Drei Fragen an…

Wege aus der Permacrisis

Die vergangenen Jahre waren durch ein Ausmaß von Störungen geprägt, die niemand vorhersagen konnte: die Corona-Pandemie, Kriege in Europa und Israel, unterbrochene Lieferketten, Klimakatastrophen, Inflation und in vielen Ländern rund um den Globus politisches Chaos. Wir leben in einer „Permacrisis“ – einer „längeren Periode der Instabilität und Unsicherheit“.

  • Globus

    Die Corona-Pandemie, Kriege in Europa und Israel, unterbrochene Lieferketten, Klimakatastrophen, Inflation und in vielen Ländern rund um den Globus politisches Chaos. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

  • Simone Schiffgens

    Simone Schiffgens, Vorstandsvorsitzende der Ams.Solution AG ((Bildquelle: Ams Solution))

  • Ralf Bachthaler

    Ralf Bachthaler, Vertriebsvorstand bei Asseco Solutions ((Bildquelle: Asseco Solutions))

Diese Unsicherheit beeinflusst die Gesellschaft, die Unternehmen und jeden einzelnen Menschen so sehr, dass das Collins Dictionary „Permacrisis“ 2022 zum Wort des Jahres kürte. Die Unternehmen, die in dieser Permacrisis überleben oder sogar gedeihen, sind diejenigen, die sich möglichst schnell an Veränderungen, vor allem an unerwartete Veränderungen, anpassen können. Je schneller, desto besser. Dazu kann ein modernes ERP-System wesentlich beitragen, weil es Entscheidungen nicht nur verbessert, sondern gleichzeitig auch beschleunigt und außerdem hilft, etablierte Abläufe und Geschäftsprozesse zügig an neue Gegebenheiten anzupassen. Zwei Experten erklären, worauf es dabei ankommt – und was ein modernes ERP-System auszeichnet.

ITM: Frau Schiffgens, Herr Bachthaler, wie wichtig ist ein spezifischer Branchenfokus für den erfolgreichen Einsatz eines ERP-Systems im Mittelstand?
Schiffgens:
In unseren Augen ist eine erfolgreiche ERP-Implementierung im Mittelstand ohne den angesprochenen spezifischen Branchenfokus im Grunde nicht möglich. Dieser Branchenfokus umfasst dabei zwei wesentliche Aspekte: zum einen die Expertise und die Beratungskompetenz des ERP-Anbieters, zum anderen die punktgenaue Ausrichtung der Software auf die besonderen Prozessanforderungen unserer Kunden. In unserem Fall sind dies explizit Unternehmen der Einzel-, Auftrags- und Variantenfertigung aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Laden- und Innenausbau, Schiff- und Sonderfahrzeugbau sowie aus dem Bauwesen – insbesondere Stahl-, Holz- und Komplettbau. Aufgrund des reichhaltigen Erfahrungsschatzes unserer Mitarbeiter in mehr als 1.500 Projekten im Umfeld der Losgröße 1+ sind wir in der Lage, die Projektanliegen unserer Kunden auf Anhieb zu verstehen, Sachverhalte auf fachlich höchstem Niveau zu erörtern und gemeinsam mit den Kunden Lösungen zu finden. Unsere Software deckt dabei alle erforderlichen Geschäftsprozesse im jeweiligen Branchenstandard ab, was ein Alleinstellungsmerkmal unseres unabhängigen Familienunternehmens darstellt.

Bachthaler: Aus meiner Sicht ist der Branchenfokus absolut zentral. Generell ist der Branchenfokus in der ERP-Welt natürlich ein wichtiges Thema, nicht nur im Mittelstand. Doch gerade dort ist er von besonderer Bedeutung. Was einen Mittelständler auszeichnet und ihn besonders macht, ist nicht selten das, was ihn zu einem „Hidden Champion“ macht. ERP-Systeme mit hohem Branchenfokus bieten die besten Voraussetzungen, diese individuellen Besonderheiten eines Unternehmens in der jeweiligen Branche passgenau zu unterstützen. Ein starker Branchenfokus stellt zudem die Grundlage dafür dar, dass ERP-Hersteller und Kunden dieselbe Sprache sprechen – dass also die Experten des Anbieters die üblichen Prozesse, Besonderheiten und Herausforderungen der Branche genau kennen. Und dies wiederum verkürzt Einführungszeiten, spart Kosten und erlaubt die Anwendung bewährter Best Practices für einen schnellen Projekterfolg.

ITM: Auf welche technischen Eigenschaften sollten Mittelständler bei der Auswahl eines neuen ERP-Systems besonders achten?
Bachthaler:
Der klassische Mittelstand zeichnet sich dadurch aus, dass er bei Bedarf recht schnell auf Veränderungen reagieren kann und es, falls erforderlich, in der eigenen Hand hat, sich neu zu erfinden. Eine solche Flexibilität, gerade bezogen auf den technischen Fortschritt, ist ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit. Doch damit Unternehmen diesen Vorteil tatsächlich ausspielen können, muss auch das jeweils genutzte ERP-System die technischen Möglichkeiten bieten, Veränderungen bei Bedarf schnell und effizient in den eigenen Abläufen widerzuspiegeln und die vorgegebenen Prozesse flexibel an die neuen Anforderungen anzupassen. Und das am besten noch KI-gestützt. Zu diesem Zweck ist es entscheidend, dass ERP-Systeme konsequent auf State-of-the-Art-­Technologie setzen und technische Weiterentwicklungen nicht nur reaktiv in ihr System integrieren, sondern dieses idealerweise schon vorausschauend darauf vorbereiten.

Schiffgens: Es ist von immensem Vorteil, wenn eine ERP-Software aufgrund größtmöglicher Deckungsgleichheit mit den gängigen Branchenprozessen im Standard implementiert werden kann. Dies spart Zeit und Geld, weil einerseits individuelle Anpassungen entfallen und weil andererseits Release-Wechsel nur minimalen Aufwand erfordern. Sich im Standard zu bewegen, darf jedoch keinerlei funktionale Einschränkungen mit sich bringen. Technisch betrachtet sollte das ERP-System  größtmögliche Integrationsfähigkeit besitzen, um sämtliche Datenquellen, Drittsysteme und auch alle Arten von Maschinen und Geräten einzubinden. Die mobile Nutzung wird dabei immer wichtiger.

ITM: Apropos Technik: Wie wichtig sind heute KI-Technologien wie Machine Learning (ML) oder Large Language Models (LLMs) beim ERP-Einsatz im Mittelstand?
Bachthaler:
Meiner Meinung nach sind das die entscheidenden Themen für die Zukunft. Die Schlagzahl der Innovationen in diesem Bereich ist ja geradezu schwingelerregend hoch. Schon heute liefert Künstliche Intelligenz die Basis für zahlreiche Verbesserungen im ERP-Bereich, die mit klassischen Ansätzen so nicht möglich gewesen wären, etwa die Bewältigung großer Datenmengen oder die Erkennung hochgradig komplexer Zusammenhänge. Zukünftig werden entsprechende Technologien auf dieser Basis für noch mehr Automatisierung im ERP-System und im Backoffice der Firmen sorgen. Mittelfristig wird sich die Technologie zum autonomen oder teilautonomen ERP weiterentwickeln, sprich: Das ERP-System wird eigenständig immer weitere Aufgabenbereiche übernehmen und die Anwender dadurch umfassend bei ihrer täglichen Arbeit entlasten, sodass diese freie Kapazitäten für die wirklich wertschöpfenden Aufgaben gewinnen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Schiffgens: ERP gilt schon immer als Synonym für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Das integrierte und durchgängige Datenkonzept liefert den Überblick über alle relevanten Geschäftskennzahlen und bietet die Grundlage für fundierte strategische Entscheidungen. Moderne Systeme haben dabei ihre anfangs tendenziell monolithischen Strukturen längst abgelegt und fungieren heute dank ihrer Integrationsfähigkeit als zentrale digitale Drehscheiben, die verschiedenste Drittsysteme, Maschinen und Endgeräte miteinander vernetzen. Was läge also näher, als hier Künstliche Intelligenz in zentrale Steuerungs- und Entscheidungsprozesse hinzuziehen? Auf dieser Basis lassen sich zahlreiche gewinnbringende Einsatzfelder für KI in ERP-Systemen identifizieren. Beispielsweise wenn eine dynamische Benutzeroberfläche auf Grundlage der bisher gesammelten Anwendungsmuster naheliegende Folgeprozessschritte automatisiert vorschlägt. Oder wenn sich bei einer Angebotsanfrage das Verhalten von Interessenten oder Kunden anhand der Kontakthistorie vorhersagen lässt. 

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