Mut und Weitsicht

„Soft Skills entscheiden zunehmend über den Erfolg“

Die VUCA-Welt stellt auch die Personalplanung deutscher Mittelständler vor neue Herausforderungen. Um trotz aller Unwägbarkeiten handlungsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen beim Recruiting neue Wege einschlagen. Christophe Zwaenepoel, Managing Director von SThree, erklärt im Interview, worauf es ankommt.

Christoph Zwaenepoel, SThree

Christophe Zwaenepoel, SThree: „IT-Weiterbildung spielt eine zunehmend tragende Rolle für die Zukunftsfähigkeit mittelständischer Unternehmen.“

ITM: Herr Zwaenepoel, inwiefern benötigen Mitarbeiter heutzutage andere fachliche Skills als vor der Pandemie, dem Russland-Ukraine-Krieg und Co. – und welche sind das konkret?
Christophe Zwaenepoel:
Da fachliche Skills vom jeweiligen Job-Profil abhängen, lässt sich nicht pauschal beurteilen, inwiefern sich Bedarfe in den vergangenen Jahren verändert haben. Fest steht jedoch: In der dynamischen Arbeitswelt dieser Tage sind es zunehmend die Soft Skills, die über beruflichen Erfolg und Funktionsfähigkeit divers zusammengesetzter Teams entscheiden. Die Pandemie, der Krieg auf dem Kontinent und die damit verbundenen geopolitischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten sorgen für extrem volatile Bedingungen. Resilienz, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität avancieren vor diesem Hintergrund zu Schlüsselkompetenzen. In Kombination mit der grundsätzlichen Bereitschaft, dazu zu lernen und angestammte Denkmuster zu hinterfragen, ermöglichen sie Beschäftigten, auch in unbekannten Situationen souverän und handlungsfähig zu bleiben.

Für Führungskräfte hat hinsichtlich zunehmend hybrider Arbeitsumfelder außerdem das Thema „Remote Leadership“ an Relevanz gewonnen. Verteilt arbeitende Teams erfolgreich zu führen, geht mit neuen Anforderungen an die einzelne Führungskraft einher – und diese sollten ernst genommen werden. Dazu gehören sowohl das technische Know-how, um die nötigen Tools zu beherrschen, als auch die Kommunikationsfähigkeit, um das Team darüber virtuell zu begleiten und zu koordinieren. Nur wenn eine Führungskraft diese Fertigkeiten beherrscht, ist es ihr möglich, auch aus der Distanz nah an den Mitarbeitern zu sein, diese zu motivieren und anzuleiten. Um sich darauf vorzubereiten, gibt es mittlerweile passende Weiterbildungsangebote und Coaches, die sich auf das Thema spezialisiert haben.

ITM: Welche Rolle spielt demnach IT-Weiterbildung in Mittelstandsunternehmen anno 2023?
Zwaenepoel:
IT-Weiterbildung spielt eine zunehmend tragende Rolle für die Zukunftsfähigkeit mittelständischer Unternehmen. Zum einen ist kaum ein Bereich so dynamisch wie die IT – in Sachen fachlicher Expertise am Ball zu bleiben, ist daher schlichtweg notwendig, um die damit verbundenen Tätigkeiten erfolgreich ausführen zu können. Das gilt explizit nicht nur für Berufseinsteiger, sondern auch für erfahrene Mitarbeiter.

Zum anderen ist Weiterbildung nach wie vor ein entscheidender Weg, um dem Fachkräftemangel im MINT-Bereich zu begegnen. Und nicht nur dort: Auch Berufsbilder jenseits der klassischen Tech-Jobs verändern sich durch die Digitale Transformation und machen neue, technische Kompetenzen erforderlich. Das Recruitment externer Fachkräfte reicht vor diesem Hintergrund längst nicht mehr aus, um die wachsende Kompetenzlücke zu schließen. Vielmehr müssen Unternehmen die eigenen Ressourcen in den Blick nehmen: Talent Mapping lautet das Stichwort.

Es gilt, sich ein Bild der Kompetenzen bestehender Angestellter zu machen und diese mit den vorhandenen Bedarfen abzugleichen. Auf dieser Basis können Unternehmen ihre Team-Mitglieder entsprechend der bestehenden Bedarfslage gezielt weiterentwickeln und sich fehlende Fertigkeiten in-house aufbauen. Erste Maßnahmen für die Bestandsaufnahme können Feedbackgespräche und Leistungsbeurteilungen sein. Darauf aufbauend lassen sich dann Kompetenzprofile erstellen, die helfen, Lücken zu identifizieren. Dies ermöglicht Unternehmen schließlich, sowohl Recruiting als auch Weiterbildungsprogramme genauer zu planen und vakante Stellen intern zu besetzen.

ITM: Was muss passieren, damit Fortbildungen in mittelständischen Unternehmen eine größere Rolle einnehmen, als es bisher häufig der Fall ist?
Zwaenepoel:
Damit Fortbildungen in mittelständischen Unternehmen ein adäquater Stellenwert beigemessen wird, sollten Arbeitgeber zunächst für die notwendige Infrastruktur sorgen. Ein wichtiger Schritt ist, Weiterbildungs- und Lernbudgets zur Verfügung zu stellen, mit denen Mitarbeiter an Fortbildungen teilnehmen oder sich Zugang zu einschlägiger Fachliteratur und kostenpflichtigen Lerninhalten beschaffen können.

Außerdem brauchen sie Zeit, um an Schulungen teilzunehmen und ihr neu erworbenes Wissen im Rahmen praktischer Übungen zu vertiefen. Ein entsprechendes Stundenkontingent können Unternehmen ihrem Team explizit zur Verfügung stellen, um Anreize zu setzen. Gleichzeitig müssen sich Arbeitgeber darauf einstellen, dass Beschäftigte in Weiterbildung bei der Erledigung ihrer ursprünglichen Aufgaben zeitweise ausfallen. Auch in dieser Hinsicht ist also ein zeitliches Investment nötig.

Neben der Infrastruktur ist der Stellenwert von Weiterbildung in einem Unternehmen auch eine Frage der gelebten Kultur: Lebenslanges Lernen ist eine Grundeinstellung, die weit über das Angebot einzelner Fortbildungsmaßnahmen hinausgeht und ein neugieriges, offenes Mindset zur Folge hat. Ziel sollte sein, diese Haltung nachhaltig im gesamten Unternehmen zu verankern, um eine permanente Weiterentwicklung auf Individual- und Organisationsebene zu ermöglichen und somit perspektivisch auch die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens als Ganzes sicherzustellen.

ITM: Das Engagement seitens der Unternehmen ist das eine, die Motivation von Mitarbeitern das andere. Was können Firmen tun, um die eigenen Mitarbeiter für Schulungen zu begeistern?
Zwaenepoel:
Weiterbildung muss nicht zwangsläufig in Form von Schulungen stattfinden. Podcasts beispielsweise bieten einen praktischen Rahmen, um aktuelle relevante Inhalte in kompaktem Format aufzubereiten und den Mitarbeitern in einfach konsumierbarer Form zur Verfügung zu stellen. Wenn gleich mehrere Leute dabei sind, sich Wissen zu einem neuen Themenbereich zu erschließen, kann auch der Aufbau interner Communities ein einfacher Weg sein, um die niedrigschwellige Auseinandersetzung mit dem betreffenden Thema zu fördern. Nutzergruppen, die sich regelmäßig treffen und austauschen, entwickeln oft eine positive Dynamik, in der zugleich neue Ideen entstehen können. Solche Formate mitzudenken kann helfen, Mitarbeiter für neue Themen zu begeistern.

ITM: Inwiefern haben sich die Formen der IT-Weiterbildungsangebote und Schulungen in den vergangenen Jahren verändert?
Zwaenepoel:
Der inhaltliche Anspruch, den Unternehmen und Beschäftigte an Weiterbildungsformate im IT-Bereich stellen, ist in den vergangenen Jahren gewachsen: Durch die Digitalisierung verändern sich viele Berufsprofile so stark, dass einzelne Seminare oder klassische Schulungen, die einen bestimmten Kompetenzbereich adressieren oder vorhandenes Wissen vertiefen, oft nicht mehr ausreichen, um die nötigen Kompetenzen zu vermitteln.

In vielen Fällen ist eine grundlegende Umschulung nötig, um die einzelne Person in die Lage zu versetzen, ihre neue, veränderte Tätigkeit dauerhaft auszuüben. Hier ist häufig von Reskilling die Rede. Diese tiefergreifende Form der Umschulung stellt neue Anforderungen an Unternehmen und HR-Verantwortliche, sodass es momentan noch kein bewährtes Standardvorgehen gibt. Jedes Unternehmen muss im Einzelfall evaluieren, wie individuelle Weiterbildungswege für betreffende Mitarbeiter hinsichtlich des zeitlichen Verlaufs, passender Formate und benötigter Budgets aussehen sollten. Das kann anfangs recht aufwendig und zeitintensiv sein. Doch ist die Reskilling-Initiative erfolgreich, zahlt sich dies für alle Beteiligten aus: Arbeitnehmer entwickeln sich weiter, während Arbeitgeber unternehmensinterne Spezialisten ausbilden, die vorhandene Bedarfe zielgerichtet und frühzeitig adressieren.

ITM: Welche Trends beherrschen derzeit die Fortbildung – Stichpunkt u.a. Gamification und E-Learning – und was hat sich durchgesetzt oder wird sich noch durchsetzen?
Zwaenepoel:
Ein Trend, den wir im Fortbildungsbereich auf jeden Fall erkennen, ist die Tendenz zu umfassenderen Umschulungen im Sinne einer Reskilling-Initiative. Die fortschreitende Digitalisierung nahezu aller Tätigkeitsbereiche macht eine breitangelegte Kompetenzvermittlung in diesem Umfang in vielen Fällen erforderlich. Darüber hinaus dürften sich vor allem diejenigen Trends durchsetzen, die auf eine einfachere Zugänglichkeit und Konsumierbarkeit von Lerninhalten einzahlen. E-Learning und Gamification gehören dazu sicher ebenso wie das ergänzende Angebot von job-relevantem Wissen in Form von Podcasts oder Webinaren.

Bildquelle: SThree

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