Oft sind es gerade die Betreuer von Applikationen, die Colocation befürworten, weil es auf modernen Systemen und mit IT-Experten vor Ort auch für sie einfacher wird. (Bildquelle: Getty Images / iStock)
Stefan Keller kann nachvollziehen, wenn Mittelständler kritische Systeme im eigenen Haus halten wollen, plädiert aber für einen ganzheitlichen Blick auf die IT. (Bildquelle: Noris Network)
ITM: Herr Keller, VPN, Videokonferenzen und die Arbeit im Homeoffice haben viele Unternehmen am Laufen gehalten. Zählt die IT zu den Gewinnern der Pandemie?
Stefan Keller: Für mich kennt die Pandemie keine Gewinner. Sicher haben einige Unternehmen oder Geschäftsmodelle wirtschaftlich profitiert, aber viele haben Verwandte und Bekannte verloren und die sozialen und gesellschaftlichen Folgen werden uns allesamt sehr fordern. Ich freue mich über jedes Unternehmen, das die Krise mithilfe der IT bisher besser überstanden hat als zunächst gedacht. Aber bei Freude kommt es immer auf die Erwartungen an.
ITM: Wie meinen Sie das?
Keller: Zumeist wird sich darüber gefreut, dass der Zugriff auf IT-Systeme aus Homeoffices möglich ist, Videokonferenzen viele Präsenztreffen ersetzen und online Geschäfte gemacht werden können. Aber aus Sicht von IT-Experten sind das ja fast Selbstverständlichkeiten. Die Technologien sind seit Jahren verfügbar und Teil vorhandener Standardsoftware. Ich bin also hin- und hergerissen: Gut finde ich, dass diese Technologien endlich breiter genutzt werden. Das wird unserer Wirtschaft helfen. Auf der anderen Seite zeigt mir die Freude von Managern und Politikern, wie niedrig die Erwartungen oder wie wenig bekannt oder überzeugend für viele Entscheider diese Möglichkeiten der IT bislang waren.
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ITM: Aber auch Sie sehen einen Schub für die Digitalisierung,
oder nicht?
Keller: Ja, aber ich warne auch. Vieles wurde im Krisenmodus eingerichtet – nicht immer sicher und aus Zeitmangel oft nur wenig optimiert. Gerade in der mittelständischen IT wurde fast überall am Limit gearbeitet. Chronisch überlastete IT-Teams haben teilweise veraltete Infrastrukturen im Hauruckverfahren geöffnet. Die Unternehmen sollten die aktuelle Veränderungsbereitschaft jetzt nutzen und aus dem Krisenmodus zu einer strategischen Digitalisierung von Prozessen und zu einer Modernisierung der IT übergehen.
ITM: Wie kann Colocation in Rechenzentren dabei helfen?
Keller: Die reine Colocation, also nur das Verlagern der eigenen Hardware aus dem unternehmenseigenen Rechenzentrum in eines unserer Rechenzentren, bietet für sich genommen noch keinen echten Gewinn. Wir empfehlen, Colocation als Plattform für die Modernisierung zu nutzen und unsere Experten als flexibel abrufbaren Teil des eigenen Teams zu sehen. Beispielsweise konnten Unternehmen, die den Umzug in unser Rechenzentrum für die Virtualisierung genutzt haben, deutlich flexibler in der Pandemie agieren. In virtualisierten Umgebungen lassen sich zusätzliche Ressourcen und Verbindungen deutlich schneller und flexibler einrichten als in klassischen Umgebungen mit dedizierter Hardware. Wir haben hier zu Beginn der Krise praktisch im Sekundentakt VPN-Verbindungen und Kollaborationsplattformen eingerichtet – bei gleichbleibend hohen Sicherheitsstandards. Das ist bei modernen Systemen und entsprechenden Tools auch kein Hexenwerk.
ITM: Die Krise hat ja drastisch vor Augen geführt, dass die Unternehmen auf die Verfügbarkeit ihrer Systeme angewiesen sind. Was raten Sie hier?
Keller: Da fangen die Probleme schon mit dem Begriff an. Die Unternehmen definieren Verfügbarkeit meist als die Möglichkeit für Nutzer, ihre Anwendungen nutzen zu können. Für den Colocation-Rechenzentrumsbetreiber aber ist Verfügbarkeit zunächst deutlich enger gefasst: Die Hardware läuft und ist technisch erreichbar. Hier redet man also über völlig andere Dinge.
ITM: Wie kommt man auf einen gemeinsamen Nenner?
Keller: Im offenen, partnerschaftlichen Dialog – und das wird gerade von Mittelständlern honoriert. Auch wir können in unseren Verträgen nur das garantieren, was wir unmittelbar beeinflussen können. Aber wir sagen offen, dass die technische Verfügbarkeit eines Servers nur eine Komponente ist und diskutieren das Thema Verfügbarkeit umfassender und aus der Perspektive der Unternehmen. Ein Beispiel: Back-up-Strategien. Gemeinsam mit den Kundenteams besprechen wir, wie sich mit unterschiedlichen Back-up-Strategien bis hin zum standortverteilten Active/Active-Betrieb redundanter Systeme die Verfügbarkeit maximieren lässt. In diesem Zuge erläutern wir, dass sich die Dauer von Ausfällen auch reduziert, wenn die Wiederherstellung und das Einspielen von Back-ups trainiert werden. Ein weiteres Beispiel: Weil heute die Hardware immer seltener die Ursache für Ausfälle ist, holen wir die Third-Party-Software-Entwickler und Applikationsbetreuer der Unternehmen mit ins Boot, um Infrastruktur, Deployment und Betrieb zu optimieren. Schon die Abstimmung reduziert Ausfallrisiken. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Unternehmen fürchten, dass Rechenzentrumsbetreiber alle Services an sich reißen wollen und sich deshalb gegen Colocation entscheiden. Fakt ist, dass wir uns als Teil eines umfassenden IT-Teams begreifen. Oft sind es gerade die Betreuer von Applikationen, die Colocation befürworten, weil es auf modernen Systemen und mit IT-Experten vor Ort auch für sie einfacher wird.
ITM: Hochverfügbare Systeme inklusive der notwendigen Back-up-Mechanismen sind allerdings auch ein erheblicher Kostenfaktor.
Keller: Ja, das kann sein. Aber die Krise hat gezeigt: Dort, wo die wirtschaftlichen Schäden durch Nichtverfügbarkeit groß sind, sind diese Kosten und Aufwände im Sinne der Existenzsicherung mehr als gerechtfertigt. Unwirtschaftlich wird es dort, wo nicht differenziert wird. Und deshalb helfen unsere Experten den Kunden bei der Risikoanalyse. Welche Anwendungen sind wirklich unternehmenskritisch, wo dürfen absolut keine Transaktionen verloren gehen oder Daten korrumpiert werden? Und bei welchen Anwendungen und Systemen machen auch vier oder sogar acht Stunden Ausfall zwar Ärger und Arbeit, aber es lassen sich alle Transaktionen nachtragen? Auf dieser Basis lassen sich differenzierte Strategien, Lösungen und Service Levels vereinbaren. Differenzierung und deren Umsetzung gestalten sich in einem modernen Rechenzentrum mit vielen IT-Experten leichter als im selbstbetriebenen Rechenzentrum. Das macht es günstiger und sichert Verfügbarkeit deutlich zielgerichteter.
ITM: Welche Maßnahmen empfehlen Sie Unternehmen, um die Digitalisierung voranzutreiben?
Keller: IT-Leute, die mit dem Unternehmen sowie seinen Prozessen und Bedürfnissen vertraut sind, spielen eine wichtige Rolle für die IT-gestützte Optimierung von Prozessen. Aber ein vollausgelastetes IT-Team kann diese Digitalisierung und Transformation nicht vorantreiben. Für mich fehlt es an der Differenzierung auf Entscheidungsebene. Welche IT-Aufgaben lagern wir aus? Welche Verfügbarkeit oder Sicherheit wollen wir erreichen – für welche Systeme? Gehen wir in die Cloud? Bei vielen dieser Fragen wird schwarz-weiß bzw. „entweder/oder“ gedacht, tatsächlich aber gibt es ein riesiges Spektrum an hybriden Zwischenlösungen, um diese Ziele Schritt für Schritt zu erreichen. Ich kann nachvollziehen, wenn entwickelnde Mittelständler Systeme und Daten für die Entwicklung, für Produktpläne oder die Produktionssteuerung im eigenen Hause halten wollen. Aber muss diese Entscheidung auch für alle anderen Datenbanken und die Standardsoftware im Bereich Verwaltung und Kommunikation gelten oder kann hier nicht fremdbetrieben werden? Wir sehen, dass Unternehmen, die ihren knapp bemessenen internen IT-Fachleuten Freiräume für nachhaltige Change-Prozesse und den Ausbau der IT-Unterstützung für weitere Prozesse verschaffen, bei der Digitalisierung oftmals besser vorankommen. Die Unternehmen, die ihre IT-Teams schon mit reinen Betriebsaufgaben völlig auslasten und bei der Digitalisierung dann komplett auf externe Berater zu Digitalisierungsstrategien vertrauen und kommen bei der Umsetzung extrem schleppend voran.