Nadine Riederer: „So gut wie alle Berufe mit digitalen Berührungspunkten werden früher oder später durch KI-Technologien beeinflusst werden.“
ITM: Frau Riederer, wie bewerten Sie den aktuellen Status Quo in Bezug auf den praktischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im deutschen Mittelstand?
Riederer: Das Thema „KI“ an sich ist nicht neu – mit der Veröffentlichung von ChatGPT haben wir allerdings eine Zäsur erlebt. Für den Einsatz in der Praxis ist weder eine komplexe Integration notwendig, noch müssen Unternehmen einzelne Modelle trainieren oder Skripte schreiben. Es war noch nie so einfach, KI-Tools zu verwenden. Davon profitieren kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) natürlich im besonderen Maße, weil sie keine teuren Lösungen einkaufen und auch keine spezialisierten Dienstleister benötigen. Generell sehen wir, dass die Mehrheit der IT-Unternehmen in Deutschland längst auf den KI-Zug aufgesprungen ist und generative Tools vor allem in den Bereichen Text- sowie Bilderstellung einsetzt. Ein Trend, der unserer Meinung nach gerade erst begonnen hat und auch für KMU noch sehr viel Potenzial bietet.
ITM: Welche Vorteile kann der KI-Einsatz für Mittelständler bringen?
Riederer: In erster Linie geht es um eine Arbeits- und damit auch um eine Zeitersparnis im Alltagsgeschäft. Besonders die Texterstellung mithilfe von KI kann Unternehmen dabei unterstützen und langwierige Prozesse vereinfachen. Die Anwendungsfälle sind beinahe unbegrenzt, von Social-Media-Posts über Blog-Beiträge bis hin zu Produktbeschreibungen oder internen Dokumenten. Auch Rechercheaufgaben lassen sich etwa mit ChatGPT sehr viel einfacher und schneller erledigen. Richtig eingesetzt können KI-Tools die Belegschaft entlasten und Freiräume für kreative Arbeit schaffen.
ITM: Wo liegen bislang noch die größten Probleme zur praktischen Anwendung?
Riederer: Zum einen sind die Ergebnisse oft unzuverlässig: Ohne eine manuelle Prüfung des Outputs durch Mitarbeiter ist eine Nutzung schlichtweg nicht zu empfehlen. Diese Aufklärungsarbeit sowie das Angebot für entsprechende Schulungen und Fortbildungen liegen in der Verantwortung der Führungskräfte. Wer sich blind auf ChatGPT und Co. verlässt, kann sich selbst schnell in die Bredouille bringen, wie im Falle eines US-Anwalts. Daneben spielen allerdings auch Datenschutzbedenken und das in vielen Fällen ungeklärte Urheberrecht eine Rolle. Für einen bedenkenlosen Einsatz von KI-Tools gibt es aus Sicht vieler Unternehmen aktuell noch zu viele Grauzonen.
ITM: Was würde helfen, um diese Hürden erfolgreich zu überwinden?
Riederer: Wir haben in der Vergangenheit bereits gelernt, wie wir mit Quellen wie Wikipedia umgehen müssen. Den gleichen Prozess benötigen wir auch für den KI-Bereich. Ergebnisse müssen hinterfragt werden und es bedarf der bereits erwähnten Aufklärungsarbeit – Unternehmen müssen das Arbeiten mit Künstlicher Intelligenz lernen. Spannend ist auch der Einsatz von lokalen KI-Lösungen, die KMU mit ihren eigenen Daten trainieren und so die passenden Ergebnisse liefern können. Eins ist allerdings sicher: KI hat einen disruptiven Einfluss auf die IT-Welt und wird die Art und Weise, wie wir arbeiten, nachhaltig verändern. Sie zu ignorieren, ist daher keine echte Option.
ITM: Welche Berufsbilder werden sich aus Ihrer Sicht künftig am stärksten durch KI verändern?
Riederer: So gut wie alle Berufe mit digitalen Berührungspunkten werden früher oder später durch KI-Technologien beeinflusst werden. Es liegt in der Natur der Sache, das dabei besonders die Bereiche „Software-Entwicklung“ und „Mathematik“ stark betroffen sind, schon heute können auch KMU mithilfe von KI eine Webseite erstellen und mit dem passenden Design versehen. Woran die KI allerdings scheitert, ist das Erfassen und Umsetzen von individuellen Anforderungen der Anwender, beziehungsweise der Fachseite – Entwickler müssen deshalb nicht um ihre Jobs bangen. Im Gegensatz zu einer KI können sie viel genauer auf ihre Kunden eingehen, die wiederum nicht auf die richtigen Prompts angewiesen sind, sondern sich mit echten Experten austauschen können.
Bildquelle: Avision