„Wie auch die Digitalisierung, macht auch die Klimatransformation nicht vor der eigenen Empfangstür halt“, betont Lara Obst von The Climate Choice.
ITM: Frau Obst, welchen Stellenwert besitzt das Thema „Nachhaltigkeit“ aktuell im deutschen Mittelstand?
Lara Obst: Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind mit den Klimazielen der Bundesregierung – bis 2030 65 Prozent der THG-Emissionen im Vergleich zu 1990 zu reduzieren – Chefsache geworden. Gerade auch der Mittelstand hat hier die Chance, zukunftsorientiert zu agieren und sich frühzeitig als Vorreiter der Klimatransformation zu positionieren. Das reduziert langfristig nicht nur Kosten und Risiken, sondern besonders auch Emissionen.
ITM: Welche Faktoren beeinflussen diesen Stellenwert? Welche Rolle spielt dabei etwa die Corona-Krise?
Obst: Die Regulation durch die Gesetzgebung, wie das Klimaschutzgesetz, das Lieferkettengesetz sowie die CO2-Steuer, geben Unternehmen deutliche Signale: Emissionsausstoß wird kostspielig und risikoreich. Aus der Corona-Krise konnten wir lernen: Wer sicher planen möchte, setzt auf Transparenz, wenn möglich lokale Lieferketten und vorausschauendes Wirtschaften. In Sachen „Klimaschutz“ ist das nicht anders. Für eine wirklich emissionsarme Wirtschaft können Unternehmen heute bewusst handeln und sowohl ihr eigenes Geschäftsmodell dekarbonisieren als auch bei der Beschaffung auf klimakompatible Produkte und Services achten.
ITM: Wie lassen sich die CO2-Emissionen eines Unternehmens konkret messen?
Obst: Das Greenhouse Gas Protocol gilt als Grundlage der CO2-E-Bilanzierung für Unternehmen. Es zeigt auf, dass zunächst die erzeugten Emissionen entlang der eigenen Wertschöpfungskette – also vom Bezug von Rohstoffen und Waren bis hin zum Recycling – betrachtet werden. Entlang dieser Kette werden Bereiche abgesteckt, die erfasst werden können. In diesen können dann anhand von anerkannten Datenbanken CO2-Werte für alle eingesetzten Werte zusammengetragen werden. Der CO2-Fußabdruck beinhaltet dabei typischerweise sowohl direkte Emissionen, wie Energie und Fuhrpark, als auch indirekte Emissionen durch eingekaufte Leistungen und Waren, wie Mitarbeitermobilität, Büroausstattung aber auch Produktionsschritte.
ITM: Was trägt besonders stark zu hohen CO2-Emissionen bei?
Obst: Die indirekten Emissionen sind definitiv die höheren, besonders im produzierenden Gewerbe. Die eingekauften Produkte und Dienstleistungen entlang der Lieferkette machen laut CDP typischerweise mehr als 85 Prozent der CO2-Emissionen eines Unternehmens aus. Das Stichwort „nachhaltiger Einkauf“ ist daher für die Klimatransformation besonders wichtig. Erst wenn Zahlungsströme nachverfolgt und durch klimarelevante Metriken als Emissionsströme erfasst werden, lassen sich die individuellen Reduktionshebel aufdecken. Als Faustregel gilt: Wo Geld fließt, entstehen Emissionen. Hier lohnt sich eine tiefere Analyse und besonders die Wahl von CO2-armen Alternativen – so z.B. der klimafreundliche Server, ein Fuhrpark mit E-Antrieb oder aber der Bezug von Waren von einem klimafreundlichen Zulieferer.
ITM: Wo sollten Unternehmen demnach als erstes ansetzen, wenn sie nachhaltiger werden wollen?
Obst: Der erste Schritt ist immer, den Status quo zu erkennen und Handlungsfelder abzuleiten. Dazu bieten wir Unternehmen unseren Climate Readiness Check an und helfen ihnen, ihre eigene Klimaperformance zu verstehen. Entlang der sieben Impact-Kategorien Energie, Gebäude, Produktion, Mobilität, Food, Digitales und Umwelt können dann Schritt für Schritt CO2-Reduktionspoetntiale umgesetzt werden. Eine Zehn-Schritte-Anleitung zur Klimatransformation von Unternehmen haben wir in unserem Best-Practice-Guide zusammengefasst.
ITM: Welche Rolle spielen beispielsweise Device Refurbishment, erneuerbare Energien oder E-Mobilität?
Obst: Die drei Bereiche fallen in die genannten Impact-Kategorien. Beim Strombezug kann jedes Unternehmen relativ einfach anfangen und 100 Prozent Ökostrom beziehen und so in den Ausbau erneuerbarer Energie investieren. Auch E-Mobilität für Mitarbeiter und recycelte Büromaterialien und IT-Geräte machen für die Emissionen des eigenen Unternehmens einen Unterschied. Spannender wird es allerdings noch, wenn eben diese Impact-Bereiche nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern auch mit allen Stakeholdern angewandt werden. Gibt es z.B. die Möglichkeit, die Logistik umzustellen, auch im Warenlager Refurbished Devices einzusetzen oder aber auf der Produktionshalle dezentral, eigene Energie zu erzeugen, um so die Emissionen der produzierten Ware zu senken?
ITM: Welche Hürden müssen Mittelständler dabei oftmals meistern?
Obst: Die größten Hürden sind oftmals Zeit und Ressourcen. Mittelständler haben häufig noch kein eigenes Klimateam oder Klimabeauftragte. Die eigene Klimaanalyse sowie Recherche und Auswahl von emissionsarmen Alternativen und Prozessumstellungen ist daher eine Herausforderung. Auch das Einarbeiten in neue Gesetzesvorlagen und Standards wirken abschreckend. Hier setzen wir mit unserer Datenplattform an und bieten Unternehmen nach einer ersten Schnellanalyse durch unseren Check eine Auswahl an klimarelevanten Lösungen, die sie ohne großen Aufwand eigenständig umsetzen können.
ITM: Inwieweit lassen sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander vereinen?
Obst: Die beiden Megatrends können sich laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2020 sehr gut gegenseitig unterstützen. So sollen bis zu 50 Prozent der nötigen CO2-Einsparungen bis 2030 in Deutschland durch eine starke Digitalisierung möglich sein. Dabei gilt wie immer: Der bewusste Einsatz macht den Unterschied. Energieeffizienzeinsparungen durch digitale Mittel können schnell durch einen Anstieg des Konsums wieder aufgebraucht werden. Dann spricht man vom Rebound-Effekt und die Emissionen bleiben gleich oder steigen sogar. Nutzen wir Daten als Echtzeitentscheidungshilfe und als Grundlage, um Kaufentscheidungen und Geschäftsmodelle klimakompatibel umzustellen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.
ITM: Welche Fehler machen Unternehmen häufig, die durch Digitalisierung nachhaltiger werden möchten?
Obst: Wir alle möchten schnelle Erfolge und Kosteneinsparungen sehen. Digitale Mittel benötigen allerdings ab und an auch die Schulung vom Personal oder erst einmal eine Investition, bis sich die erwünschten Effekte auf Gewinn und Klima auszahlen. Wer allerdings heute investiert, spart später länger.
ITM: Inwieweit können externe Berater bei der Erstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie Hilfe leisten?
Obst: Wir stehen aktuell vor der stärksten und schnellsten Transformation der Wirtschaft seit der Industrialisierung. Wie auch die Digitalisierung, macht auch die Klimatransformation nicht vor der eigenen Empfangstür halt. Alle Unternehmen, ja auch alle Menschen, sind gleichermaßen betroffen. Wir alle haben jetzt die Chance, uns zukunftsfähig anzupassen und Maßnahmen zur Dekarbonisierung umzusetzen. Dabei darf man sich auch gerne Hilfe holen. Ob das in Form von Beratern oder Software-Tools ist, bleibt jedem selbst überlassen. Transparenz und ein gesteigertes Verständnis, um dann eigenständig Handeln zu können, sind allerdings entscheidet.
ITM: Wie bemüht sich Ihr Unternehmen, den eigenen CO2 Footprint möglichst gering zu halten?
Obst: The Climate Choice ist als Digitalunternehmen natürlich schon einmal recht emissionsschlank aufgestellt. Wir haben uns aber bewusst dazu entschieden, „remote friendly“ zu arbeiten und kein eigenes Büro zu haben. So entfallen nicht nur Kosten, sondern auch Anfahrt und Pendlerwege. Unser Team arbeitet in ganz Deutschland verteilt und ist in der eigenen Stadt mit dem Rad und den Öffentlichen unterwegs. Darüber hinaus legen wir auf eine sichere, aber auch klimafreundliche Datenspeicherung wert. Wir nutzen dazu Windcloud als Speicher und die Hilfe von Biohost.de für das Hosting unserer Website.
Bildquelle: The Climate Choice