KI als Game Changer

Unbekannte Datenschätze

Der Mittelstand wird oft als das Herz der Wirtschaft bezeichnet – zu Recht, besitzt er doch die größte Wirtschaftskraft Deutschlands. Doch gleichzeitig ist immer wieder zu hören, dass der Mittelstand neue Technologien verschläft. Woran liegt das?

  • KI als Game Changer

    Neben vielen anderen Herausforderungen wird die Datenflut in Unternehmen immer größer – häufig ist sie manuell nicht zu bewältigen, gerade für KMU. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))

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    Christian Deponte, New Relic: „Durch ihre Unvoreingenommenheit kann KI sogar zu mehr Gleichbehandlung und Diversity in Unternehmen, aber auch auf Kundenseite führen.“ ((Bildquelle: New Relic))

  • KI als Game Changer

    Martin Lundborg, Mittelstand-Digital: „KI-Lösungen sind wie eine Art ‚Toolbox‘, wo Unternehmen die für sie passenden Lösungen auswählen können.“ ((Bildquelle: WIK GmbH))

Einer der Gründe könnte sein, dass viele kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland seit Jahrzehnten erfolgreich funktionieren. Der Nachteil davon: Die Notwendigkeit der Veränderung wird nicht wahrgenommen. Zwar zeigt eine aktuelle Studie von Dataiku, dass sich die Datennutzung im Berufsalltag vieler Angestellter innerhalb der vergangenen fünf Jahre erhöht hat. 63 Prozent geben zudem an, dass die Nutzung von Daten essenziell für die tägliche Arbeit ist. Doch nutzt der Mittelstand noch häufig die Potenziale etwa von Künstlicher Intelligenz (KI) und Big Data nicht vollumfänglich.

„Der Mittelstand ist die größte Wirtschaftskraft in Deutschland – was würde passieren, wenn dieser ganze Bereich die Vorteile von KI nicht nutzen würde?“, fragt Christian Deponte, VP EMEA Central bei New Relic. Er ist der Ansicht: Um langfristig Erfolg zu haben und international wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen moderne KI-Lösungen zum Einsatz kommen – „gerade in einer Welt, in der Daten zum wertvollsten wirtschaftlichen Rohstoff geworden sind“. Und der lasse sich nur mit passenden IT- und KI-Lösungen richtig einsetzen.

Bedarf nach Veränderung

„Die Vorteile von Künstlicher Intelligenz für kleine und mittlere Unternehmen sind sehr vielfältig und reichen von Effizienzsteigerungen und Qualitätsverbesserungen bis hin zu neuen Produkten, Dienstleistungen und sogar Geschäftsmodellen, die auf Grundlage von KI entstehen können“, hebt auch Martin Lundborg, Leiter der Begleitforschung von Mittelstand-Digital, hervor. „Unsere Studie ‚Künstliche Intelligenz im Mittelstand – So wird KI für kleine und mittlere Unternehmen zum Game Changer‘ hat ebenso wie viele weitere Studien bereits das umfangreiche wirtschaftliche Potenzial von KI ermittelt: Durch die große Produktivitäts- und Qualitätssteigerung rechnet der Forschungsbeirat der Plattform Industrie 4.0 im Jahr 2025 mit einem Wertbetrag von fast 500 Mrd. Euro, den KI für die deutsche Gesamtwirtschaft erzielt.“

Unternehmen, die sich nicht rechtzeitig auf die Anforderungen der Zukunft vorbereiten, werden früher oder später vor diversen Schwierigkeiten stehen. Das Problem beschreibt auch Deponte: „In dem Moment, in dem sehr agile Märkte wie z.B. China schon längst in Software und KI-Tools investieren, besteht in Deutschland gefühlt noch gar kein Bedarf an Veränderung. Dieses Gefühl ist aber trügerisch, da die technologischen Fortschritte der Konkurrenz später nur schwer aufzuholen sind.“ Außerdem setze die Implementierung von KI-Lösungen meistens spezialisiertes IT-Fachwissen voraus – „viele kleinere Unternehmen haben aber gar keine eigene  oder nur eine kleine IT-Abteilung, weil sie diese bisher schlicht nicht brauchten“.

Intrafind-Vorstand Franz Kögl vermutet, dass es noch zu viele Hürden in den Köpfen und auch ein falsches Verständnis im Management bezüglich der Technologien gibt. „Das liegt nicht zuletzt an den ganzen KI-Buzzwords, mit denen mittlerweile jeder marktschreierisch um sich schmeißt.“ Das führe zu falschen und überzogenen Erwartungen und einer Skepsis über die Anwendbarkeit im eigenen Unternehmen. Meist fehlten die Experten, um Use Cases und Umsetzungsmöglichkeiten zu identifizieren und zu bewerten.

Messbarer Erfolg

Doch wie kann sich dieser Zustand ändern? „Durch einen vernünftigen Umgang sowohl aufseiten der Unternehmen als auch der Anbieter“, sagt Kögl. Für Unternehmen sei es sinnvoll, wie bei jedem Technologiesprung, den Fokus auf leicht umsetzbare, unaufwendige Projekte zu legen, die messbare Erfolge sichtbar machen und das Thema etablieren. Die Anbieter seien zudem dazu angehalten, KI anwenderfreundlicher und weniger expertenabhängig zu gestalten, um eine breitere Nutzung zu ermöglichen.

„Je nach digitalem Reifegrad kommen verschiedene Lösungsansätze infrage“, sagt Lundborg. Oberste Priorität habe es aktuell noch, den Unternehmen zu vermitteln, wo und wie sie KI überhaupt einsetzen und welche Vorteile sie dadurch erzielen könnten. „Nur wenn sie eine Vorstellung davon haben, wozu KI spezifisch zu gebrauchen ist, können sie sich auch mit für sie passenden Lösungen auseinandersetzen.“

Deponte wird expliziter: Er sieht die Lösung „ganz klar in Software as a Service (SaaS)“. Provider für Observability – also Ende-zu-Ende-Überwachung und -Analyse der IT-Infrastruktur – würden nicht einfach ein Produkt verkaufen, sondern eine komplette Plattform anbieten, in die die meisten bereits bestehenden Anwendungen eines Unternehmens integriert werden könnten.

Neben vielen anderen Herausforderungen wird die Datenflut – Stichwort „Big Data“ – in Unternehmen immer größer – häufig ist sie manuell nicht zu bewältigen, gerade für KMU. Auch an dieser Stelle können Künstliche Intelligenz und KI-basierte Tools helfen: „Die Bewältigung der Datenflut in Unternehmen stellt eine Paradedisziplin mit viel Kosteneinsparungspotenzial für KI dar“, betont Kögl. „Eingehende Informationen und Daten werden automatisiert geprüft, inhaltlich zugeordnet, relevante Datenpunkte und Kontexte erkannt und extrahiert, um die Weiterverarbeitung zu automatisieren.“ KI helfe dabei, für den Geschäftserfolg nichts Relevantes zu übersehen, Kerninformationen zu erkennen, Daten und Dokumente in ihrer schieren Masse überhaupt noch beherrschbar zu machen – „und letztlich vielleicht sogar, die Datenflut gewinnbringend zu monetarisieren“.

Wertvoller als Öl und Gold

„Daten sind aus wirtschaftlicher Sicht heute wertvoller als Öl oder Gold, und das wird auch so bleiben, schaut man sich an, wie die weltweite Datenmenge in den kommenden Jahren voraussichtlich wachsen wird“, erläutert Deponte und Lundborg fügt an: „Viele Unternehmen wissen gar nicht, über welche Datenschätze sie im Betrieb verfügen oder welche Daten sie erfassen könnten.“ Daten und die Verbesserung ihrer Qualität bergen großes Potenzial – „ein Potenzial an Wissen, das bei der schieren Menge an Informationen in jedem noch so kleinen Unternehmen heute händisch gar nicht mehr ausgewertet werden kann“, ist sich Deponte sicher. Die Frage sei also nicht, welche Vorteile es habe, Daten über KI zu analysieren, sondern, welche Nachteile es hätte, darauf langfristig zu verzichten. „Der Informationsvorsprung von Unternehmen, die ihr Datenpotenzial nutzen, ist heute schon so groß, dass Wettbewerber nur schwer mithalten können“, betont der IT-Experte. In Zukunft werde die KI-gesteuerte Analyse von Unternehmensdaten deshalb ein klares K.-O.-Kriterium für die Wettbewerbsfähigkeit in so gut wie jeder Branche sein – „denn es gibt schon heute keinen Wirtschaftsbereich mehr, der nicht von Daten überflutet wird“. 

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Wichtig ist seiner Meinung nach dabei, dass KMU keine Angst vor dieser Entwicklung haben sollten, ganz im Gegenteil: „SaaS-Provider bieten immer passendere und individuellere Lösungen für genau diese Zielgruppe an – denn sie wissen, dass ihre Themen und Anforderungen teilweise ganz andere sind als bei Big Enterprises.“ Mit der richtigen Unterstützung und einem durchdachten Plan sollten deutsche Unternehmen Datenfluten und KI-Lösungen also viel mehr als Chance sehen, ihren wirtschaftlichen Erfolg in Zukunft noch weiter auszubauen.

Generell werden sich die potenziellen Einsatzgebiete von KI in Zukunft vermutlich noch deutlich erweitern. „Unternehmen werden sich nicht mehr nur damit auseinandersetzen müssen, wie sie mit Daten ihre Prozesse optimieren, sondern auch damit, wie sie Daten nutzen können, um neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle zu entwickeln – Stichwort ‚Datenökonomie‘“, erklärt Lundborg. Das Thema „KI“ werde demnach in Zukunft nur noch wichtiger, „wobei unser Umgang damit auch selbstverständlicher werden wird“. Dass KI ein wichtiger Baustein in der digitalen Strategie von Unternehmen sein wird, gerade im Mittelstand, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft, bekräftigt auch Kögl. Die kreative Nutzung und der offene Einsatz von KI „ohne die ewig zaudernde oder gar technologieablehnende Sicht“ sei ein elementarer Aspekt des zukünftigen Erfolgs.

Wichtiger Faktor für das Wohlbefinden

Dem Konsens, dass KI noch viel Potenzial bereithält, schließt sich auch Deponte an und betont: „Eine der wichtigsten Entwicklungen wird meiner Meinung nach sein, dass KI einen immer größeren positiven Einfluss auf die Work-Life-Balance und mentale Gesundheit von Mitarbeiter haben wird.“ Denn KI-Lösungen seien in der Lage, durch Echtzeitdaten und -analysen einiges an Druck von den Schultern der verantwortlichen Teams zu nehmen. „Ein IT-Administrator schläft besser und schaltet leichter ab, wenn er weiß, dass eine KI die internen Systeme 24 Stunden am Tage ununterbrochen auf Fehler und Ausfälle überwacht. Versicherungsberater erreichen ihre Ziele schneller und entspannter, wenn eine KI im Hintergrund Kunden- und Produktprofile passgenau aufeinander abstimmt.“ Die Möglichkeit, qualitativ hochwertigere Aufgaben zu übernehmen und gleichzeitig von der zuverlässigen Datenanalyse einer KI zu profitieren, werde in Zukunft ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden, aber auch die fachliche Weiterentwicklung von Mitarbeitern sein.

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