Sicherheit im Mittelstand

„Security-Outsourcing noch zu wenig akzeptiert“

Laut Anton Kreuzer, CEO von Drivelock SE, haben Mittelständler oft nicht die Ressourcen und Fachkräfte, IT-Sicherheitsmaßnahmen ganzheitlich umzusetzen. Die Lösung, IT-Security professionell outzusourcen, sei aktuell noch zu wenig akzeptiert.

Anton Kreuzer, CEO von Drivelock SE

„Als Einfallstor fungiert oft auch veraltete Software oder nicht nachgezogene Patches“, warnt Anton Kreuzer.

ITM: Herr Kreuzer, welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie 2020 auf die Cyberkriminalität in Deutschland ausgeübt?
Anton Kreuzer:
Das Thema „Corona“ hat Anlass zu weiteren Attacken gegeben: Kriminelle nutz(t)en geschickt den gestiegenen Informations- und Aufklärungsbedarf der Menschen aus, um durch gefälschte E-Mails zum Thema „Corona“ z.B. an Zugangsdaten zu kommen, schadhafte Anhänge zu versenden oder User auf infizierte Seiten zu lenken und somit die Systeme zu infiltrieren. Der Trojaner Emotet hat nachweislich erneut einen Schub im Kontext der Pandemie erhalten.

Viele Arbeitsplätze wurden in das private Umfeld verlagert. Das Homeoffice birgt damit neue Risiken: Beipielsweise ist nicht immer eine Festplattenverschlüsselung vorhanden, z.T. werden private Geräte genutzt (Bring Your Own Device) oder private Datenträger (USB-Sticks, externe Festplatten o.Ä.). angeschlossen. Der schnelle und direkte Draht zu Kollegen fehlt, um z.B. die Echtheit firmeninterner E-Mails unkompliziert zu prüfen oder persönlich um Rat zu fragen bei verdächtigen E-Mails.

Seit der Corona-bedingten Arbeitsverlagerung in das Homeoffice hat sich als unangenehme Folgeerscheinung die Anzahl der täglichen Hackerangriffe auf Remote-Desktop-Verbindungen (RDP) im deutschsprachigen Raum mehr als verzehnfacht. Dabei geht es den Angreifern sowohl um das Abgreifen von Daten als auch um die Verteilung von Ransomware. Mit Beginn des Lockdowns stieg die Zahl rasant an. Im April 2020 gab es täglich rund 1,7 Millionen Attacken. Bis Juni kletterten diese Angriffe auf rund drei Millionen Versuche pro Tag.

ITM: Welche Angriffsmethoden standen hoch im Kurs und warum?
Keuzer:
Hoch im Kurs standen Phishing-E-Mails mit schädlichem Anhang. Im Falle von Emotet dient der E-Mail-Anhang dazu, die Schadsoftware nachzuladen, die sich dann verbreitet. Aufgrund der hohen Aufmerksamkeit für das Thema „Corona“ wurde die Pandemie in den Betreffzeilen und Mailing-Inhalten genutzt.

ITM: Inwieweit waren mittelständische Unternehmen betroffen?
Kreuzer:
Fast 40 Prozent der kleinen Unternehmen erlitten bereits Schäden durch Cyberattacken laut einer IDG-Untersuchung aus dem Sommer 2020. Im Detail: Bei den kleinen Betrieben (< 500 Beschäftigte) erlitten 34 Prozent einen Schaden, davon fünf Prozent einen massiven Schaden. Somit bleibt festzuhalten, dass auch kleinere Firmen Opfer von Cyberattacken werden und wirtschaftliche Schäden erleiden, wobei sie oftmals über geringere Budgets verfügen, um sich gegen die Angriffe besser zu schützen.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt das Thema „IT-Sicherheit“ überhaupt im Mittelstand?
Kreuzer:
Immerhin haben über 70 Prozent der Unternehmen unter 500 Beschäftigten inzwischen eine Sicherheitsarchitektur nach Zero Trust eingeführt oder sind in der Umsetzung nach Angaben der erwähnten Studie. Das sind zwar weniger als große Unternehmen, aber es zeigt, dass IT-Sicherheit auch im Mittelstand von Bedeutung ist. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Mittelständler oft nicht die Ressourcen und Fachkräfte haben, IT-Sicherheitsmaßnahmen ganzheitlich umzusetzen. Die Lösung, IT-Security professionell outzusourcen, ist aktuell noch zu wenig akzeptiert. Die Ablehnung von Security-Outsourcing ist bei den Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern am stärksten – im Vergleich zu den größeren Unternehmen.

ITM: Welche Tools und Lösungen sollten in einem Unternehmen mindestens eingesetzt werden, um Datensicherheit und -schutz zu gewährleisten?
Kreuzer:
Eine Applikationskontrolle lässt ausschließlich die Ausführung bekannter Programme zu. Unbekannte Programme, Schadsoftware oder auch Skripte werden gar nicht erst ausgeführt. Eine Gerätekontrolle (engl. Device Control) kontrolliert den Datenfluss von Wechseldatenträgern zum Endpunkt (PC, Rechner, …) und sperrt diese gegebenenfalls. Zudem können durch Device Control auch Daten, die auf Wechseldatenträger gesichert werden, verschlüsselt werden. Eine Festplattenverschlüsselung gewährleistet, dass auch bei Diebstahl, Verlust oder unberechtigtem Zugriff die erbeuteten Daten nicht lesbar sind.

ITM: Was sind/waren häufige Stolpersteine bei der Cloud-Migration?
Kreuzer:
Der Mangel an IT-Fachkräften ist groß und somit auch der Wettbewerb um diese Talente. Mittelständische Unternehmen müssen hier mit Großunternehmen konkurrieren. Der IT-Fachkräftemangel kann durch Security als Service gelöst werden. Zudem gehen mit Security-Outsourcing in der Regel auch erhebliche Kosteneinsparungen einher. Doch die Ablehnung von Security-Outsourcing ist weit verbreitet. Oft verhindern Vorbehalte, dass Security als Service überhaupt in Betracht gezogen wird.

Budgets für IT-Sicherheit werden häufig kurzfristig allokiert. Das führt zu Diskrepanzen zwischen Security-Strategien und ihrer Implementierung – im schlimmsten Fall gibt es gar keine IT-Sicherheitsstrategie und Investitionen werden punktuell getätigt. Dabei ist ein umfassender, langfristig ausgelegter Security-Ansatz essentiell für den ganzheitlichen Schutz des Unternehmens.

ITM: Auf welche Angriffsmethoden im Jahr 2021 bereitet sich die Security-Branche derzeit vor?
Kreuzer:
Es ist weiterhin mit einer Professionalisierung der Angriffe unter dem Stichworte APT (Advanced Persistant Threats), raffinierteren Taktiken und der kontinuierlichen Evolution von Schadsoftware-Varianten zu rechnen. Ein Beispiel ausgeklügelter Taktiken in 2020 war der Trojaner Lockbit, der gezielt kleine Unternehmen mit für ihren Arbeitsalltag essentieller Steuer- und Buchhaltungssoftware ausspäht und gegen Lösegeldzahlung verschlüsselt. Der Gesundheitssektor (vor allem Krankenhäuser) wie auch Unternehmen der Medikamenten- und Impfstoffentwicklung dürften ein Ziel von Cyberattacken sein. Dabei ist z.B. mit Erpressungssoftware (Ransomware) zu rechnen. Durch die verstärkte Bereitstellung von Online-Angeboten von Städten und Kommunen in Zeiten der Pandemie – Stichwort E-Government – bleibt der öffentliche Sektor mit den vielen sensiblen Daten der Bürger weiterhin ein lukratives Angriffsziel.

ITM: Wie sollte demnach eine vernünftige IT-Sicherheits- bzw. Cyber-Resilienz-Strategie für Unternehmen im neuen Jahr aussehen?
Kreuzer:
Unternehmen sollten konsequent ihre IT-Sicherheitsstrategie nach dem Zero-Trust-Modell entlang der Einfallskette von Schädlingen in ein System ausrichten bzw. komplettieren. Als Einfallstor fungiert oft auch veraltete Software oder nicht nachgezogene Patches. Klassische Präventionsmaßnahmen wie Applikations- und Device-Kontrolle wie auch Verschlüsselung und Multi-Faktor-Authentifizierung für sensible Daten und Systeme sind ein Muss. Desweiteren sollten forensische und analytische Werkzeuge zum Aufspüren von Bedrohungen, die sich im System befinden, eingesetzt werden.

Bildquelle: Drivelock

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