Michael Chrustowicz, Data Center Software Consultant und Solution Architect bei Schneider Electric
ITM: Herr Chrustowicz, welche Funktionen sollten Anwenderunternehmen heute bei der Auswahl eines neuen Infrastrukturmanagements für ihre Rechenzentren und Server-Räume (neudeutsch: Data Center Infrastructure Management, DCIM) vor allem achten?
Michael Chrustowicz: Anwender sollten bei der Auswahl eines DCIM-Systems darauf achten, dass das System multivendor-fähig ist, d.h. Geräte und Daten verschiedener Hersteller sich über offene APIs und Standardschnittstellen wie Modbus TCP, SNMP, Web-Services – auch bidirektional – einbinden lassen, um flexibel bei der Hardware zu bleiben. Ebenso ist ein modularer Aufbau wichtig, mit dem sich klein beginnen und einfach skalieren lässt, und das auf Basis einer virtuellen Maschine anstatt auf Hardware.
Die Module sollten Funktionalitäten wie Capacity- und Change-Management, Energieeffizienz und Kostenmodule beinhalten. Zudem sollten sie sowohl über offene Schnittstellen zu IT-Systemen wie V–Center, V-Sphere, Microsoft SCOM, HP Openview, Dell Operations Manager, Cisco UCS Manager, Energywise etc. verfügen als auch eine möglichst große CMDB-Gerätedatenbank über alle Rechenzentrums-Geräteaspekte besitzen.
ITM: Inwieweit lässt sich mit DCIM-Software der gesamte Lebenszyklus eines Rechenzentrums abbilden?
Chrustowicz: Es gibt DCIM-Systeme, die den gesamten Lebenszyklus des Rechenzentrums von der netzwerkkritischen physikalischen Infrastruktur (NCPI) her abbilden können: Vom Rack, über Stromversorgungs-, Netzwerkverkabelungspfade und Kühlung bis hin zur IT und KVM-Ebene mit Power Control. Sie bilden Planung, Implementierung, Anpassungen, und Änderungen ab – und zwar dokumentiert und nachvollziehbar für Tüv- bzw. Uptime-Institute-Operational-Efficiency-Zertifizierungen oder für Auflagen von Banken und Versicherungen (Basel II, III etc.).
Zudem müssen virtuelle Lagerräume durchgängig Einkauf, Registrierung, Lagerung mit Tagging sowie Ein- und Ausbau tracken können. Gleichzeitig muss es möglich sein, die entsprechenden Services und Wartungen im selben System zu hinterlegen und logisch über große CMDB-Gerätedatenbanken zu verknüpfen.
ITM: Welche Analyse-Features sollte eine DCIM-Lösung auf jeden Fall aufweisen können?
Chrustowicz: Dazu zählen folgende Funktionen:
- PUE- und DCIE-Analyse, durch entsprechende Messpunkte, oder Extrapolation der Nominaldaten
- Eine Reporting- und Dashboard-Funktion mit Überblick über die wichtigsten KPIs, gerade in Richtung der NCPI-Raumeigenschaften wie Bodentraglasten und Anzahl freier Höheneinheiten (HE)
- Eine „predictive Analysis“, also eine Vorhersage, Kapazitätsengpässe in diesen Bereichen aufzeigen, im Bereich der Kühlung, Stromversorgung, HE, Bodentraglasten, Netzwerkverbindungen etc., um Investitionsplanung und IT-Sicherheit sicherzustellen
- Simulation von „What if“-Szenarien, um darstellen und voraussagen zu können, welche Unternehmensbereiche oder IT-Anwendungen betroffen sind, wenn kritische Ereignisse wie Strom- oder Klimaprobleme das Rechenzentrum bedrohen – und dies sortiert nach Dringlichkeit.
ITM: Welche Herausforderungen kommen mit aktuellen Infrastrukturtrends wie Software-defined everything auf DCIM-Anbieter und ihre Lösungen zu?
Chrustowicz: Auf die Anbieter kommt eine Vielzahl neuer Nutzermodelle und Herausforderungen zu. Da Software-Ressourcen von Hardware zu Hardware „springen“, ist die Herausforderung der dynamischen Reaktion zu meistern.
ITM: Stichwort Cloud Computing: Inwieweit übernehmen aktuelle DCIM-Systeme die Verwaltung hybrider Cloud-Infrastrukturen? Worauf kommt es hierbei vor allem an?
Chrustowicz: Die Cloud-Lösungen basieren auf Software-Dienstleistungen, die für das jeweilige Unternehmen extrem kritisch sind. Kommt es bei der NCPI-Hardware in Rechenzentrum A zu einem kritischen Ausfall, muss die DCIM-Software in der Lage sein, innerhalb von fünf bis zehn Minuten die Anwendung auf Rechenzentrum B zu migrieren – in Abstimmung mit den virtuellen Betriebssystemen, schnell und in Echtzeit.
ITM: Anbieter sogenannter „hyperkonvergenter Systeme (Hyperconvergence)“ integrieren gewisse Management-Tools bereits in Ihrer Gesamtlösung. Was bedeutet dies für den DCIM-Markt? Werden eigenständige DCIM-Tools künftig gar obsolet werden?
Chrustowicz: Nein, zumindest kurzfristig werden DCIM-Systeme am Markt bleiben, da diese Tools „Schnittstellen“ zur netzwerkkritischen physikalischen Infrastruktur, wie Stromversorgung, Kühlung, Energiemanagement, Platzbedarf , Bodentraglasten, Luftstrommuster etc. aufgrund fehlender Kernkompetenz der IT-DCIM-Anbieter noch nicht professionell abbilden können. Es wird aber mittelfristig einen Wandel zu einem allumfassenden cloud-basierenden Software und Dienstleistungsmanagement geben, und damit auch eine Marktkonsolidierung.