Interview mit Christian Meindl, Geodis Logistics

Verlängerte Kommunikationswege

Interview mit Christian Meindl, Director High Tech bei der Geodis Logistics Deutschland GmbH, über die Möglichkeiten und auch Herausforderungen von SCM-Outsourcing.

Christian Meindl, Director High Tech bei der Geodis Logistics Deutschland GmbH.

„Gerade mittelständische Unternehmen sind gezwungen, aufgrund der Preisbildung für kostenintensive Bereiche wie SCM neue Lösungen zu suchen“, weiß Christian Meindl, Director High Tech bei der Geodis Logistics Deutschland GmbH.

ITM: Herr Meindl, das Outsourcing vom Supply Chain Management (SCM) war vor einigen Jahren vermehrt für Großunternehmen interessant, inzwischen ist das Thema aber auch im Mittelstand angekommen. Wie erklären Sie sich diese Verschiebung?
Christian Meindl: Die mittelständischen Unternehmen sind durch die Globalisierung gezwungen, den Ansprüchen eines weltweiten Marktes Rechnung zu tragen. Die dadurch gewachsene Mitbewerberzahl auf dem Markt beeinflusst deutlich die Kostensituation der Unternehmen. Gerade mittelständische Unternehmen sind gezwungen, aufgrund der Preisbildung für kostenintensive Bereiche wie SCM neue Lösungen zu suchen. Hierbei ist das Outsourcing ein entscheidender Faktor, da hierdurch eine enorme Flexibilität erreicht wird. Heutige fixe Kostenanteile können variabilisiert werden, Investitionen werden durch den Outsourcing-Partner durchgeführt und resultieren in freiem Cash Flow, welcher für eigene Investitionen genutzt werden kann.

ITM: Welche Faktoren erachten die Mittelständler beim SCM-Outsourcing als kritisch?
Meindl:
Allgemein als kritisch zu sehen ist die verlorene Kontrolle (und die damit verbundene Abhängigkeit vom Dienstleister) über die ausgelagerten Prozesse. Der Verlust dieser Kontrollfunktion birgt – besonders in kritischen Bereichen – die Gefahr einer Qualitätsminderung. Neben dem daraus resultierenden negativen Image wird die Qualitätsminderung von den Klienten auf den Unternehmer gespiegelt und kann, verbunden mit dem durch den zwischengelagerten Dienstleister gesteigerten Distanzempfinden, zu rückläufigen Aufträgen und Umsatzminderungen führen.

Ein outsourcender Mittelständler (bzw. Unternehmer generell) ist daher an oberster Stelle auf die unbedingte, kontinuierliche Servicequalität und die Zuverlässigkeit seiner externen Dienstleister angewiesen. Zudem ist die komplizierte Umkehrbarkeit als kritisch zu sehen: Ist eine Funktion erst einmal ausgelagert, so ist es für den Unternehmer zunächst schwer, kurzfristig wieder auf Eigenleistung umzustellen, da die Voraussetzungen fehlen.

Desweiteren sind bei einem Outsourcing-Modell die Kommunikationswege verlängert, was das Potential für Konflikte generell erhöht. Zudem sollten Outsourcer stets in Kenntnis darüber sein, welche Informationen an das Partnerunternehmen herausgegeben werden, um zu vermeiden, dass eine zu große Menge unternehmensinternes Know-how verloren geht. So sollte im Vorfeld einer Outsourcing-Ausschreibung genau definiert werden, welche Anforderungen der neue Partner erfüllen muss, um überhaupt in die engere Wahl zu gelangen. Die geschäftlichen Verbindungen sollten explizit auf Realisierbarkeit, synchrone Vorstellungen über das Geschäft und partnerschaftliches Miteinander geprüft werden.

ITM: Welche Vorteile können mit SCM-Outsourcing erzielt werden?
Meindl:
Für den Mittelständler kommt es zu gravierenden Effizienzsteigerungen in den Bereichen Kosten und Zeitaufwand, da Spezialisten im 3PL-Bereich die hier gefragten Anforderungen viel besser und professioneller abdecken können. Durch vorteilhafte Bündelung diverser logistischer Tätigkeiten und die daraus resultierenden Skaleneffekte werden Prozesskostensenkungen und weitere, nachhaltige Kostenvorteile erreicht.

Lageraufwendungen und Lieferzeiten werden geringer, ebenso die Durchlaufzeiten; alles Effekte, die eine gesteigerte Servicequalität zur Folge haben, die sich wiederum in potentiellem Mehrumsatz bemerkbar macht. Zudem kann der Kunde durch ein fehlendes Lager seine eigene Kapitalbindung minimieren, was schlussendlich in effektivem Gewinn mündet. Weitere Vorteile sind das mit einem externen Logistiker verbundene, häufig globale Netzwerk, von dem auch der Mittelständer profitiert sowie die gewonnene Flexibilität. Unterjährige Schwankungen können so kompensiert werden.

Durch die Elimination sämtlicher nicht wertschöpfungsrelevanter Aktivitäten und strategisch nicht bedeutender Tätigkeiten wird die Konzentration der Mittelständler auf ihre Kernkompetenzen und die daraus hervorgehenden stabileren Strukturen innerhalb des Unternehmens gelenkt. Dieser Fokus steigert die Produktivität deutlich.

ITM: Mit welchem Aufwand ist das Auslagern des Lieferkettenmanagements verbunden?
Meindl:
Um eine umfangreiche Vorselektion durchführen und belastbare Daten erheben zu können, müssen die Vorgänge im Unternehmen bekannt sein. Es müssen Kernprozesse und Supportfunktionen ermittelt, sowie Inhalt und Umfang dieser Supportprozesse analysiert werden. Daraufhin folgen die sogenannten „Make-or-Buy“-Entscheidungen, anhand derer der Unternehmer festlegt, welche der Supportprozesse er selbst leisten will und welche Funktionen er an Fremdunternehmen outsourcen, die Leistungen also einkaufen möchte. Lediglich effiziente Projektplanung und Kenntnis über relevante Prozesskennzahlen ermöglichen eine unverfälschte Datenerhebung, die die aktuelle Unternehmenssituation abbilden und eine Ausschreibung erst möglich machen.

ITM: Worauf sollten die Anwender bei der Auswahl eines entsprechenden Dienstleisters achten?
Meindl:
Die Erwartungen, die beide Partner an das gemeinsame Geschäft haben, sollten übereinstimmen. Langfristig ist es zudem wichtig, dass die Strategie beider Unternehmen einer Linie entspricht bzw. dass beide Strategien kompatibel sind. Dazu zählen auch Vorhandensein und Einhaltung entsprechender Sicherheitsanforderungen: In bestimmten Geschäften sind qualifizierte Zertifikate unabdingbar für den Unternehmer. Sind diese beim Partner nicht vorhanden und kann er die Nachrüstung nicht gewährleisten, ist eine Zusammenarbeit an dieser Stelle nicht möglich.

Weiterhin sollten die Servicequalität und die Dienstleistungsbereitschaft des gewählten Partners zu der des Unternehmers äquivalent sein. Mit gegensätzlicher Einstellung lassen sich auf Dauer keine ertragreichen Geschäftsbeziehungen führen und letztendlich leidet der Kunde darunter. Grundvoraussetzung ist eine kommunikative Basis, auf der beide Partner harmonisch agieren.

Funktional ist zu prüfen, ob der Partner grundsätzlich die Margen abdecken kann und ob er bezogen auf Ausstattung und Ressourcen in der Lage ist, die vom Unternehmer und Kunden geforderten und erwarteten Anforderungen abzudecken. Im Idealfall sollte ein gutes Outsourcing-Programm die Kernkompetenzen des Unternehmers stärken und die Supportfunktionen übernehmen.

Desweiteren sind Punkte wie die Geschäftsstruktur des Partners mit Konkurrenzabdeckung und Netzwerkausprägung, die Lokalisierung des Unternehmens innerhalb des Landes, die Arbeitsbedingungen im Partnerunternehmen, die Konkurrenzstruktur des Unternehmers selbst und die angebotenen Preise des Partners für dessen Leistungen zu beachten.

ITM: Welche Trends haben Sie in den letzten Jahren beim Supply Chain Management beobachtet? Wie bewerten Sie diese?
Meindl:
Das Geschäftsfeld des SCM hat durch die Krise ebenfalls gelitten und sich daraufhin verändert. Noch immer stehen viele Lager leer, infolge des wirtschaftlichen Einbruchs konnten sich viele Zulieferer nicht halten und sind rezessionsbedingt in Konkurs gegangen. Das Segment Strategie und Planung im SCM bekommt seit 2011 kontinuierlich mehr Bedeutung, das Augenmerk liegt verstärkt auf Prozessen und Tools im Bereich langfristiger Sales- und Betriebsplanung. Daher geht der Trend beim SCM zur Bündelung von Leistungen, Aufbau einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen und dem Logistikdienstleister sowie der Schaffung einer ganzheitlichen Lösung entlang der Wertschöpfungskette. Hierdurch können nachhaltige, komplexe Konzepte entstehen und in ihrer Ausprägung den Unternehmenserfolg drastisch steigern.

Dieser Trend resultiert aus der Globalisierung und den fluktuierenden Ansprüchen eines weltweiten Marktes. Kein Unternehmensbereich ist von der Tendenz des globalen Businessumfeldes stärker betroffen als die Supply Chain. Herstellung, Distribution, Materialsuche, Rechnungsstellung und Returns sind signifikant beeinflusst durch den starken Zuwachs einer globalen Kunden – und Zulieferer-Base und deren pflichtgetreue Integration. Zweifelhaft ist jedoch, ob die existierenden Prozesse und Technologien für dieses neue Geschäftsumfeld ausreichend sind.

Um diese beiden Effekte zu kompensieren, greifen immer mehr Unternehmen auf das Outsourcing von Bereichen aus oder gar der ganzen Wertschöpfungskette zurück und besinnen sich auf die Ausführung ihrer Kernkompetenzen. Somit kann das Outsourcing selbst als Trend im SCM angesehen werden. Outsourcing bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, die sich schnell wandelnden Umweltbedingungen einer Unternehmung zu kompensieren und sogar Geschäftsvorteile aus der Situation zu entwickeln

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