Lean Commerce bringt schlanke Strukturen statt Overhead
Stellt ein Software-Betreiber keine Updates für die im Unternehmen eingesetzte Technik mehr zur Verfügung? Oder ist die wirtschaftliche Lage des eigenen Betriebs durch hohe Energiepreise oder Rekordinflation in Schieflage geraten? Unterschiedliche Gründe sorgen derzeit dafür, dass B2B-Unternehmen ins Grübeln geraten und nach neuen Methoden für ihren Aufschwung suchen. Der Trend „Lean Commerce“ hilft dabei, eigene Arbeitsprozesse zu analysieren, zu verschlanken und den gesamten Betrieb ökonomischer aufzustellen.
Ob wirtschaftliche Einflüsse oder technologische Erfordernisse – egal, aufgrund welcher Motivation Firmen ihre eigenen Arbeitsprozesse prüfen, gerade im B2B-Bereich, in dem komplexe Produkte produziert und im Anschluss mittels langer Sales-Zyklen verkauft werden, sind durch effizientere Abläufe meist höhere Margen erreichbar. Um das gewünschte Einsparpotenzial aber zu erkennen und mehr Effizienz zu erreichen, sollten Firmen die Methodik des Lean Commerce kennen – eine Herangehensweise, die sich zum E-Commerce-Trend des Jahres 2024 entwickelt.
Lean Commerce – Herkunft, Definition und Wirkungsweise
Doch was genau steckt hinter der neuen Methode und wie funktioniert sie? Lean Commerce ist angelehnt an den Begriff „Lean Management“, der ursprünglich in den 50er Jahren in Japan entstanden ist. Lean Management als Methodik stellt zwei zentrale Elemente in den Mittelpunkt: Kundenorientierung und Effizienzsteigerung, beziehungsweise Kostensenkung durch Vermeidung von „Verschwendung“. Auf diese Weise wird beim Lean Management die gesamte Wertschöpfungskette unter die Lupe genommen: Es gilt, Arbeitsprozesse zu optimieren, flachere Hierarchien aufzubauen, sich auf seine Kunden und deren Wünsche zu fokussieren und seine eigenen Stärken, eigenverantwortliches Handeln und Teamfähigkeit in den Vordergrund zu rücken. So fallen überflüssige Arbeiten schnell weg, überteuerte Herangehensweisen können getauscht und generell die eigenen Kosten verschlankt werden.
Analog zu dieser Methodik ermöglicht das Lean Commerce, alle Bereiche des E-Commerce zu analysieren und effizienter und ökonomischer aufzustellen. So werden unter anderem das Online Marketing, „Searchandizing“, Change Management und zentrale KPIs genauso geprüft wie das Stammdatenmanagement, die Optimierung der SAP Integration, die Orchestrierung und Automatisierung der Commerce Prozesse und die Auswahl aller eingesetzten Tools.
Kosten durch modulare Systemarchitektur senken
Auch die Systemarchitektur zu hinterfragen, birgt großes Potenzial. Ein Wechsel von traditionellen, monolithischen Software-Strukturen zu einer agilen, modularen Architektur folgt sogar dem Trend des Composable Commerce, bei dem die optimal passenden E-Commerce-Komponenten modular zusammengestellt und gezielt für spezifische Geschäftsanforderungen implementiert werden. Durch diese Anpassung zeigt sich sofort, welches Einsparpotenzial „Lean Commerce“ ermöglicht: denn vergegenwärtigt man sich, welche immensen Lizenzkosten Unternehmen bspw. für ihr Shop- bzw. Commerce-System, für Suchdienstleister oder CMS-Systeme haben, ist es berechtigt, darüber nachzudenken, ob diese Ausgaben sinnvoll sind oder nicht. Zwar scheuen sich Unternehmen häufig, ihre eingesetzte und sicherlich gewachsene Commerce-Landschaft zu optimieren (Vendor Lock-In), eine Analyse und Verbesserung einzelner Komponenten lohnt sich aber immer. Denn beim Lean Commerce geht es nicht darum, die Warenwirtschaft zu ersetzen.
Vielmehr steht im Fokus, die Lizenzkosten der einzelnen Bausteine innerhalb der implementierten E-Commerce Landschaft auf ihre ökonomische Notwendigkeit zu überprüfen. In den einzelnen Bereichen, wie z.B. dem Shopsystem, der Produktsuche oder dem CMS, gibt es immer wieder Alternativen, die schlanker und günstiger sind und sich dennoch gut in die ERP-Landschaft integrieren lassen.
Beispiel: wie eine Software Commerce-Prozesse automatisch dirigiert
Ein weiteres Beispiel betrifft die Orchestrierung und Automatisierung der Commerce Prozesse. So agieren manche Systeme im Grund wie ein Dirigent im Hintergrund. Das heißt, sie behalten alle Abläufe und Prozesse im Blick und greifen dann automatisch ein, wenn bestimmte, vom Shopbetreiber definierte Kriterien erfüllt sind. Ist von einem Produkt etwa noch eine große Menge auf Lager, während gleichzeitig Nachbestellungen des gleichen Produkts zum Lager unterwegs sind, greift die Dirigenten-Software auf mehrfache Weise ein. Als ersten Schritt organisiert sie automatisch einen Abverkauf der überproduzierten Ware und kennzeichnet das Produkt im Shop mit einem Rabatt. Des Weiteren greift sie aber auch in die Shop-Suche ein.
Sucht ein Kunde nun nach diesem Produkt, so wird ihm an erster Stelle das Produkt mit der Überkapazität angezeigt. Erst danach folgt ein Konkurrenzprodukt, das einen geringeren Lagerbestand hat. Zudem werden im Hintergrund Banner oder Störer generiert, die in den Shop integriert werden, und vieles mehr. Das heißt, in der Dirigenten-Software werden Pläne hinterlegt, die einen genauen Ablauf bei Überkapazitäten definieren, die dann automatisch greifen, wenn das System eine Überproduktion oder andere Einsparpotenziale erkennt. Ein manuelles Überwachen der Lagerbestände und händisches Abverkaufen überproduzierter Waren wird somit entsprechend dem Lean Commerce obsolet.
Durch den Einsatz von No-Code- und Low-Code-Plattformen können diese Orchestrierungs- und Automatisierungsprozesse nun auch von Fachabteilungen selbst durchgeführt werden. Die Fachabteilungen können mit den genannten Plattformen eigene, maßgeschneiderte Lösungen erstellen und implementieren, ohne auf die IT-Abteilung angewiesen zu sein (Citizen Development). Dies führt zu einer schnelleren Umsetzung und Anpassung von Geschäftsprozessen und ermöglicht eine flexible Reaktion auf Marktveränderungen.
Weitere typische Einsatzbereiche im Lean Commerce sind:
- Searchandinzing: Die Optimierung der Suchergebnisse, um gezielt Produkte oder Inhalte zu präsentieren, erhöht die Verkaufschancen.
- Performance-Optimierung: Durch kürzere Ladezeiten kann die Benutzererfahrung maßgeblich verbessert werden, was zu höheren Konversionsraten und insgesamt mehr Erfolg im E-Commerce führt.
Ein effektives Stammdatenmanagement ermöglicht eine präzise Produktpräsentation und Personalisierung, was die Kundenzufriedenheit steigert und langfristige Kundenbindungen fördert.
Durch die Implementierung einer Headless-Storefront können flexiblere und individuelle Benutzererlebnisse geschaffen werden, was zu einer verbesserten Kundenzufriedenheit und höheren Umsätzen im E-Commerce führt.
Die Optimierung der SAP-Integration ermöglicht einen nahtlosen Datenfluss zwischen verschiedenen Systemen. Insbesondere im B2B-Bereich gehört die Darstellung kundenindividueller Preise, aktueller Bestände und die Synchronisierung der Belege aus dem SAP zu einer guten und modernen User Experience.
Fazit
All diese Einsatzbereiche und beschriebenen Anwendungsfälle zeigen, wie groß das Potenzial von Lean Commerce ist. Unnötige Arbeitsprozesse, Optimierungspotenzial und Verbesserungen im kompletten Commerce-System werden sichtbar, wenn alle E-Commerce-Komponenten untersucht und verschlankt werden. Durch die entstehenden schlankeren Software-Landschaften entspricht Lean Commerce auch dem Trend des Composable Commerce. Wollen Unternehmen negativen Einflüssen aus Wirtschaft, Politik oder Technik trotzen und für zusätzlichen Aufschwung in ihrem Betrieb sorgen, kommen sie an Lean Commerce nicht mehr vorbei.
Autor: Dirk Reimsbach, Abteilungsleiter Commerce Development Medienwerft GmbH