Künstliche Intelligenz

Wettlauf um die nächste Schlüsseltechnologie

Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) in Deutschland nehmen Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend in den Fokus. Das ist kaum verwunderlich: In Bezug auf Prozessoptimierung, Innovationsfähigkeit sowie bei der Bewältigung des Fachkräftemangels liegen enorme Potenziale im Einsatz von KI-Anwendungen.

  • Gehirn KI

    Der Mittelstand ist für die Innovationsfähigkeit Deutschlands nachhaltig wichtig, wird aber durch starke Konkurrenz aus Asien und Amerika derzeit im Bereich „Künstliche Intelligenz“ zunehmend abgehängt. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

  • Portrait Prof. Dr. Peter Konhäuser

    „Im Lichte der aktuellen internationalen Debatten rund um Copyright und Datenschutz ist es für KMU oftmals nicht klar, wo und wie tief KI-Lösungen eingesetzt werden sollten bzw. dürfen“, sagt Prof. Dr. Peter Konhäusner von der Gisma University of Applied Sciences. ((Bildquelle: Gisma Universität))

  • Portrait Frau Dr. Andrea Derler

    „Mittelständische Unternehmen haben nicht immer die Möglichkeit, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen“, so Dr. Andrea Derler, Visiers Leiterin für Forschung und Wertschöpfung. ((Bildquelle: Visier))

  • Portrait Kai Gutzeit

    „Eine KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen man sie füttert“, meint Kai Gutzeit, Senior Director Sales Germany & Austria bei Oracle. ((Bildquelle: Oracle))

  • Portrait Nadine Riederer

    „In erster Linie geht es um eine Arbeits- und damit auch um eine Zeitersparnis im Alltagsgeschäft“, sagt Nadine Riederer, CEO bei Avision. ((Bildquelle: Avision))

  • Portrait Jan Pilhar

    „Künstliche Intelligenz kann in vielen Prozessen zu einer großen Effizienzsteigerung beitragen“, betont Jan Pilhar, Executive Director bei IBM iX. ((Bildquelle: IBM iX))

Künstliche Intelligenz ist derzeit das große Ding in der deutschen Wirtschaft. Dies zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Gut zwei Drittel (68 Prozent) der befragten Unternehmen halten KI für die wichtigste Zukunftstechnologie. Aktuell setzen jedoch nur 2 Prozent generative KI zentral im Unternehmen ein, weitere 13 Prozent planen dies. Rund ein Viertel (23 Prozent) hat zwar noch keine Pläne zur Verwendung von generativer KI, kann sich dies aber grundsätzlich vorstellen. Mehr als jedes dritte Unternehmen (37 Prozent) hat sich damit laut Bitkom noch gar nicht beschäftigt. „Wir sehen aber ein stark wachsendes Interesse – auch bei kleinen und mittleren Unternehmen – KI für sich zu nutzen“, sagt Jan Pilhar, Executive Director & GenAI Lead bei IBM iX DACH. Dieses Interesse werde angefacht durch den aktuellen Hype um ChatGPT und damit um die neuen generativen KI-Systeme, die seit etwa zehn Monaten im Rampenlicht stünden und von vielen Menschen auch privat ausprobiert würden.

KI kann Mittelständlern viele Vorteile bringen

„In erster Linie geht es um eine Arbeits- und damit auch um eine Zeitersparnis im Alltagsgeschäft“, erklärt Nadine Riederer, CEO beim IT-Dienstleister Avision. Besonders die Texterstellung mithilfe von KI kann Unternehmen dabei unterstützen und langwierige Prozesse vereinfachen. „Die Anwendungsfälle sind beinahe unbegrenzt, von Social-Media-Posts über Blog-Beiträge bis hin zu Produktbeschreibungen oder internen Dokumenten“, weiß Riederer. Auch Rechercheaufgaben ließen sich etwa mit ChatGPT viel einfacher und schneller erledigen. Richtig eingesetzt, könnten KI-Tools die Belegschaft entlasten und Freiräume für kreative Arbeit schaffen. Das sieht Dr. Andrea Derler, Leiterin für Forschung und Wertschöpfung bei Visier, ähnlich: „Mittelständische Unternehmen haben nicht immer die Möglichkeit, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen – entweder aus Kostengründen oder weil sich keine passenden Bewerber auf ausgeschriebene Stellen finden lassen.“ KI-Tools könnten die Angestellten unterstützen und so ihre Produktivität steigern.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

„Künstliche Intelligenz kann in vielen Prozessen zu einer großen Effizienzsteigerung beitragen“, meint auch Jan Pilhar. Darüber hinaus ermögliche generative KI wie etwa GPT-4, die die aktuelle Welle der Euphorie antreibe, völlig neue Formen der Anwendung. „Das betrifft vor allem auch die Kundeninteraktion, etwa in Form von Chatbots, Produktberatern und smarten Assistenten sowie das interne Wissensmanagement“, so der Experte. Aber auch im Software-Engineering könne generative KI zu einer schnelleren und effizienteren Entwicklung beitragen. Sie lasse sich sowohl bei der Entwicklung von Produkten und Services einsetzen, könne aber auch selbst deren Bestandteil sein und so die Nutzungsqualität für die Kunden stark erhöhen.

„Ein weiterer Anwendungsbereich ist das Unterstützen bei der Entscheidungsfindung und Geschäftsplanung“, weiß Kai Gutzeit, Sales Director SMB bei Oracle. Mit KI ließen sich große Datenmengen analysieren und Muster erkennen sowie verstehen. Das sei etwa beim Identifizieren von Saisonalitäten in Märkten wichtig und erleichtere die Geschäftsplanung.

Hürden bei der praktischen Anwendung

Wie jede neue Technologie bringt aber auch Künstliche Intelligenz noch einige Probleme mit sich, die sich als Bremsklotz für eine reibungslose Integration herausstellen können. Nadine Riederer weist darauf hin, dass die Ergebnisse – etwa bei der Texterzeugung – oft noch zu unzuverlässig seien: „Ohne eine manuelle Prüfung des Outputs durch Mitarbeiter ist eine Nutzung schlichtweg nicht zu empfehlen.“ Diese Aufklärungsarbeit sowie das Angebot für entsprechende Schulungen und Fortbildungen lägen aber in der Verantwortung der Führungskräfte. „Daneben spielen allerdings auch Datenschutzbedenken und das in vielen Fällen ungeklärte Urheberrecht eine Rolle.

Für einen bedenkenlosen Einsatz von KI-Tools gibt es aus Sicht vieler Unternehmen aktuell noch zu viele Grauzonen“, ist Riederer überzeugt. Dieser Einschätzung stimmt Prof. Dr. Peter Konhäusner, Professor Digital Entrepreneurship der Gisma University of Applied Sciences, zu.
Die Vorteile von KI seien teilweise noch zu unklar: „Im Lichte der aktuellen internationalen Debatten rund um Copyright und Datenschutz ist es für KMU oftmals nicht klar, wo und wie tief entsprechende Lösungen eingesetzt werden sollten bzw. dürfen. Investiert man zu früh, geht man ein Risiko ein, Geld zu verlieren, investiert man zu spät, so ist man vielleicht schon von vielen Konkurrenten überholt worden.“

Das Innovations-Mindset von KMU müsse sich manifestieren – aber es werde natürlich stark von externen Faktoren beeinflusst. Ein weiterer Punkt ist laut Kai Gutzeit die Integration: „Eine KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen man sie füttert. Ein unzureichend durchdachtes oder komplexes Integrationsprojekt für Bestandssysteme kann während und nach der Umsetzung schnell zu Kopfschmerzen aller Beteiligten führen.“ Hier seien enge Partnerschaften und ein guter Kontakt zum Hersteller wichtig, um sicherzustellen, dass die Integration fachgerecht durchgeführt werde.

Die KI wird kein Jobkiller

Alle Experten sind sich weitestgehend darüber einig, dass die KI zu tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt führen wird. „So gut wie alle Berufe mit digitalen Berührungspunkten werden früher oder später durch KI-Technologien beeinflusst werden“, ist sich Nadine Riederer sicher. Die weit verbreitete Furcht, dass viele Jobs in Zukunft nicht mehr benötigt werden, hält Kai Gutzeit allerdings für eine Überreaktion: „Viel wahrscheinlicher ist, dass durch den klugen, gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine spürbare Effizienzsteigerung dazu führen wird, dass sowohl Kunden als auch Anwender mit ihrer Hilfe schneller zu Lösung kommen.“

Diese müssten weniger Zeit investieren, um sich durch langwierige Prozesse zu kämpfen, und hätten mehr Möglichkeiten, wichtigeren Aufgaben nachzukommen. Und nachdem man lange davon ausging, dass vor allem einfache Tätigkeiten durch KI ersetzt werden, also etwa Arbeiten in der Produktion, ändere sich diese Einschätzung durch die neuen generativen Systeme, betont Jan Pilhar: „Mit diesen lassen sich auch komplexe ,geistige‘ Aufgaben – etwa im Produktdesign, im Marketing oder in der Software-Entwicklung – zumindest teilautomatisieren.“ Entsprechend sei davon auszugehen, dass so gut wie alle Berufe in den nächsten Jahren durch KI verändert werden. „Das heißt aber nicht, dass die betroffenen Berufe überflüssig werden. Es geht künftig eher um eine Augmentierung, also um die Unterstützung von Mitarbeitern durch smarte, KI-gestützte Tools, die sie ihre Arbeit schneller und effektiver machen lassen.“

Besonders im Bereich „Human Resources (HR)“ erwartet Dr. Andrea Derler massive Veränderungen für Personaler: „So können sie repetitive Aufgaben deutlich vereinfachen und sich so auf strategische Dinge konzentrieren. Zudem kann die HR-Abteilung mit passenden KI-Tools ihren Einflussbereich erweitern und mit sinnvoll aufbereiteten Daten bessere Personalentscheidungen treffen.“ Dadurch werde die Arbeit von Personalverantwortlichen auch auf strategischer Ebene immer wichtiger für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen.

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