Eine Vision wird Realität

„Ab ins Metaverse und zwar jetzt“

Im Gespräch mit MOBILE BUSINESS berichtet Kunal Purohit, Chief Digital Services Officer bei Tech Mahindra, über verschiedene Anwendungsszenarien des Metaverse und deren mögliches Umsatzpotenzial für Unternehmen.

Kunal Purohit im Bild

Kunal Purohit ist seit Oktober 2021 Chief Digital Services Officer bei Tech Mahindra und verantwortet in seiner Rolle die globalen Einheiten für Lösungen im Bereich „Digital & Analytics“.

MOB: Herr Purohit, für viele ist das Metaverse noch ein böhmisches Dorf. Was verbirgt sich konkret dahinter?
Kunal Purohit:
Aktuelle Studien von Gartner zeigen, dass Menschen bis zum Jahr 2026 mindestens eine Stunde pro Tag im Metaverse verbringen. Das Marktforschungsinstitut definiert das Metaverse dabei als kollektiven, virtuellen und gemeinsam genutzten Raum, der durch die Konvergenz von virtuell verbesserter physischer und digitaler Realität geschaffen wird. Es handelt sich also um einen digitalen, dreidimensionalen Raum, in dem sich Menschen in Form von persönlichen Avataren treffen und miteinander interagieren können. Oder bildhafter ausgedrückt: Es können sich im Metaverse etwa zwei Freunde digital in einem Café in Paris treffen, ohne das eigene Heim verlassen zu müssen, oder dort ein Autohaus besuchen und sich das gewünschte Modell anschließend in die physische Welt liefern lassen. Das Metaverse bietet also die Möglichkeit, immersive Erfahrungen zu machen, eine nahtlose Verknüpfung der digitalen und physischen Welt und für Unternehmen völlig neue Möglichkeiten der Produktpräsentation. Das Konzept des Metaverse ist nicht neu und zeigt in vielerlei Hinsicht eine lineare Entwicklung auf, bei der modernste Technologien zusammenkommen, um diese Vision Realität werden zu lassen.

MOB: Inwieweit haben deutsche Unternehmen das Metaverse bereits auf dem Schirm?
Purohit:
Insgesamt ist das Potenzial in Deutschland überraschend groß. So interessiert sich laut einer aktuellen Studie der Omnicon Media Group bereits mehr als jeder zweite Bundesbürger (61 Prozent) für das Metaverse. Auch über die Top-Aktivitäten in den virtuellen Welten haben die Befragten eine klare Vorstellung: Jeweils knapp die Hälfte derer, die sich die Nutzung einer virtuellen Welt vorstellen können, wollen darin reisen (48 Prozent), Games spielen (46 Prozent) oder sich bilden (45 Prozent). Für diese Branchen sind die Potenziale entsprechend hoch. Aktuell ist das Metaverse für viele Unternehmen allerdings noch Neuland. Vor allem die jüngere Generation zeigt sich aber zunehmend überzeugt, sodass das Metaverse enorme Potenziale für den Handel von Morgen bietet – und das nicht nur für Unternehmen mit direktem Kundenkontakt. Von der Ausbildung zukünftiger Chirurgen bis hin zu Produktdemonstrationen für Mitarbeiter – die Anwendungsfelder für Marken sind vielfältig. So können Unternehmen beispielsweise rund um die Uhr in digitalen Kaufhäusern Produkte anbieten, neue Kundensegmente erschließen oder auch Produkte testen. Marken sollten also jetzt den Schritt ins Metaverse gehen und dort eine Präsenz aufbauen. Denn auch hier gilt: Haben sich erst einmal Unternehmen etabliert, dann wird es für den nachziehenden Wettbewerb schwer und teuer, den Anschluss wiederherzustellen. Das aktuelle Momentum, dass alle erst am Anfang stehen, sollten hiesige Unternehmen daher nutzen. Bislang kommen die ersten wegweisenden Signale aus den USA: die Neuausrichtung von Facebook als Meta, der Börsengang der Gaming-Plattform Roblox, die geplante Übernahme des Spieleherstellers Activision Blizzard durch Microsoft.

MOB: Für welche Branchen lohnt es sich besonders, anno 2022 eine eigene Metaverse-Strategie in Angriff zu nehmen?
Purohit:
Das Metaverse bietet auch B2B-Unternehmen enorme Chancen. Eine der großen Möglichkeiten besteht darin, dass es den Zugang zum Markt für Verbraucher aus Schwellenländern und Grenzregionen deutlich verbessern wird. Profitieren können dann zahlreiche Branchen: Finanzdienstleistungen, Automobil- und Fertigungsindustrie, Immobilien, Bildung und Einzelhandel, um nur einige Bereiche zu nennen. Anstatt in jeder Stadt ein Geschäft zu haben, könnte ein großer Einzelhändler ein globales Zentrum im Metaverse einrichten, das Millionen von Kunden bedienen kann. Außerdem glauben wir, dass die Gaming-Branche als Vorreiter und Best Practice vorangehen wird. Sie wird eine essenzielle Rolle bei der Einführung des Metaverse für die breite Masse übernehmen und gleichzeitig innovative und ansprechende Erfahrungen bieten, die so noch nie da waren.

MOB: Was sind die ersten Schritte und vor allen Dingen die technischen Voraussetzungen, wenn man im Metaverse mitmischen möchte?
Purohit:
Es besteht aus drei Komponenten: Das Front-end stellt die Basis für das Erlebnis dar und wird durch Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) ermöglicht. Das Middle-End basiert auf der Kerntechnologie, in diesem Fall Blockchain, Künstlicher Intelligenz (KI) und Edge Computing. Zugrunde liegt dann die Technologie, sprich die bestehende Infrastruktur und das Endgerät. Möchten Unternehmen ins Metaverse einsteigen, besteht der erste Schritt darin, Anwendungsfälle zu identifizieren, die den größtmöglichen Nutzen bringen. Anschließend geht es dann darum, ein Framework sowie die technologische Basis auszuwählen, um Komponenten und Prozesse für das Metaverse entwickeln zu können. Neben Kenntnissen zu den genannten drei Komponenten sind auch Grundlagen in der Grafikberechnung sowie Design Thinking wichtig bei der Entwicklung eines Metaverse.

MOB: Können Sie bereits konkrete Metaverse-Anwendungsbeispiele nennen? Was verbirgt sich z.B. hinter „TechMVerse“?
Purohit:
„TechMVerse“ ist unsere eigene Metaverse-Version für eine interaktive und immersive Customer Experience im Metaverse. Unser Angebot konzentriert sich dabei auf die Lösung komplexer Geschäftsprobleme unserer Kunden, denen wir durch die Kombination von Fach- und Designkompetenz in den Bereichen „KI“, „Web3“ (Blockchain, NFT, dezentrale Identitäten), „Quantencomputing“ und „5G“ konkrete Lösungen für eine wertschöpfende Präsenz im Metaverse anbieten. Dabei haben wir uns für einen Mobile- und Web-First-Ansatz entschieden, der auf Augmented und Mixed Reality (XR) basiert und durch eine robuste Infrastruktur mit Komponenten wie 5G, Wifi, Edge und Hardware in Kombination mit Software-Komponenten wie Edge Computing, Internet of Things (IoT), KI und Blockchain unterstützt wird. „TechMVerse“ ist eine Sammlung von Anwendungsfällen, die sich innerhalb des Metaverse finden. Konkret wenden wir aktuell die Möglichkeiten des Metaverse auf verschiedene Wirtschaftsbereiche an, darunter „DealerVerse“ (ein Metaverse-basiertes Autohaus), „Middlemist“ (ein Marktplatz für Non-Fungible-Token), „Meta Bank“ (eine virtuelle Bank) und ein Gaming Center. Wir präsentieren hierfür eine eigene Geschäftseinheit, um Unternehmen dabei zu unterstützen, „metafiziert“ zu werden und Kunden neue und nie dagewesene Erfahrungen im Metaverse zu bieten.

MOB: Wie schätzen Sie das Metaverse-Umsatzpotenzial für die nächsten drei Jahre ein?
Purohit:
Die Industrie wächst bereits in einem schnellen Tempo. Laut Bloomberg Intelligence könnten die weltweiten Umsatzchancen im Jahr 2024 bei 800 Mrd. Dollar liegen. Dabei vor allem im E-Commerce, Gaming, Banking, Live-Entertainment und in der Gesundheitsbranche. Da wir unser Angebot also zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt gebracht haben, sind wir überzeugt, dass sich uns in den nächsten drei Jahren ein immenses Umsatzpotenzial bietet. Heute befindet sich das Metaverse in einem Stadium, in dem sich die Social-Media-Plattformen vor einem Jahrzehnt befanden. Niemand erkannte die Macht der nutzergenerierten Inhalte, des von der Gemeinschaft gesteuerten Handelns und die Bedeutung der Online-Verbindung für die Menschen, die Wirtschaft, den Handel und für die Unterhaltung.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Welche futuristischen Erfahrungen könnte man zukünftig im Metaverse machen? Welche Fantasien werden zum Leben erweckt?
Purohit:
Statt Tastaturen werden wir unsere Körper nutzen. Das sagte jüngst Futurologin Amy Webb auf der SXSW und ich finde, das beschreibt die neuen Erfahrungen im Metaverse sehr treffend. Ob es am Ende dann futuristische Shopping- oder Gaming-Erlebnisse sind, es wird alles sinnlicher und der Fantasie damit keine Grenzen gesetzt.

Quelle: Tech Mahindra

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