„Beim Company Building werden Innovationsprojekte außerhalb der eigenen Unternehmensstrukturen und innerhalb eines neu geschaffenen Start-ups umgesetzt.“ Matthias Friese, Xpress Ventures
ITM: Herr Friese, warum hat es der deutsche Mittelstand nicht erst seit der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Beschleunigung der Digitalen Transformation schwer?
Matthias Friese: Es wäre jetzt leicht zu sagen: weil wir zu lange zu satt waren. Vom Wirtschaftswunder, über die Wiedervereinigung bis hin zur Währungseinigung Europas – der deutsche Mittelstand hat stets positiv partizipiert. Es lief eine ganze Weile prächtig. Das Problem dabei ist, dass die Regeln des neuen digitalen Marktes nicht mehr von politischen Entwicklungen abhängig sind, sondern sich nach dem rasanten technologischen Fortschritt richten. Tesla hat in nicht einmal zehn Jahren den kompletten Weltmarkt abgehängt. Es wird dringend Zeit, dass wir die Dringlichkeit, mit der Zeit zu gehen, erkennen und das Gaspedal durchtreten.
ITM: Um die Probleme der Branche gezielt anzugehen, könnte der Mittelstand z.B. auf Company Building setzen. Was verbirgt sich dahinter?
Friese: Eine Vielzahl der mittelständischen Firmen hält sich schon mehr als 100 Jahre am Markt und musste daher mehrfach ihre Geschäftsmodelle anpassen oder gar komplett neu erfinden. Die Geschwindigkeit der Innovationszyklen hat sich allerdings im Laufe der Zeit radikal beschleunigt. Neue Technologien etablieren sich weitaus schneller am Markt als noch vor einigen Jahren, und die Testphase wird immer kürzer. Das heutige Kerngeschäft, welches die Substanz des Unternehmenserfolgs bildet, kann schon morgen obsolet sein. Darum ist es so wichtig, autark agierende Einheiten wie einen Company Builder zu haben, die schon heute das jetzt noch gefühlt „Unmögliche“ für morgen mitdenken und darauf aufbauen. Beim Company Building werden Innovationsprojekte außerhalb der eigenen Unternehmensstrukturen und innerhalb eines neu geschaffenen Start-ups umgesetzt. So können ganz praxisnah neue Konzepte und Geschäftsmodelle am Markt platziert werden.
ITM: Wie kann Company Building dem Mittelstand konkret zur so nötigen Innovation verhelfen?
Friese: Die Kernaufgabe eines Company Builder ist nicht nur, potenziell disruptive Marktentwicklungen frühzeitig zu erkennen, sondern vor allem Opportunitäten, die auf den ersten Blick vielleicht nur am Rande mit dem Kerngeschäft verwandt scheinen, rechtzeitig anzugreifen und wahrzunehmen. Was einen guten Company Builder dabei ausmacht, ist die Balance zwischen dem etablierten Kerngeschäft und einem neugeborenen Start-up. Zum richtigen Zeitpunkt muss Zugang zu den notwendigen Informationen und Ressourcen beschaffen werden können – und das in einem geschützten Umfeld unabhängig von anderen Marktteilnehmern. Dabei geht es ganz konkret um die Vernetzung und Verschmelzung der Corporate- und Start-up-Welt und das aktive Processing dabei.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITM: Worin bestehen die Herausforderungen für einen Company Builder?
Friese: Um als Vorbild gelten zu können und mit ihrer Expertise zu überzeugen, müssen Company Builder aus dem Umfeld eines Corporates die notwendige Disruptionskultur für die zentralen Geschäftsfelder auf freiem Feld autark und bestimmt vordenken und vorleben. Gleichzeitig muss die Kernorganisation und deren gesamte Expertise vollumfänglich eingebunden werden – also gewissermaßen einen Spagat zwischen neuer Kultur und etablierten Strukturen hinlegen. Dieser mögliche Knotenpunkt ergibt sich auch bei der Unterstützung der Gründerteams. Es ist wichtig, dass sich diese frei entfalten und sich der Entwicklung des eigenen Unternehmens hingeben können.
ITM: Wie könnte das Thema 2021 verstärkt in den Fokus der deutschen Mittelständler gerückt werden?
Friese: Die Frage darf sich eigentlich gar nicht mehr stellen, denn die Entwicklungen sind hier ganz eindeutig: Mittelständische Unternehmen, die noch immer nicht konsequent auf Investitionen in disruptive, Software-getriebene Geschäftsmodelle setzen, werden nicht mehr lange auf dem Markt überleben können. An dieser Stelle ist das Pamphlet von Marc Andreessen mit dem Titel „Why Software is eating the world“ zu empfehlen. Der Artikel stammt bereits aus dem Jahr 2011. Die Corona-Krise ist das beste Beispiel dafür, wie von den einen auf den anderen Tag ganzheitlich andere Regeln herrschen können, dazu muss man sich lediglich den Einzelhandel ansehen. Die Branche wehrt sich eher, als mehr erfolgreich seit mehr als einer Dekade gegen den Aufstieg des Online-Handels.
Bildquelle: Xpress Ventures