„Ich sehe leider oft eine Vermischung völlig unterschiedlicher Inhalte, etwa wenn im selben Zug ökologische Ziele und Corporate Governance genannt werden“, so Möller-Hergt.
ITM: Herr Möller-Hergt, wie ist der deutsche Mittelstand beim Thema „Nachhaltigkeit“ aufgestellt?
Gustavo Möller-Hergt: Lassen Sie uns zunächst klären, was „Nachhaltigkeit“ bedeutet. Für mich sind es drei Faktoren: unternehmerischer Erfolg, ökologische Effizienz und gesellschaftliche Verantwortung. Ich sehe leider oft eine Vermischung völlig unterschiedlicher Inhalte, etwa wenn im selben Zug ökologische Ziele und Corporate Governance genannt werden. Letztlich hat dies nur ein Ergebnis: Dass es keine einheitliche Regulierung, keine klaren Vorgaben des Gesetzgebers geben wird. Und die brauchen wir dringend. Derzeit herrscht eine Goldgräberstimmung unter den Beratungsunternehmen, es gibt zig Rating-Agenturen und eine Willkür in der Einstufung von Unternehmen, die teils grotesk anmutet. Ich spreche täglich mit unseren Kunden aus der IT-Branche, oft auch mit deren Kunden, viele klein- und mittelständische Unternehmen in Deutschland. In diesen Gesprächen nehme ich nicht nur ein reges Interesse am Thema wahr, sondern auch konkretes Engagement.
ITM: Was macht eine nachhaltige Unternehmensführung im Kern aus?
Möller-Hergt: Der deutsche Mittelstand ist vielfach geprägt von Familienbetrieben. Die bringen das Grundprinzip nachhaltiger Unternehmensführung auf den Punkt: so erfolgreich und umsichtig zu wirtschaften, dass die Kinder und Enkel das ebenfalls tun können. Das ganze System ist auf Wachstum ausgelegt. Das ist auch nicht falsch. Die Herausforderung besteht darin, dieses Wachstum so zu gestalten, dass das Unternehmen möglichst profitabel arbeitet, die nötigen Ressourcen sparsam eingesetzt werden und der geschaffene Wert so vielen Menschen wie möglich zugutekommt.
ITM: Wann handelt es sich um bloßes „Greenwashing“?
Möller-Hergt: Wie schon gesagt engagieren sich viele Unternehmen vorbildlich. Wir erleben aber, wie selbst berufene Instanzen nachhaltigen Wirtschaftens, z.B. ESG-Rating-Agenturen, mit eigens entwickelten Kriterien Unternehmen bewerten, ohne sich in der Tiefe mit ihnen zu beschäftigen. Bevor wir also mit dem Finger auf Unternehmen zeigen, sollten wir transparente und regulierte Kriterien schaffen, anhand derer wir ihr nachhaltiges Engagement prüfen können. Diese Prüfung muss gesetzlich gesteuert und begleitet werden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Welche Herausforderungen müssen mittelständische Unternehmen meistern, um nachhaltig zu wirtschaften?
Möller-Hergt: Die größte Herausforderung ist es, den richtigen Ansatz, sprich Ziele, Methodik, Organisation und Messung nachhaltigen Engagements zu finden. Wir denken, dass es entscheidend ist, sich als Teil der Liefer- und Wertschöpfungskette zu verstehen und die Nachhaltigkeit über diese Kette voranzutreiben – gemeinsam mit den eigenen Lieferanten und Herstellern und den Kunden. So werden nicht nur Aufwand und Anstrengung auf viele Schultern verteilt, sondern ein solcher Angang führt schneller zu besseren Ergebnissen.
Bildquelle: Also Holding AG