Prof. Dr. David Wuttke beschäftigt sich in seiner Forschung insbesondere mit Supply-Chain-Finance, der Resilienz von Lieferketten und der Digitalen Transformation.
Wirtschaftliche und politische Krisen globalen Ausmaßes sorgen immer wieder für stockende Lieferketten mit gravierenden Folgen: Eine 2003 veröffentlichte amerikanische Studie konstatierte Verluste von durchschnittlich zehn Prozent der Kurse bei kapitalmarktgehandelten Unternehmen nach einer Lieferkettenpanne innerhalb von drei Tagen. In den letzten drei Jahren ist erneut deutlich geworden, dass Lieferketten die Achillessehne der globalisierten Wirtschaft sind.
Das Thema wirkt sich inzwischen sogar auf die Kreditvergabe aus: Immer mehr Banken nehmen vor einer Zusage die Lieferketten des kreditwünschenden Unternehmens unter die Lupe und „drängen Kunden zur Diversifizierung ihrer Lieferketten“, wie das Handelsblatt am 6. April 2023 schrieb. Zeitgleich ist zu beobachten, dass Lieferschwierigkeiten längst nicht mehr nur von den Leitmedien, sondern auch in den sozialen Medien diskutiert werden. Grund genug, einmal genauer zu fragen, auf welche Lieferkettenpannen die digitale Öffentlichkeit auf Twitter am stärksten reagiert.
Dazu haben wir 63 Millionen Tweets und 215 Lieferkettenpannen analysiert. Wir fanden heraus, dass die negativen Reaktionen stärker ausfallen, wenn unternehmensinterne Gründe zu der Lieferkettenpanne geführt haben. Sind dagegen äußere Treiber wie geopolitische Krisen oder Dürren verantwortlich für die Lieferausfälle, fällt eine konkrete Schuldzuweisung schwerer und die Reaktionen fallen entsprechend milder aus. Die negativen Tweets sind auch dann ausgeprägter, wenn die Lieferkettenstörung lokal beschränkt ist, also insbesondere ein Unternehmen betrifft und nicht viele gleichzeitig. Für ein vollständiges Bild der Auswirkungen von Lieferkettenpannen reicht es also nicht, sich auf rein monetäre Gesichtspunkte wie Gewinnausfälle zu beschränken. Immer wichtiger – weil zunehmend öffentlich diskutiert – werden die ökologischen und sozialen Folgen unternehmerischen Handelns.
Dieses Dreigestirn aus wirtschaftlichen, sozialen und umweltbezogenen Faktoren nennt sich „Triple Bottom Line“ – und es prägt den Ton in den sozialen Medien entscheidend mit. Supply-Chain-Manager stehen folglich in der Verantwortung, die Lieferkette ihres Unternehmens so zu gestalten bzw. umzugestalten, dass besonders diejenigen Pannen ausbleiben, die zu den stärksten öffentlichen Reaktionen und somit zu Kurseinbrüchen führen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Für Supply-Chain-Manager geht es folglich nicht nur darum, Risiken auszuschließen. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, Interessen gegeneinander abzuwägen, die sich gegenseitig ausschließen: Sparziele einhalten und dennoch nachhaltige Rohstoffquellen suchen sowie auf faire Löhne achten. Die Risiken von Lieferausfällen minimieren und gleichzeitig on demand produzieren. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Die Lösung für dieses Dilemma ist so individuell wie unbefriedigend: Nur maßgeschneiderte Maßnahmen können die Resilienz von Lieferketten stärken und zu mehr Flexibilisierung führen. Grundlage dafür ist ein herausragendes Verständnis der Mechanismen in der eigenen Lieferkette und wie immer die Fähigkeit zu „shiften“, wenn äußere Umstände es erfordern.
Bildquelle: Technische Universität München