Stand der Dinge

5G-Zug nimmt Fahrt auf

Anno 2020 sind die Weichen für 5G zwar grundsätzlich gestellt und der Zug nimmt langsam Fahrt auf, doch entsprechende „Stationen“ gibt es noch längst nicht in allen Städten und erst recht nicht in kleinen Ortschaften. Jedoch sind die Ziele der 5G-Anbieter für dieses Jahr recht ehrgeizig

Zug und Abendsonne

Auch der Digital Capital Index von Digital Realty prognostiziert eine rasante Entwicklung des neuen Mobilfunkstandards.

Von München bis Kiel, von Saarbrücken bis Dresden: Die Deutsche Telekom will beispielsweise den neuen Mobilfunkstandard 2020 in alle 16 Landeshauptstädte bringen. Die Zahl der 5G-Antennen im Live-Netz soll im laufenden Jahr deutlich anwachsen, verspricht Mathias Poeten, Senior Vice President Best Mobile bei der Deutsche Telekom Technik GmbH. Aktuell habe man rund 450 5G-Antennen in Deutschland im Netz. Verfügbar sei der Mobilfunkstandard in acht deutschen Städten: Berlin, Bonn, Hamburg, Darmstadt, Köln, München, Leipzig und Frankfurt.

Vodafone hat nach eigenen Angaben bis Mitte Dezember 2019 mehr als 60 5G-Stationen mit insgesamt über 150 5G-Antennen in Betrieb genommen und damit seine erste Ausbaustufe abgeschlossen. Wirft man aktuell einen Blick auf die Netzkarte des Anbieters im Internet, liegt der 5G-Button nicht nur auf Städten wie Berlin, Frankfurt und Düsseldorf, sondern auch auf viel kleineren, ländlicher gelegenen Ortschaften.

Punktuell werden also 5G-Stationen gebaut, „es gibt jedoch nur wenige Stationen, die mit bis zu 1,4 Gigabyte pro Sekunde senden können“, meint Dr. Michael Lemke, Senior Technology Principal (ICT) bei der Huawei Technologies Deutschland GmbH. Das öffentliche 5G-Netz in Deutschland steht seiner Ansicht nach derzeit noch in den Startlöchern. Bisher könnten nur wenige Teilnehmer die Vorteile des neuen Mobilfunkstandards nutzen.

Angst vor elektromagnetischer Strahlung

Für den Ausbau des 5G-Netzes global sowie lokal gibt es laut Lemke drei Haupttreiber: Da wäre zunächst die hohe Übertragungsgeschwindigkeit für den stationären Internetzugang. Global seien die Märkte in Asien und Amerika wichtige Treiber. Der nächste Trend betreffe den zunehmenden Einsatz von Virtual (VR) sowie Augmented Reality (AR), wie es beispielsweise in Südkorea zu beobachten sei. Er erfordere ein stabileres und schnelleres Netz. Außerdem werde der wachsende Markt für 5G-fähige Mobilgeräte für Endnutzer immer relevanter – auch in Deutschland steige das Interesse an solchen Geräten. „Ein wichtiger lokaler Aspekt ist zudem“, so Lemke, „dass die gewerbliche Nutzung von 5G zu einem Push von durch Unternehmen genutzten 5G-Campus-Netzen führen wird.“

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 

Dennoch spürt man in den aktuellen öffentlichen Diskussionen um das 5G-Netz eine gewisse Verunsicherung, die ernst genommen werden sollte. Vielen Menschen scheint unklar, wie groß der Nutzen der Mobilfunktechnologie wirklich ist. Das führt zu fehlender Akzeptanz. Auch gibt es Widerstände gegen die Aufrüstung von Standorten – beispielsweise aus Angst vor elektromagnetischer Strahlung. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt auf seiner Webseite an, dass es nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht von negativen gesundheitlichen Auswirkungen ausgeht. Diese Erkenntnis ziehe es aus bisherigen Studien, die mögliche Gesundheitsauswirkungen elektromagnetischer Felder des Mobilfunks untersuchten und die zu einem großen Teil auf 5G übertragbar sein sollen.

Noch offene Fragen

Aber es gibt laut dem BfS auch noch offene Fragen. Eine ergebe sich beispielsweise aus der Tatsache, dass mit den steigenden Datenübertragungsmengen mehr Sendeanlagen benötigt würden. Dabei handele es sich nicht um ein 5G-spezifisches Problem – auch heute schon kämen an Plätzen mit hoher Nutzerdichte sogenannte Kleinzellen zum Einsatz. Mit der Einführung von 5G werde dies aber weiter zunehmen. Diese sogenannten Kleinzellen werden zwar eine geringere Sendeleistung haben, gleichzeitig aber näher an Orten betrieben werden, an denen sich Menschen aufhalten. Wie sich dies genau auf das Maß an Strahlung, dem die Bevölkerung ausgesetzt wir, auswirken wird, könne noch nicht abgeschätzt werden.

„Die in der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchV) festgelegten Grenzwerte und Sicherheitsstandards gewährleisten die sichere Nutzung des Mobilfunks“, meint Mathias Poeten. Der Gesetzgeber stütze sich hierbei auf die Bewertung anerkannter nationaler und internationaler Expertengremien. So hätten z.B. die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Internationale Strahlenschutzkommission (ICNIRP), das wissenschaftliche Beratungsgremium der EU (SECNIHR) oder die Deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) in den letzten Jahren die Gültigkeit der Grenzwerte immer wieder bestätigt. „Derzeit werden die gültigen Grenzwerte durch die Mobilfunksendeanlagen nicht annähernd ausgenutzt“, ist sich Michael Lemke sicher.

Zurückhaltung der Endnutzer

Auch wenn der wirkliche Nutzen von 5G vielen Menschen scheinbar noch unklar ist und sie sich Sorgen um ihre Gesundheit machen, betonen die Anbieter, dass 5G als „wichtiger Teil der Digitalisierung“ jeden etwas angehe. „Allerdings sind Tempo und Bedarf in den gewerblichen Branchen unterschiedlich hoch“, wirft Lemke ein. Produzierende Gewerbe oder auch die Landwirtschaft hoffen seiner Ansicht nach stark, von 5G zu profitieren. Aber auch für die Logistikbranche werde der Netzausbau immer relevanter, denke man an die Automatisierung von Prozessen und deren Überwachung dank Drohnen und Sensoren.


Mathias Poeten sieht es ähnlich: „Egal, ob Mobilitätskonzepte in Städten, Produktion in der Industrie von morgen oder die Vernetzung von Maschinen und intelligenten Geräten – 5G unterstützt die Digitalisierung in vielen Bereichen.“ Bei der Telekom komme 5G schon heute in ganz unterschiedlichen Szenarien zum Einsatz: So würden z.B. Anwendungen im Hafen, VR beim Sport, Campus-Netze der Industrie oder auch vernetzte Parkplätze in mehr als 100 deutschen Städten auf Basis von 5G funktionieren. Und in Zukunft werde 5G noch viele weitere Anwendungen hervorbringen, „von denen wir heute noch gar nichts wissen“, so Poeten.

Die Zurückhaltung der Endnutzer hinsichtlich des 5G-Themas wird sich ändern, wenn sich VR- und AR-Anwendungen oder 360-Grad-Videos weiter verbreiten, ist sich Michael Lemke sicher. Die Nachfrage von Early Adoptern werde dem Thema Schwung verleihen. Übrigens konnte man diese Zurückhaltung angesichts eines neuen Mobilfunkstandards seinerzeit auch bei LTE beobachten, erinnert sich der Senior Technology Principal. Und LTE stelle heute niemand mehr in Frage.

„Momentan ist 5G sicher noch etwas für Frühstarter, die bei der neuen Technologie von Anfang an dabei sein wollen“, gesteht Poeten mit Blick auf die Endnutzer. Das werde sich aber – genau wie bei anderen neuen Technologien – schnell weiterentwickeln. „In unserem Acht-Punkte-Programm haben wir festgelegt, dass wir bis 2025 99 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche mit 5G versorgen werden.“

Eine rasante Entwicklung des neuen Mobilfunkstandards sagt auch der Digital Capital Index von Digital Realty voraus: Erwirtschaftet 5G beispielsweise in Berlin 2019 gerade einmal 0,06 Mrd. Euro, sollen es 2029 voraussichtlich bereits 1,97 Mrd. Euro sein. 5G werde nicht nur wichtig für den Mobilfunk, sondern für alle Industrien. Die dort weiterentwickelten Technologien würden ein noch höheres Datenvolumen bedeuten, das verarbeitet werden müsse. Dazu seien vor allem Edge-Rechenzentren mit hoher Kapazität, niedriger Latenz und umfassendem Datenschutz nötig. Digital Realty könne diese Entwicklungen bereits jetzt bestätigen: „Viele Unternehmen treiben die Digitale Transformation voran, daher steigt der Bedarf an Edge-Rechenzentren kontinuierlich“, erklärt Christian Zipp, Vice President Sales DACH und Niederlande. Mit dem neuen Mobilfunkstandard werde sich das nur noch beschleunigen und er erwarte eine explosionsartige Steigerung der Nachfrage nach entsprechenden Lösungen.

Bildquelle: Getty Images/iStock

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok