Dr. Thomas King von DE-CIX sagt: „Das eigene Rechenzentrum als ‚Fort Knox der Unternehmensdaten‘ hat ausgedient.“ ((Bildquelle: DE-CIX))
Laut Lünendonk-Studie setzen IT-Verantwortliche künftig verstärkt auf Cloud-native Software. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))
Dr. Bettina Uhlich fordert dringend von der Politik, „einen fairen europäischen Cloud-Markt zu gestalten“. ((Bildquelle: Voice))
„Der Umbau zu einem modernen IT-Stack ist in vollem Gange“, so Mario Zillmann, Lünendonk & Hossenfelder. ((Bildquelle: Lünendonk))
Das zeigt eine aktuelle Studie des Capgemini Research Institute. Laut dieser gibt es Bedenken, eine Public Cloud als Basis der Digitalen Transformation zu nutzen: 69 Prozent der Befragten befürchten, in einer solchen Cloud-Umgebung möglicherweise extraterritorialen Gesetzen zu unterliegen, beispielsweise wenn die Daten außerhalb der EU gespeichert werden. 68 Prozent sind besorgt über fehlende Transparenz und Kontrolle darüber, was mit ihren Daten in der Cloud geschieht. Darüber hinaus befürchten 67 Prozent eine Abhängigkeit von bestimmten Cloud-Anbietern, deren Unternehmenssitz außerhalb der eigenen Gerichtsbarkeit liegt. Deshalb will die Mehrheit der Unternehmen und Behörden weltweit vor allem auf souveräne Cloud-Plattformen setzen, um Compliance mit Regularien sicherzustellen (71 Prozent) oder um mehr Kontrolle und Transparenz über ihre Daten zu haben (67 Prozent). „Es ist nicht überraschend, dass gerade Behörden und Regierungsstellen souveräne Clouds einsetzen möchten oder es zumindest in Erwägung ziehen“, erklärt Marc Reinhardt, Global Head of Public Sector bei Capgemini.
Die Ergebnisse der diesjährigen Umfrage „State of Cloud Strategy Survey“ von Hashicorp, einem US-Anbieter von Automatisierungs-Software für Multi-Cloud-Infrastrukturen, zeigen, dass Cloud-Sicherheit, fehlendes Fachwissen, Silos zwischen Teams sowie inkonsistente Arbeitsabläufe zu den häufigsten Herausforderungen gehören, die den Multi-Cloud-Betrieb behindern. Doch 60 Prozent der Befragten nutzen bereits Multi-Cloud-Infrastrukturen, weitere 21 Prozent geben an, dass sie dies in den nächsten zwölf Monaten tun werden. Und 90 Prozent sagen, dass Multi-Cloud funktioniert: Von denjenigen, die sich bereits für einen Multi-Cloud-Ansatz entschieden haben, gibt die große Mehrheit an, dass Multi-Cloud ihr Unternehmen schon dabei unterstützt, ihre Geschäftsziele zu erreichen oder zu verbessern. Aber: Fast alle Befragten registrieren vermeidbare Cloud-Ausgaben. Zu den Hauptgründen für diese überhöhten Ausgaben gehören ungenutzte, ruhende oder nicht ausreichend genutzte Ressourcen, überprovisionierte Ressourcen sowie ein Mangel an erforderlichen Fachkenntnissen.
Armon Dadgar, Mitbegründer und CTO von Hashicorp, leitet aus den Umfrageergebnissen einen Generationswechsel ab, den die Cloud für Technologie, organisatorische Gestaltung sowie den Bereitstellungsprozess bedeutet: „Die Anzahl der Unternehmen, die von Multi-Cloud profitieren, hat sich im Vergleich zum letzten Jahr fast verdoppelt. Ferner verfügt die Mehrheit der Unternehmen jetzt über ein zentralisiertes Cloud-Team. Dieses gebündelte Fachwissen ermöglicht es, Cloud-Strategien in großem Umfang zu betreiben und davon zu profitieren.“
In die gleiche Richtung weisen die Ergebnisse des Cloud-Monitors 2022, einer repräsentativen Umfrage von Bitkom Research im Auftrag der Wirtschaftsprüfer von KPMG unter 552 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland. Demnach bietet Cloud Computing nicht nur Kosteneffizienz, sondern auch Nachhaltigkeit, Resilienz und Sicherheit. 97 Prozent der Unternehmen nutzen bereits heute Cloud-Lösungen oder erwägen ihren Einsatz. Bis 2025 wollen sie durchschnittlich 61 Prozent ihrer Anwendungen Cloud-basiert nutzen, auch um agiler und innovativer zu werden. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Nicht alles wandert in die Cloud, sondern viele Anwendungen bleiben On-Premises.
Führungskräfte wollen die IT agiler, einfacher und kosteneffizienter machen, konstatiert KPMG-Partner Gernot Gutjahr. Die Ergebnisse zeigten, „dass immer mehr Unternehmen die Vorteile des Cloud Computing nutzen, um diese Ziele zu erreichen. Die Infrastruktur der Cloud ist sofort verfügbar und skalierbar. Cloud reduziert unnötige Komplexität und setzt so Kapazitäten frei, die auf Innovation und Wachstum refokussiert werden können. Und: Cloud ist oft, aber nicht immer, kosteneffizienter.“
Mittlerweile setzen laut KPMG-Studie vier von zehn Unternehmen sogar auf eine Cloud-First-Strategie, in der sie neue IT-Projekte bevorzugt, jedoch nicht zwingend in der Cloud umsetzen und bestehende Systeme bzw. Anwendungen bei Bedarf in die Cloud migrieren. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Anstieg um neun Prozentpunkte. Der Trend zur Cloud-Lösung zeigt sich auch beim Anteil der Unternehmen mit Cloud-only-Strategie: 2021 nutzten fünf Prozent Cloud Computing für alle Systeme bzw. Anwendungen, 2022 ist der Anteil auf neun Prozent gestiegen.
Dr. Thomas King, CTO beim Deutschen Commercial Internet Exchange (DE-CIX), hält jedoch eine Multi-Cloud-Strategie für unabdingbar, um tatsächlich eine ausfallsichere Umgebung für Daten gewährleisten zu können und sicherzustellen, dass Unternehmen agil handeln. Seiner Meinung nach hat das eigene Rechenzentrum als „Fort Knox der Unternehmensdaten“ inzwischen ausgedient, weil die Cloud eine sichere Alternative sein kann. Die Cloud könne allerdings auch zum Problem werden: Getrieben durch den verständlichen Wunsch nach Sicherheit und Verlässlichkeit tendieren viele Unternehmen dazu, sich an einen einzigen Provider zu binden. Doch auch dieser wird vor Problemen nicht gefeit sein. Die Bindung an nur einen einzigen Anbieter kann dazu führen, dass dortige Ausfälle zum Single Point of Failure mutieren, ähnlich wie früher Ausfälle in der eigenen Infrastruktur. Eine robuste Multi-Cloud-Architektur sei daher immer auch unter einem Sicherheits- und Resilienzaspekt zu sehen. „Die Cloud soll Unternehmen helfen, agiler und innovativer zu werden“, weiß King und mahnt. Wenn sich die Unternehmen an einen einzigen Anbieter binden, „mangelt oft es an Auswahl spezialisierter Lösungen, was sich als echter Bremsklotz für Innovationen und Effizienz herausstellen kann. Deshalb und auch aus Resilienzgründen sollten Unternehmen konsequent auf eine Multi-Cloud-Strategie setzen.“
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Um die Vorteile der Cloud auch in Hinblick auf Skalierung und Verfügbarkeit optimal zu nutzen, setzen IT-Verantwortliche künftig verstärkt auf Cloud-native Software, ergab eine aktuelle Lünendonk-Studie, für die 150 Führungskräfte aus dem gehobenen Mittelstand und Konzernen im deutschsprachigen Raum befragt wurden. Demnach nutzen 73 Prozent der Unternehmen Cloud-native zur IT-Modernisierung, während 68 Prozent Cloud-native als Basis für neue Software-Produkte favorisieren. „Der Umbau zu einem modernen IT-Stack ist in vollem Gange“, diagnostiziert Studienautor Mario Zillmann, Partner bei Lünendonk & Hossenfelder. „Lift & Shift, also die reine Verlagerung von IT-Anwendungen in die Cloud, schafft allein noch keine signifikanten Benefits für Innovationen, Geschwindigkeit, Agilität und User Experience. Vielmehr sorgt dies eher für Kosteneffekte, da die Prozesse an sich gleich bleiben und nur in die Cloud verschoben wurden.“
Den Herausforderungen, die mit den immer schneller voranschreitenden Veränderungen in den jeweiligen Geschäftsbereichen einhergehen, begegnen daher knapp zwei Drittel (63 Prozent) der in der Studie befragten Unternehmen und Behörden mit Re-Architecting und Re-Factoring ihrer IT-Anwendungen. Das daraus resultierende Ziel ist der Umbau ihrer Legacy-Anwendungen hin zu einer Cloud-native-Architektur. Die Bereitschaft zum Teilen von Daten in der Cloud nimmt zu, glaubt Zillmann – und die Skepsis gegenüber den Cloud-Providern werde in Zukunft abnehmen: Während heute nur 48 Prozent eine sehr oder eher hohe Bereitschaft im eigenen Unternehmen zum Bereitstellen von Daten in der Cloud sehen, soll dieser Wert künftig auf 86 Prozent steigen. Zum einen nimmt die Akzeptanz gegenüber den Hyperscalern zu. Zum anderen erwarten die Unternehmen, dass es zukünftig besser möglich sein wird, Daten und Anwendungen auf eine sichere Art und Weise in der Cloud zu nutzen.
„Ob der Impuls für eine sichere Cloud-Nutzung von den Hyperscalern selbst oder auf Druck der Unternehmen bzw. der Politik kommt, bleibt abzuwarten“, sagt Zillmann. Nicht abwarten können und wollen jedoch die europäischen IT-Anwenderverbände Voice, Cigref, Beltug und CIO-Platform Nederland. Im Juni forderten sie die Politiker auf, einen „fairen europäischen Cloud-Markt“ zu schaffen. Unlautere Praktiken der Anbieter wie einseitige Preiserhöhungen oder Veränderungen der Lizenzmetriken sowie abhängigkeitssteigernde Servicekombinationen gelte es zu unterbinden. Die kommenden EU-Gesetze wie Digital Services Act, Digital Market Act, AI-Act sowie die laufenden Verhandlungen zu einem europäischen Datenschutzrecht eröffnen diese Möglichkeiten. Die gelte es zu nutzen, denn das Ungleichgewicht in den Beziehungen zwischen Cloud-Anbietern und Geschäftskunden führe häufig zu „unlauteren Praktiken“.
Vor etwa 30 Jahren brach die EU die Monopole der Telekommunikationsbetreiber auf, weil Europa erkannte, dass mehr Wettbewerb auf dem Telekommunikationsmarkt viele Möglichkeiten eröffnen würde. „Heute droht den Anwenderunternehmen eine sehr viel stärkere Abhängigkeit von ihren Cloud-Providern als damals von ihren Telekommunikationsanbietern“, sagt Dr. Bettina Uhlich, Vorsitzende des Präsidiums des Bundesverbandes der IT-Anwender Voice. „Wir fordern die verantwortlichen Kräfte in der nationalen und europäischen Politik deshalb dringend auf, mit uns die Diskussion aufzunehmen und einen fairen europäischen Cloud-Markt zu gestalten.“