anwender sozusagen kontinuierlich, was in Sachen Usability zu verbessern wäre oder führen ebenfalls entsprechende Tests durch. Dass sich Anwender in punkto Benutzerfreundlichkeit Verbesserungen wünschen, darauf deutet zumindest die eingangs genannte IFS-IDC-Studie hin. Dort heißt es nämlich: „Lediglich 29 Prozent der Befragten meinen, dass ihre Unternehmensanwendungen einfach und intuitiv zu bedienen sind.“

Was Hersteller im Zusammenhang mit ihren Frontends/Clients unter „einfach und intuitiv“ verstehen lässt sicherlich viel Raum für  Diskussionen und Auslegungen. Zumal „das jeder Hersteller auf seine Weise interpretieren mag“, so das Ondit von PAC-Softwarekenner Niemann dazu. Er versteht unter „intuitiv“ unter anderem, dass „sich dem Anwender auf einen Blick seine möglichen Handlungsoptionen erschließen und er bisherige und folgende Arbeitsschritte verstehen kann. Zudem gehört dazu, dass sich ein Nutzer ohne lange Schulung schnell im System zurechtfindet und damit seine Aufgaben erledigen kann.“ Natürlich schreiben sich alle Anbieter bei ihren Frontends/Clients in der einen oder anderen Art und Weise auf die Fahne, dass sie „einfach und intuitiv bedienbar“ sind.

Proalpha-Vorstand Klahn vertritt die Auffassung, dass „die Nutzer einer ERP-Software andere Aufgaben haben, als sich mit einer komplizierten Bedienung eines Systems vertraut zu machen. Ein ERP-System ist ein Werkzeug, welches mit gleicher Intuition bedient werden will, wie ein aktuelles Smartphone“. Ob sich die Frontends in dieser Richtung weiterentwickeln? Sehr wohl möglich. Es hat auf jeden Fall ganz den Anschein, als ob die ERP-Anbieter von Mittelstandslösungen viel stärker als in der Vergangenheit in ihre Frontends beziehungsweise Benutzeroberflächen investieren und ein wirkliches Mehr an dieser ERP-Ecke bieten. Und zwar genau das, was Anwender für ihre Arbeit benötigen und – so SAP – „was sie sehen wollen“.

Bildquelle: iStockphoto.com/Peshkova

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