Nachhaltigkeit ist kein Trend

„Wir sitzen auf einem Pulverfass“

Laut Nadine Dlouhy, die seit 20 Jahren die Brandlite GmbH führt, ist Nachhaltigkeit die Wirtschaftskraft der nächsten Jahre – im nationalen und internationalen Wettbewerb.

Nadine Dlouhy, Brandlite GmbH

„Nachhaltigkeit beginnt im Mindset als Grundlage für eine neue und innovative Unternehmenskultur“, so Nadine Dlouhy von Brandlite.

ITM: Frau Dlouhy, welchen Stellenwert besitzt das Thema „Nachhaltigkeit“ aktuell im deutschen Mittelstand?
Nadine Dlouhy:
Fakt ist: Die Natur braucht den Menschen nicht, aber der Mensch braucht die Natur. Nachhaltigkeit steht für eine Unternehmenshaltung. Für eine ökologisch-ökonomisch-soziale Zukunft ist diese gewissermaßen eine Pflicht. Denn die Menschen schauen immer genauer hin und hinterfragen, für welches Unternehmen sie arbeiten, von welchem Unternehmen sie Waren und Dienstleistungen beziehen. Die Unternehmen laufen in Zeiten von höher, schneller und weiter immer mehr in die Gefahr, beliebig und austauschbar zu sein. Die Digitalisierung eines Unternehmens sagt in erster Instanz etwas über die Haltung eines Unternehmens aus. In Zeiten der Digitalisierung müssen sich die Unternehmen dringender denn je auf schnelle Entwicklungen in Märkten und Innovationen einstellen. Zeit schlägt dabei die Perfektion. Denn Nachhaltigkeit ist die Wirtschaftskraft der nächsten Jahre – im nationalen und internationalen Wettbewerb.

ITM: Welche Faktoren beeinflussen diesen Stellenwert? Welche Rolle spielt dabei etwa die Corona-Krise?
Dlouhy:
Haben wir in der Vergangenheit das menschliche Leben auf der Erde unter kapitalistischen und wirtschaftlichen Entwicklungen vorangetrieben, wird es nun auch der Mehrheit deutlich, dass wir uns mit diesem Weg langfristig in eine Sackgasse manövrieren. In einer Welt, in der es lange Zeit keine Grenzen zu geben schien, wird uns nun die Endlichkeit unseres Planeten und damit auch unseres Lebens vor Augen geführt. Das ist heute die Realität, aber was die Realität in der Zukunft ist, liegt in unseren Händen. Derweil ist wohl jedem klar – Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern vielmehr unabhängig von der Erhaltung der Natur DAS Chancen-Ticket ist, sich im internationalen Ranking der Top-Wirtschaftsnationen wieder nach vorne zu bringen. Wir haben den Startschuss zur innovativen Neuausrichtung von Unternehmen, Märkten und damit die Digitalisierung und nachhaltige Energiegewinnung schlichtweg verschlafen. Vielleicht haben wir aber auch nicht hinsehen wollen, dass wir auf einem Pulverfass sitzen. Die Corona-Pandemie war da nur die Zündschnur bzw. der Brandbeschleuniger.

ITM: Was trägt besonders stark zu hohen CO2-Emissionen bei?
Dlouhy:
Kurz und knapp beantwortet: Mindset. Es ist unsere Einstellung, es sind unsere Gewohnheiten, die einen großen Einfluss auf zu hohe CO2-Emissionen haben. Denn es liegt bereits seit einiger Zeit alles an Wissen und Technologie vor, um hier deutlich und weltweit entgegenzuwirken. Aber wollen wir das wirklich? Schauen wir nach China. Im Ländervergleich ist mit Abstand China das Land mit den höchsten energiebedingten CO2-Emissionen. Hier wird industriell produziert, als ob es kein Morgen gäbe. Keine Sorge, da können wir uns auch u.a. in Deutschland an die Nase fassen – denn bei uns fallen die höchsten CO2-Emissionen im Energiesektor, wie auch im Industrie- und dem Automotive- und Mobility-Sektor an. Und hier gibt es bereits jede Menge Chancen, mit digitalen Innovationen nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben und bereits heute und morgen in unser Leben zu implementieren. Aber nochmals gefragt: Wie sehr wollen wir das wirklich? Und damit meine ich nicht nur jeden einzelnen von uns, sondern auch die Industrie und das politische System.

ITM: Wo sollten Unternehmen als erstes ansetzen, wenn sie nachhaltiger werden wollen?
Dlouhy:
Hier wird es spannend, denn es ist alles eine Frage der Perspektive: Sind die Unternehmen eher das Problem oder die Chance, wenn es um die Reduzierung der CO2-Emissionen geht? Fakt ist: Deutschland hat im Bereich „Grundlagenforschung der Digitalisierung und der KI“ sehr starke Kompetenzen. Was fehlt und woran es scheitert, ist die Transformation in intelligente und nachhaltige Geschäftsmodelle. Deutschland hat unfassbar gute Forschungsinstitute und Universitäten. Allerdings kommen Wissen und Umsetzung an der Stelle nicht fruchtbar zusammen. Denn alte Geschäftsmodelle führen uns nicht weiter und in den neuen Geschäftsmodellen ist Deutschland bereits abgehängt oder aufgekauft. Denn was bereits seit einigen Jahren ganz offen geschieht, ist der Ausverkauf der deutschen Kernkompetenzen in internationale Märkte. Mit dem Ergebnis, dass wir immer weiter an Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit im globalen Vergleich einbüßen. Das Codewort heißt also, überhaupt erst einmal anfangen: Jeder Mensch verbraucht Rohstoffe und Energie, produziert Müll und Abgase. Nachhaltigkeit beginnt im Mindset als Grundlage für eine neue und innovative Unternehmenskultur.

ITM: Welche Rolle spielen beispielsweise Device Refurbishment, erneuerbare Energien oder E-Mobilität?
Dlouhy:
Alle drei genannten Bereiche werden eine ausgesprochen wichtige Rolle spielen. Sie sind quasi der Spiegel, wie ernst wir die Themen „Nachhaltigkeit“ und „Ressourcen-Management“ nehmen. Ein Beispiel: Bei der Umwandlung von Strom in Wasserstoff geht sehr viel Energie verloren. Etwa 30 Prozent. Bedeutet Wasserstoff nun die neue bahnbrechende Energiequelle der Zukunft oder ist es, im Hinblick auf tatsächliche Nachhaltigkeit und Energieentwicklung, doch nur „heiße Luft“? Welche Alternativen gibt es und wie werden sie gefördert? Dies wird stellvertretend für viele weitere Innovationsbereiche eine essentielle Frage sein. Welche Nachhaltigkeitsentwicklung ist für welche Industrie interessant und von Vorteil – Stichwort „Wettbewerb“? Wie gesagt, es liegt an uns Menschen, wie mutig wir hinterfragen, ausprobieren und Entwicklungswege gehen. Wir könnten zu jedem der drei Punkte immer weiter in die Tiefe gehen, doch das würde hier und heute den Rahmen sprengen. Kurz: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Wir müssen es nur wollen und zulassen.

ITM: Welche Hürden müssen Mittelständler dabei oftmals meistern?
Dlouhy:
Es ist wie mit allen Themen, die wir in unsere Unternehmensgestaltung mit einbringen wollen. Alles steht und fällt mit unserem Glauben an die Sache. Die Hürde ist daher oft der Mensch selber. Es ist Zeit, uns der Kompetenz „Mensch“ bewusst zu werden. Die Welt funktioniert immer mehr mit Algorithmen, aber der Mensch ist ein Wesen mit der Möglichkeit, neue Wirklichkeiten zu schaffen. Das bedeutet aber auch, dass wir dafür ein Ziel definieren und fokussieren, welches wir dann mit einem Plan und einer Strategie nachhaltig umsetzen, sprich realisieren. Nach Industrie 4.0 und Digitalisierung 4.0 kommt jetzt auch der Mensch 4.0? Braucht der Mensch ein Update? Der Mensch hat die Digitalisierung erschaffen. Schafft die Digitalisierung und die damit verbundene Künstliche Intelligenz (KI) nun den Menschen als Arbeitskraft ab oder muss im Zeitalter der Maschinen und der Digitalisierung das Konstrukt „Mensch“ neu gedacht werden? In Zeiten der Digitalisierung muss sich der Mensch dringender denn je auf seine Stärken-DNA besinnen. In einer Zeit, in der wir durch Emojis fühlen, „Danke Alexa“ sagen und nicht „Danke Schatz“, Siri fragen und nicht Mama, muss es wieder mehr „menscheln“. Denn aus meiner Sicht ist der Mensch Erfolgs- und Innovationsfaktor Nr. 1. Kurz: Menschenverstand tut gut!

ITM: Inwieweit lassen sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander vereinen?
Dlouhy:
Es ist wichtig, dass wir in Deutschland die Digitalisierung als Basis für Innovationen verstehen und fördern. Die Digitalisierung und die Nachhaltigkeit sind dabei eng miteinander verknüpft. Denn nur durch Innovationen werden wir es schaffen, nachhaltiger zu produzieren, zu konsumieren und somit zu leben. War früher die Industrialisierung der Motor der innovativen Entwicklungen und Gestaltung einer neuen Welt, so ist es heute gerade die Digitalisierung, die die Industrialisierung, die Energiegewinnung oder auch die Landwirtschaft effizienter und nachhaltiger macht. Die Digitalisierung ist dabei deutlich mehr als ein Projekt. Die erfolgreiche Implementierung der Digitalisierung in den Bereichen „Ökonomie“, „Ökologie“ und „Soziologie“ ist zunächst einmal eine Entscheidung und noch vielmehr eine Haltung, die es über Jahre als Basis für alle neuen Entwicklungen zu leben und zu transformieren gilt. Das Ziel muss es sein, nachhaltige Entwicklungen mit der Digitalisierung zusammenzuführen und voranzutreiben. Digitale Technologien werden die einzige Möglichkeit sein, nachhaltige Entwicklungen in den diversen Bereichen und Branchen zu ermöglichen und auch zu beschleunigen, z.B. durch datengetriebene Effizienzsteigerungen oder digitale Innovationen.

ITM: Welche Fehler machen Unternehmen häufig, die durch Digitalisierung nachhaltiger werden möchten?
Dlouhy:
Der einzige Fehler, den Unternehmen gemacht haben und vielleicht auch aus Gewohnheit weiter machen, ist der Irrglaube, alles wird sich schon wieder nach den gewohnten Mustern einpendeln. Das Muster der Zukunft heißt ständiger Wandel. Dynamische Märkte, neue Technologien und vor allem immer kürzere Innovationszyklen werden unsere Gesellschaft begleiten. Aktuell befinden wir uns weltweit auf einem Tummelplatz der Möglichkeiten. Welche Entwicklung wird gewinnen, die Märkte und damit unser Leben dominieren? Der Weg dorthin bedeutet Mut und vor allem ausprobieren. Auch in dem Bewusstsein, Fehler zu machen. Für ein Land, wie Deutschland, ist dies schwer. Denn Deutschland pflegt eher den Gedanken der Perfektion à la Made in Germany. Eine innovative Unternehmenskultur benötigt aber auch eine gute Fehlerkultur. Und genau darin sind wir in Deutschland nicht gut geübt.

ITM: Inwieweit können externe Berater bei der Erstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie Hilfe leisten?
Dlouhy:
Wenn wir eines nicht haben, ist es Zeit. Zeit ist einer der wichtigsten Innovationsfaktoren überhaupt. Besonders deutlich wird dies bei dem Thema der Energiewende. Wenn in den vergangenen Jahren etwas besonders deutlich geworden ist, dann dass Reden wenig hilft. Es müssen Handlungen und Umsetzungen anhand von Daten und Fakten her. Und die liegen schon lange auf dem Tisch. In vielen Bereichen, wie auch u.a. in der Landwirtschaft, ist es längst 5 nach 12. Doch wer hat den Wecker nicht klingeln gehört? Wichtiger denn je ist nun eine kontinuierliche Umsetzung. Dazu gehört auch eine Aneignung von neuen Kompetenzen. Digitale Innovationen entstehen nicht von alleine, es braucht kluge, smarte und intelligente Köpfe, die es wagen, neu zu denken, eine Zukunft für uns Menschen neu gestalten. Insofern sind externe Berater zum einen wichtige Impulsgeber, um aus dem Denken, dem Reden, ins Handeln zu kommen. Erst hier beginnt überhaupt die Basis von Innovation. Zum anderen ist es in diesen Zeiten immens wichtig, sich intelligent und smart aufzustellen sowie neue Expertise ins Unternehmen zu holen. Im eigenen sprichwörtlichen „Suppenteller“ werden weniger Innovationskräfte entwickelt, die sich nachhaltig und global ausweiten bzw. skalierbare Umsätze generieren können.

ITM: Wie bemüht sich Ihr Unternehmen, den eigenen CO2 Footprint möglichst gering zu halten?
Dlouhy:
Da die Brandlite GmbH nicht im Industrie- oder Energiesektor tätig ist, haben wir keinen Haupthebel in der Hand, um massiv die CO2-Emission zu beeinflussen. Aber, wie schon gesagt, jeder noch so geringe Schritt ist wichtig und beginnt im Mindset. Wir haben u.a. die Kundenreisen drastisch gesenkt und pflegen mit unseren Kunden und Kooperationspartnern einen hauptsächlich digitalen Austausch. Aber auch die Themen „Homeoffice und Co.“ werden über Corona hinaus ein wichtiger Bestandteil sein. Wir sind dabei viel direkter und häufiger mit den Ansprechpartnern im Austausch und die Umsetzungskraft steigt. Das freut alle Seiten sehr. Aber auch schon weit vor Corona haben wir z.B. den Papierverbrauch drastisch verringern können – durch multiple Nutzung, aber auch durch die Digitalisierung. Es gibt zahlreiche Ansätze und es ist schön zu sehen, wie das gesamte Team an diesem Prozess von den Ideen bis zur Umsetzung ein wichtiger Teil ist. Wie bei allen erfolgreichen Dingen beginnt das Große im Kleinen. Fazit: Es ist wichtig, dass wir die Digitalisierung als Basis für Innovationen verstehen und fördern, die eine nachhaltige Zukunft für unsere Systemsäulen Ökologie, Ökonomie und Soziales erst ermöglichen. Dabei ist die Kompetenz „Mensch“ im Fokus. Denn mit ihr sind wir gefordert und in der Verantwortung, aus Wünschen und Visionen Realität werden zu lassen, eine nachhaltige Zukunft, in der wir Lebensräume – ob ökonomisch, ökologisch oder sozial – schaffen und diese nicht vernichten.

Bildquelle: Brandlite

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