„Die konsequente Dekarbonisierung bis in die Lieferkette stellt eine große Herausforderung dar“, betont Lara Obst, Geschäftsführerin von The Climate Choice.
ITM: Frau Obst, inwieweit beschäftigt sich der deutsche Mittelstand mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ im eigenen Unternehmen?
Lara Obst: Trotz allem, was gerade im Außen geschieht, sehen wir, dass Nachhaltigkeit und insbesondere Klimaschutz 2022 für den deutschen Mittelstand im Zentrum der zukunftsorientierten Unternehmensstrategie steht. Das liegt zum einen an steigenden Kundenanforderungen und Regulation durch die Gesetzgebung, zum anderen jedoch auch sehr stark an einem verstärkten Bewusstsein für die Dringlichkeit des Themas.
ITM: Was sind wichtige Gründe für ein nachhaltiges Denken und Handeln der hiesigen Unternehmen?
Obst: Zum einen wird natürlich die absolute Notwendigkeit von Klimaschutz vonseiten der Wissenschaft – nicht zuletzt durch den neuesten IPCC-Bericht – immer deutlicher, sodass Entscheidungsträger im Mittelstand zunehmend ihre zentrale Rolle erkennen und Verantwortung übernehmen wollen, um den Wandel mit voranzutreiben. Zum anderen dulden sowohl End- und Geschäftskunden als auch die Politik in Form von Berichtspflichten keine Kompromisse mehr, wenn es um die Offenlegung der eigenen Klimaleistung geht. Transparenz über den ganzheitlichen Klimareifegrad eines Unternehmens und echte Fortschritte bei der Umsetzung von Klimazielen sind somit längst zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor für KMU geworden, den sie für langfristigen Erfolg nutzen können.
ITM: Wie lässt sich der eigene Klimareifegrad analysieren und offenlegen?
Obst: Bei der Analyse des eigenen Klimareifegrads ist vor allem ein ganzheitlicher Ansatz wichtig, welcher über die bloße Erhebung des Carbon Footprints hinausgeht und alle wichtigen Dimensionen der Klimaleistung mit einbezieht. Denn auch wenn der CO2-Fußabdruck des Unternehmens natürlich eine zentrale Kennzahl darstellt, sagt dieser z.B. nichts darüber aus, inwiefern Klimaschutz im Geschäftsmodell gemäß den Vorgaben der EU-Taxonomie verankert ist, welche Führungskräfte und Abteilungen konkret für das Klima-Management verantwortlich sind, inwiefern das Unternehmen bereits klimarelevante Daten in Form von Reportings offenlegt oder welche Dekarbonisierungsmaßnahmen umgesetzt werden. Um all diese Faktoren einheitlich und kosteneffizient analysieren zu können, nutzen immer mehr KMU spezialisierte und digitale Klima-Ratings.
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ITM: Was kann z.B. der Climate Readiness Check an dieser Stelle leisten? Wie funktioniert er?
Obst: Mit dem Climate Readiness Check haben wir ein Klima-Rating-Tool entwickelt, das Unternehmen eine strukturierte, Software-getriebene Analyse der eigenen Klimaleistung bietet. Dabei werden Klimabeauftragte in den drei Schritten Datenerhebung, Analyse und Handlungsmaßnahmen unterstützt. Im ersten Schritt ermöglicht die Software, entlang international anerkannten Reporting-Standards der Nachhaltigkeit klimarelevante Informationen und Primärdaten des Unternehmens zu erheben und so im zweiten Schritt die vorliegenden Klimapotenziale und -stärken in fünf Dimensionen zu analysieren: Wirkungsmodell, strategisches Management, Transparenz, Klimaeinfluss und ökologisches Handeln. Im Anschluss werden die validierten Daten in einer handlungsorientierten Klima-Scorecard in unserer Software-as-a-Service-Plattform (SaaS) sichtbar, die konkrete Maßnahmen aufzeigt, um kurz-, mittel- und langfristig ein strukturiertes Klima-Management umzusetzen. Die erhobenen Daten sind durch den Prozess validiert, strukturiert und vergleichbar und können daher mit anfragenden Kunden sicher und transparent über die Plattform geteilt werden. Klima-Ratings bringen somit Transparenz bis in die Lieferkette und unterstützen jedes einzelne Unternehmen als Teil dieser Kette darin, den eigenen Klimareifegrad zu verbessern.
ITM: Was sind noch häufige Stolpersteine bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen?
Obst: Einerseits fällt es vielen KMU schwer, den Einstieg in die Klimatransformation zu finden und sich in die vielfältigen Aspekte umfassend einzuarbeiten. Hier können entsprechende Klima-Ratings und vergleichbare Daten wertvolle Hilfe leisten und darüber hinaus Ressourcen sparen. Andererseits stellt die konsequente Dekarbonisierung bis in die Lieferkette eine große Herausforderung dar – denn hier entstehen bis zu 90 Prozent der Emissionen eines Unternehmens. Um entsprechend sowohl im eigenen Unternehmen zu handeln als auch mit bestehenden Lieferanten an gemeinsamen Reduktionsmaßnahmen arbeiten zu können, braucht es umfassende Daten über den Klimareifegrad der einzelnen Lieferanten, die Stand heute häufig nicht existieren.
Bildquelle: The Climate Choice