Insider as a Service

Wie Cyberkriminelle geistiges Eigentum stehlen

Im Gespräch mit IT-MITTELSTAND warnt Carsten Hoffmann, Manager Sales Engineering bei Forcepoint, vor Insider as a Service. „Im Dark Web können Kriminelle gebucht werden, die sich dann von Unternehmen einstellen lassen, um dort für ihre Auftraggeber Daten und geistiges Eigentum zu stehlen“, erklärt er das Prinzip jenes Services.

Carsten Hoffmann, Manager Sales Engineering bei Forcepoint

„Setzen Unternehmen auf der Systemebene an, hinken sie immer hinterher“, warnt Carsten Hoffmann von Forcepoint.

ITM: Herr Hoffmann, welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie 2020 auf die Cyberkriminalität in Deutschland ausgeübt?
Carsten Hoffmann:
Es gab viele Fälle, in denen Cyberkriminelle versucht haben, sich durch Identitätsfälschung unberechtigterweise Corona-Beihilfen zu erschleichen. Außerdem haben wir deutlich mehr Angriffe auf Krankenhäuser mit Kryptotrojanern zur Erpressung von Lösegeld gesehen. Die Angreifer gingen wohl davon aus, dass sich die Krankenhäuser derzeit in so einer prekären Situation befinden, dass sie es sich nicht leisten können, nicht zu bezahlen. Und es gab zahlreiche Cyberattacken auf die Forschungsergebnisse von Universitäten und Instituten, die an Medikamenten und Impfstoffen gegen Covid-19 arbeiten.

ITM: Welche Angriffsmethoden standen hoch im Kurs und warum?
Hoffmann:
In der breiten Masse wurden vor allem Verschlüsselungstrojaner eingesetzt und Erpressungsversuche gestartet. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Abhängigkeit der Unternehmen von der IT noch nie so groß war wie im Moment. Nur mit ihr können viele ihren Geschäftsbetrieb noch aufrechterhalten und die Mitarbeiter im Homeoffice ihren Tätigkeiten nachgehen. Da kann es sich kein Unternehmen leisten, längere Zeit auf die IT zu verzichten. Die Bereitschaft, Lösegeld zu bezahlen, ist deshalb deutlich höher. Wobei Unternehmen das natürlich auf keinen Fall tun sollten, denn es gibt keine Garantie, dass die Daten auch wirklich wieder entschlüsselt werden. Damit stärken sie nur das „Geschäftsmodell“ der Erpresser.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt das Thema „IT-Sicherheit“ überhaupt im Mittelstand?
Hoffmann:
In Summe muss man wohl sagen, dass der Mittelstand dem Thema „IT-Sicherheit“ nach wie vor nicht den Stellenwert einräumt, den sie haben sollte. Aber der Mittelstand bildet natürlich keine homogene Einheit. Es gibt viele hochinnovative mittelständische Unternehmen, die Vorreiter in Sachen „IT“ sind und denen auch klar ist, dass ihr Geschäftsmodell maßgeblich von IT-Sicherheit abhängt. Es gibt aber eben auch viele, die in klassischen Geschäftsmodellen gefangen sind und denen nicht bewusst ist, welche Gefahren drohen.

ITM: Welche Tools und Lösungen sollten in einem Unternehmen mindestens eingesetzt werden, um Datensicherheit und -schutz zu gewährleisten?
Hoffmann:
Unabdingbar ist ein guter Basisschutz. Ein unbedingt notwendiges Werkzeug, das dabei vor allem im Mittelstand aber häufig noch fehlt, ist Data Loss Prevention. In vielen Fällen investieren die Unternehmen erst in solche Lösungen, wenn sie ein Produkt von sich, das sie selbst noch gar nicht auf den Markt gebracht haben, plötzlich eins zu eins bei einem anderen Hersteller sehen.

ITM: Inwieweit haben die Unternehmen – z.B. im Hinblick auf die massive Verbreitung von Remote-Arbeit und stark steigende Cloud-Nutzung – ihre Sicherheitsstrategien in den letzten Wochen/Monaten tatsächlich angepasst?
Hoffmann:
Die Unternehmen haben zunächst in einem ersten Schritt die primäre Aufgabe erledigt, Remote-Arbeit zu ermöglichen. Jetzt sind sie dabei, die eingeführten Technologien im Nachgang vor allem mit Cloud-Security-Lösungen abzusichern.

ITM: Was sind/waren hierbei häufige Stolpersteine?
Hoffmann:
Die Mitarbeiter verwenden im Homeoffice sehr oft ihre eigene IT. Das gilt nicht nur für ihre PCs und Drucker, sondern auch für Cloud-Tools, die sie in ihrem Privatleben für Sharing oder Messaging nutzen. Dadurch haben sie eine erhebliche Schatten-IT geschaffen, denn die Unternehmen wissen oft gar nicht, welche Tools genutzt werden.

ITM: Auf welche Angriffsmethoden im Jahr 2021 bereitet sich die Security-Branche derzeit vor?
Hoffmann:
Eine steigende Bedrohung stellen Insider-Angriffe dar. In der neuen Arbeitswelt, in der sich Mitarbeiter immer häufiger nur noch virtuell begegnen und kaum noch die Firmengebäude betreten, geht von Innentätern eine besonders große Gefahr aus, weil die physischen Kontrollmöglichkeiten entfallen. Das begünstigt auch eine besonders perfide Variante der Cyberkriminalität: Insider as a Service. Im Dark Web können Kriminelle gebucht werden, die sich dann von Unternehmen einstellen lassen, um dort für ihre Auftraggeber Daten und geistiges Eigentum zu stehlen.

ITM: Wie sollte eine vernünftige IT-Sicherheits- bzw. Cyber-Resilienz-Strategie für Unternehmen im neuen Jahr aussehen?
Hoffmann:
Es bringt nicht mehr viel, sich bei der IT-Security auf die Systemebene zu konzentrieren. Die Mitarbeiter nutzen ohnehin oft lieber ihre eigenen Geräte und Tools. Setzen Unternehmen auf der Systemebene an, hinken sie immer hinterher. Wenn die Mitarbeiter Daten längst über ihre Chats und Messenger austauschen, ist es nutzlos, das E-Mail-System des Unternehmens abzusichern. Die Konzentration sollte vielmehr den Daten und den Mitarbeitern gelten. Es wird im neuen Jahr entscheidend darauf ankommen, festzulegen, welche Informationen geschützt werden sollen und wie die Mitarbeiter mit diesen Informationen umgehen dürfen.

Bildquelle: Forcepoint

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok