Wer mit ERP-Software konfrontiert ist, wird irgendwann ein Upgrade der Software auf eine neue Version oder sogar einen vollständigen Austausch in Betracht ziehen müssen.
Zentrale Geschäftsfunktionen wie Buchhaltung, Warenwirtschaft oder Fertigung hängen oft schon lange von einem gut funktionierenden Enterprise-Resource-Planning-System (ERP) ab. Was aber, wenn die bewährte Software den Anforderungen von heute nicht mehr gerecht wird, etwa weil es an der Integration mit externen Systemen und Anbietern hapert? Die dann nötige manuelle Eingabe durch die Belegschaft bremst die Prozesse aus, erhöht die Fehlerwahrscheinlichkeit und verdoppelt den Aufwand.
Typisch für ältere ERP-Systeme sind auch Performance-Probleme, keine Verfügbarkeit auf mobilen Geräten oder eine „angestaubte“ Bedienoberfläche. All das kann zu Frustration der Mitarbeiter und zu Produktivitätsverlusten führen. Auch die Skalierbarkeit des ERP-Systems kann, z.B. aufgrund eines schlechten Anwendungsdesigns, problematisch werden, insbesondere bei rasch wachsenden Unternehmen. Oft fehlt dem ERP-System dann auch die Unterstützung für innovative Technologien, wie z.B. Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML).
Wer mit diesen Problemen konfrontiert ist, wird ein Upgrade der ERP-Software auf eine neue Version oder sogar einen vollständigen Austausch in Betracht ziehen. Upgrades gelten jedoch als kostspielige, zeitaufwendige und riskante Projekte, und ein Ersatz noch viel mehr. Der Entscheidungsprozess muss die richtigen Führungskräfte einbeziehen und kann einen externen Berater erfordern.
Allerdings geht es auch anders, erklärt Stefan Müssemann, Prozessmanager Release-Management beim ERP-Anbieter Ams.Solution. Kleinere Release-Schritte sorgen seiner Meinung nach dafür, dass die Anwender einen besseren Überblick über funktionale Veränderungen behalten. Also tragen häufigere Release-Wechsel entscheidend dazu bei, von neuesten technischen Entwicklungen profitieren zu können und ein besseres Gesamtverständnis für die Software-Prozesse zu entwickeln. „Wir veröffentlichen unsere Haupt-Releases und die größeren Feature-Packs seit einiger Zeit in einem verbindlichen Turnus“, erklärt Müssemann die Vorgehensweise. „Die Haupt-Releases erscheinen jeweils am 1. April jedes Jahres und die Feature-Packs sechs Monate später am 1. Oktober. Die Anwender können die Aktualisierung ihrer Systeme auf dieser Basis zu jedem Zeitpunkt exakt und vorausschauend planen. In den Perioden zwischen den fixen Terminen erscheinen dem aktuellen Bedarf entsprechend und in etwas unregelmäßigeren Zeitabständen sogenannte Service-Packs. Der Support für ältere Versionen endet in der Regel drei Jahre nach Freigabe der jeweils nächsten Hauptversion.“
Viele ERP-Anwender beherzigen aber aufgrund ihrer Erfahrungen noch das Motto „Never change a running system“, weil in der Vergangenheit dem Release-Wechsel eine intensive Planungsphase vorausging und der spätere Organisations- und Testaufwand immens hoch und zeitraubend war, was wiederum zu langen Umstellungsphasen führte. Es wurden damit insgesamt sehr viele Ressourcen über längere Zeiträume hinweg gebunden, insbesondere in den IT-Teams. Das eigentliche Problem war jedoch der anfängliche „Blindflug“, so Müssemann, „weil Störungen erst dann sichtbar wurden, wenn das System in den Echtbetrieb ging. Hier wirken wir mit unserer von uns selbst entwickelten Testautomation entgegen, die den Testaufwand immens reduziert“.
Das Problem: Längst nicht jeder ERP-Hersteller ist technisch und organisatorisch so weit, dass er regelmäßig kleine Release-Wechsel mit wenig Impact auf Infrastruktur, Geschäftsprozesse und Belegschaft anbieten kann. Erschwerend kommt hinzu, dass so manches Mal gar kein Upgrade mehr möglich ist, etwa weil der Hersteller insolvent wurde oder die Weiterentwicklung eingestellt hat.
Letzteres kommt häufiger vor, als man denkt – selbst der ERP-Marktführer SAP hat seine bewährte Software für 2027 abgekündigt, um sie durch den 2015 vorgestellten Nachfolger S/4 Hana abzulösen. Das heißt für die Kunden: Sie müssen das ERP-System neu erwerben, obwohl sie einen gültigen Wartungsvertrag mit dem Hersteller haben, die Software neu installieren und konfigurieren – und all das mit der Randbedingung, dass S/4 Hana auch acht Jahre nach der Markteinführung nicht die volle Funktionalität des Vorgängers hat. Sebastian Westphal, Technologievorstand der DSAG, fordert daher „schnellstmöglich eine klare Perspektive und entsprechende Migrationsszenarien“.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma zwischen Upgrade und Austausch versprechen Low-Code-Plattformen, mit denen Fachabteilungen selbst passgenaue Lösungen entwickeln können. Die Idee: eine neue App entwickelt von der Buchhaltung, Dashboards angepasst von der Logistik und Workflows konzipiert vom Marketing. All das muss die IT-Abteilung nicht mehr programmieren, sondern das können auch diejenigen, die diese Apps täglich nutzen. Software entsteht dabei nicht mehr durch das Schreiben von Quellcode, sondern mithilfe vorgefertigter Bausteinen, die sich grafisch per Klick zusammenstellen lassen.
Ein neues Diskussionspapier des Branchenverbands Bitkom mit dem Titel „Programmieren für Dummies: Bedeutet Low Code das Ende von ERP?“ beleuchtet, wie sich Low-Code-Plattformen auf die klassische ERP-Welt auswirken und wie sich diese integrieren lassen. „Die klassische ERP-Welt wird durch Low-Code-Plattformen nicht ersetzt, sondern ergänzt“, sagt Nils Britze, Bereichsleiter Digitale Geschäftsprozesse beim Bitkom. „Und die ERP-Anbieter haben die Chance, sich wieder stärker auf die Entwicklung und Optimierung der Kernfunktionen zu konzentrieren.“
Nicht überall, wo Low Code draufsteht, ist auch Low Code drin, warnt Markus Schindler, CTO bei Step Ahead. Manches Produkt werde zwar als Low Code vermarktet, doch unter der schicken Oberfläche verbergen sich oft nur die herkömmlichen starren Programme. „Das volle Potenzial einer Low-Code-Entwicklungsplattform – insbesondere Flexibilität, Benutzerfreundlichkeit und einfache Wartung – lässt sich jedoch nur dann vollständig nutzen, wenn das System von Grund auf und durchgängig in Low Code programmiert ist“, gibt Schindler zu bedenken.
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Ernst zu nehmende ERP-Systeme auf Low-Code-Basis beinhalten seiner Meinung nach sämtliche Bausteine, aus denen auch traditionelle Systeme bestehen. Dies beginnt bei der Anwendungslogik für die Arbeitsabläufe, dem Datenmodell, APIs für die Integration externer Ressourcen und setzt sich fort bis hin zur Benutzerschnittstelle. „Nur wenn jene Systeme komplett in einer Low-Code-Umgebung entwickelt wurden, lassen sich die Vorteile hinsichtlich Flexibilität, Benutzerkomfort und Updates vollständig nutzen“, so Schindler. „Dies gilt vor allem für Datenbankmodelle, die Speicherprozesse und die Businesslogik. Immerhin müssen sie komplexe Geschäftsaufgaben zuverlässig erfüllen.“ Deshalb sei durchgängiger Low Code „deutlich mehr als nur ein hübsches ERP-Make-up“.
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