Startups in Deutschland

3,7 Milliarden Euro Risikokapital warten

Die Startup-Szene in Deutschland wächst und wächst: Mehr Gründungen, mehr VCs, mehr Kapital, mehr B2B.

Die Klage ist so alt wie die deutsche Startup-Szene: Es gibt nicht genügend Risikokapital. Doch langsam entwickelt sich etwas, denn immer mehr Finanzierungen übertrafen im letzten Jahr die niedrigen Millionensummen. Einige Beispiele: Das Healthcare-Startup Clue sammelte 20 Millionen US-Dollar bei Nokia Growth Partners und anderen. 23 Millionen Euro gab es für das Iot-Unternehmen Relayr. Die Process-Mining-Software von Celonis war mehreren VCs 27,5 Millionen US-Dollar wert. Mit 45 Millionen Dollar gehört das Fitness-Startup eGym in die Spitzengruppe. Doch es geht noch mehr: 70 Millionen US-Dollar gaben unter anderem Kleiner Perkins der Reiseplattform GoEuro und HelloFresh sammelte sogar 85 Millionen Euro ein.

Mehr als ein Dutzend neue Risikokapitalfonds

Das klingt schon eher nach Silicon Valley und auch einige bekannte Risikokapitalgeber haben aufgerüstet: Rocket Internet hat nach eigenen Angaben eine Milliarde Dollar für die Finanzierung von Startups eingesammelt. Der Fonds mit dem Namen „Rocket Internet Capital Partners (RICP)” ist damit der bislang größte europäische Technologie-Fonds. Auch der halbstaatliche „High-Tech Gründerfonds (HTGF)“ hat auf die Kritik an den bislang etwas ärmlich wirkenden Seed-Finanzierungen reagiert und erhöht sein Fundinglimit auf drei Millionen Euro pro Startup. Außerdem sollen nun auch Startups berücksichtigt werden, die bereits älter als ein Jahr sind.

Die beiden sind nicht allein, denn die Übersichtsstudie „Startups & Venture Capital in Germany“ des Berliner Angel-Funds Point Nine Capital weist darauf hin, dass im letzten Jahr mehr als zwei Dutzend neue Risikokapitalfonds gegründet wurden, die insgesamt etwa 3,7 Milliarden Euro investieren können. Eine zweite positive Entwicklung: Die VCs in Deutschland haben sich im europäischen Vergleich am stärksten internationalisiert, gut die Hälfte davon wird von internationalen Risikokapitalgebern unterstützt. Umgekehrt investieren globale VCs immer stärker in Deutschland, besonders gern im Startup-Eldorado Berlin: 60 Prozent der Fundings in der Hauptstadt haben internationale Geldgeber als Hauptinvestoren.

Kurz: Investitionen boomen. In Deutschland sind laut Point Nine in letzten zehn Jahren über 600 rein risikofinanzierte Unternehmen entstanden, der Deutsche Startup Monitor 2016 erfasst auch andere Finanzierungsformen und zählt insgesamt 1224 Startups, die bislang etwa 1,1 Milliarden Euro eingesammelt haben und 2017 einen Finanzierungsbedarf von gut 1,3 Milliarden Euro haben. Ein gutes Fünftel davon finanziert sich übrigens aus den Ersparnissen der Gründer. Eine Besonderheit in Deutschland ist die hohe Bedeutung von Fördermitteln, die sich aus den Zahlen des Startup-Monitors herauslesen lässt: Fast ein Drittel aller Startups haben Staatshilfen als Finanzierungsquelle erschlossen.

Anschlussfinanzierungen sind immer noch problematisch

Das klingt alles ausgesprochen positiv, vor allem mit Blick auf die im Wesentlichen nach oben zeigenden Kurven. Doch es gibt nicht nur Licht, sondern auch Schatten. So kritisierte Neil Rimer von Index Ventures schon vor einigen Jahren die Eigentümerstruktur zahlreicher deutscher Startups: „Wir haben oft bemerkt, dass die Gründer zu viele Anteile an ihre Erstinvestoren abgeben, üblicherweise Business Angels und andere Investoren, die nur wenig Erfahrung mit schnell wachsenden Startups oder dem VC-Modell haben.“ Dieses Problem existiert auch heute noch, vor allem bei Inkubator-Startups. Typischerweise erhält das Gründerteam lediglich 20 Prozent und in einigen Fällen wird ein Teil der zweiten Finanzierungsrunde genutzt, um den Inkubator zu bezahlen.

Ein weiterhin bestehendes Problem sind die häufig eher mauen Spätphasen-Investments. Im letzten Jahr sind nach Analysen von Experten einige Startups daran gescheitert, dass eine Anschlussfinanzierung platzte. Dieses Schicksal traf beispielsweise Auctionata, das mit 100 Millionen Euro Risikokapital nur scheinbar gut ausgestattet war. Ähnlich ging es dem hochgelobten Bildungs-Startup Iversity. Schwer zu entscheiden, ob hier Probleme mit dem Geschäftsmodell oder eher eine zu geringe Ausstattung mit Kapital bei gleichzeitiger Ungeduld und Risikoscheu der Investoren zum Ende geführt haben.

Die Startup-Szene selber ist aber nach Ansicht von Point Nine durchaus erfolgreich, vor allen Dingen in den Sektoren FinTech, AdTech (Big Data, Analytics) E-Commerce und Leisure (Games, Reise, Musik). Insgesamt sind die Investoren von Point Nine optimistisch: Sie erwarten vor allem, dass der Brexit der Startup-Szene einen kräftigen Schub nach oben geben wird sowie ein weiter steigendes Interesse von internationalen Investoren. Die größte Zukunft haben nach Ansicht der Experten B2B-Startups, doch auch im B2C Bereich tut sich etwas. 2017 wird vermutlich das erste deutsche „Zehnhorn“ mit einer 10-Milliarden-Euro-Bewertung zur Welt kommen. Sein Name: Zalando.

Bildquelle: Thinkstock

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