Peer-to-Peer statt aus der Cloud

Technologische Hürde überwunden

Videokonferenzen gehen heute über reine Bildtelefonie weit hinaus und gestatten via Datentransfer, Application- und Dektop-Sharing sowie virtuelle Whiteboards auch objektbezogene Kooperation über beliebige räumliche Entfernungen.

Hürde, Bildquelle: M.E./pixelio.de

Allerdings benötigen viele der auf dem Markt angebotenen Lösungen kostenintensive Investitionen in spezielle Hardware, was kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) vor einer Nutzung zurückschrecken lässt. Mit der Cloud, so ist in einem Beitrag von Manfred Schumacher („Videokonferenz aus der Cloud“) zu lesen, könnte sich das ändern. Zweifellos ist die Cloud als Konzept zur Bereitstellung webbasierter Dienste – auch als Software as a Service (SaaS) bezeichnet – im Kommen. Die einschlägige Branchenwerbung stellt an Vorteilen für kleine und mittlere Unternehmen insbesondere heraus, dass für Standard-Büro-Software inklusive E-Mail-Verkehr und digitale Archivierung sowie Onlinebanking, inzwischen aber auch für Videokonferenzen, keine eigene IT-Infrastruktur samt Verwaltung und Systemadministration mehr benötigt werde.

So müsse Software nicht länger auf jedem Computer installiert sein und der periodische Erwerb jeweils aktualisierter bzw. neuer Versionen erübrige sich. Stattdessen werde all dies bei einem Drittanbieter abonniert. Dadurch würden sämtliche Unternehmensdaten online oder „in der Cloud“ aufbewahrt – natürlich entsprechend zugriffsgeschützt und gegen Speicherverluste gesichert. Zugleich könnte praktisch jederzeit und von jedem Standort aus über beliebige PCs, Laptops und Notebooks, Tablet-PCs, Smartphones sowie andere Endgeräte mit Internetverbindung auf diese Daten zugriffen werden. „Eine Verlagerung der IT-Infrastruktur in die Cloud [...] und der Einsatz cloudbasierter Dienste sorgen für eine deutliche Verbesserung der Datenorganisation und Zusammenarbeit“, so wirbt etwa der Softwaregigant Microsoft für sein Produkt Office 365.*

Zu den Vorteilen der Cloud im Hinblick auf Videokonferenzen gehört nach einschlägigen Aussagen, dass deren Vorteile für KMU deutlich besser, sprich kostengünstiger, nutzbar würden. Das beträfe Aspekte wie Zeit- und Kostenersparnis durch wegfallende Reisekosten, größere Flexibilität bei der Organisation und Durchführung von gemeinsamen Meetings unterschiedlicher Unternehmensstandorte und nicht zuletzt die effektivere Einbindung von mobilen bzw. externen Mitarbeitern. KMU können, so Manfred Schumacher, „die Technik schnell nutzen, müssen dafür vergleichsweise nur gering investieren, können ihren Bedarf flexibel hoch- und runterfahren und zudem Verantwortung, Know-how und Manpower outsourcen“.

Ausspähung durch Dritte

All diese Fakten und Argumente treffen durchaus zu, wohingegen ein weiterer Aspekt häufig nur gestreift, bisweilen auch ganz „vergessen“ wird: Die Cloud ist ein grundsätzlich serverbasiertes Konzept – für den User mag der gesamte Service zwar wirken wie eine „Wolke“ (Cloud) am Himmel, fern von ihm; der Drittanbieter jedoch realisiert seine Dienste ausschließlich über hochleistungsfähige, ins Internet eingebundene Zentralserver. Die sind die Basis der Cloud und unter Sicherheitsaspekten zugleich deren Achillessehne, denn: Server sind anfällig für die Ausspähung durch Dritte. Und das muss noch nicht einmal illegal sein, wie etwa das Beispiel des Internetdienstes Skype mit seiner Bildtelefonie zeigt. Dessen Server stehen im Wesentlichen in den USA, wo der nach dem 11. September 2001 erlassene so genannte Patriot Act sämtlichen staatlichen Behörden und Diensten, vor allem der in Sachen Überwachungstechnologie weltweit führenden National Security Agency (NSA), grundsätzlich und ganz legal Zugriff auf alle digitalen Daten gestattet. Der Patriot Act erstreckt sich im Übrigen auch auf Anbieter, deren Server außerhalb der USA stehen, die aber Geschäftsbeziehungen zu amerikanischen Partnern unterhalten. Wer auf Vertraulichkeit, gar Geheimhaltung seiner über das Internet versandte Daten und Informationen angewiesen ist, der wird von der Nutzung derartiger Dienste wohl absehen. Und bei der Cloud steht er vor einem vergleichbaren Dilemma.

Im Hinblick auf Videokonferenzen gibt es allerdings am Markt eine technisch ausgereifte Alternative auf der Basis eines Peer-to-Peer-Ansatzes, bei dem die Endgeräte der Nutzer direkt miteinander kommunizieren – ohne zwischengeschalteten Server. Noch vor Jahren war dies eine unüberwindlich scheinende technologische Hürde. „Damals galt als Standard“, so Professor Hartmut König, „dass überhaupt nur zentralisierte Lösungen machbar seien.“ König ist Inhaber des Lehrstuhls Rechnernetze am Institut für Informatik der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus. Er und seine Kollegen stellten sich schon vor längerer Zeit im Rahmen eines Kooperationsprojektes an der Hongkong University of Science and Technology die Frage nach einem alternativen dezentralen Ansatz. Die Wissenschaftler nahmen diese Frage mit nach Hause und widmeten sich ihr in mehrjähriger Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Und schließlich „erfanden“ sie das so genannte Group Communication Protocol (GCP), das in der Lage ist, die Aufgaben des Zentralservers bei einer Videokonferenz auf die Rechner der Teilnehmer an der Konferenz auszulagern bzw. auf diese zu verteilen, so dass eine direkte Kommunikation zwischen diesen Endgeräten möglich ist – peer-to-peer eben, wie die Expertengemeinde sagt.

Am Ende stand eine Software, die später etwas ungelenk Brandenburger Videokonferenzsystem „getauft“ wurde und heute einfach Bravis heißt. Diese hat überdies den kostenbremsenden Charme, auf ganz durchschnittlicher, vorhandener Rechnertechnik (stationär wie mobil) mit Internetzugang aufzusetzen. Dabei liefert sie HD-Qualität und kann bis zu 16 Einzelteilnehmer zur gleichen Zeit miteinander verbinden. Diese Lösung ist kommerziell über Lizenzen zu erwerben. Selbst für kleine und mittlere Unternehmen, bei denen dem Sicherheitsaspekt keine maßgebliche Relevanz zukommt, lohnt letztlich ein Vergleich der (einmaligen) Lizenzgebühren und der (wiederkehrenden) Abo-Gebühren für Cloud-Dienste, bevor eine Entscheidung für die eine oder die andere Variante getroffen wird.

Bildquelle: M.E./pixelio.de

* Quelle: http://www.microsoft.com/de-de/office365/what-is-the-cloud.aspx

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