Indoor-Navigation im Smart Home

Abschied vom Chaos

Indoor-Navigation ist ein Trendthema – und das nicht nur, wenn es um Lagerhallen und Flughäfen geht. Im Interview erklärt Andreas Wahlich von Ecovacs, wie sich z.B. smarte Saugroboter in den Wohnungen der Nutzer orientieren.

Andreas Wahlich, General Manager Europe von Ecovacs Robotics

Andreas Wahlich, General Manager Europe von „Dass eine kleine Flotte von leistungsstarken Saugrobotern in den Randzeiten durch unsere Büros putzt, kann durchaus bald alltäglich sein", sagt Andreas Wahlich, General Manager Europe von Ecovacs Robotics.

MOB: Herr Wahlich, Saugroboter sind noch nicht allzu lange im Alltag angekommen. In dieser kurzen Zeit haben sie aber einen erstaunlichen Fortschritt hingelegt. Wie haben sich die ersten Modelle in der Wohnung des Kunden fortbewegt?
Andreas Wahlich:
Unsere ersten Modelle haben sich vor allem im „Chaosmodus“ durch die Wohnungen der Verbraucher bewegt. Damit haben sie dennoch den gesamten Boden erreicht, nur eben etwas weniger effizient und es hat etwas länger gedauert als bei den Modellen, die gezielt navigieren. Das Prinzip wird auch heute noch bei Einsteigermodellen genutzt. Die Saugroboter der Anfangszeit waren natürlich noch nicht so smart wie heute, die Steuerung erfolgte größtenteils über die Fernbedienung. Mittlerweile stehen die Steuerung über die Ecovacs Home App oder die Sprachsteuerung über Alexa oder Google Home im Vordergrund.

MOB: Welche verschiedenen Methoden der Indoor-Navigation gibt es bei Saug-und Wischrobotern und wie unterscheiden sich diese?
Wahlich:
In unseren Modellen finden Sie im Grunde drei verschiedene Steuerungsmethoden: Einsteigermodelle, wie etwa der Deebot 500, fahren zufällig kreuz und quer durch den Raum. Das heißt, dass sie an einige Stellen auch mehrmals gelangen können. Stößt der Roboter gegen ein Hindernis, ändert er die Richtung. Lässt man das Gerät regelmäßig fahren, ist auch mit diesem einfachen Chaosmodus eine gute Raumabdeckung gegeben. Die Reinigung dauert dann nur etwas länger als bei Robotern der höheren Preiskategorie. In kleinen Räumen und Wohnungen können diese Modelle bereits gut bei der Bodenreinigung unterstützen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 

Die Versionen 710 und 715 arbeiten mit der Smart-Navi-2.0-Technologie, das ist eine Vslam-Technologie (Visual Simultaneous Localization and Mapping), die mit einer Kamera und Slam-Grafikalgorithmus simultan die Position innerhalb des Raums bestimmt und kartiert. Mit ihr orientiert sich der Haushaltsroboter kontinuierlich an verschiedenen Fixpunkten in den zu reinigenden Räumen und führt diese in einem Reinigungsprotokoll in Kartenform zusammen, welches nach Abschluss des Reinigungsvorgangs angesehen werden kann. Hindernisse werden während der Reinigung automatisch erkannt.

Die Smart-Navi-3.0-Technologie, die z.B. in unserem Spitzenmodell verbaut ist, ist eine Lasertechnologie, die zunächst eine präzise, virtuelle Karte von der Umgebung erzeugt und speichert. Nach der Kartierung kann das Gerät eine optimale Route für ein perfektes Reinigungsergebnis festlegen. Der Nutzer kann diese Karte in der App bearbeiten und etwa virtuelle Grenzen ziehen, die dann beim Reinigungsvorgang berücksichtigt werden oder bestimmte Bereiche für eine ganz gezielte Reinigung festgelegen. Die neueste Generation dieser Steuerungstechnologie kann jetzt auch bis zu drei Karten speichern, was gerade für Hausbesitzer mit mehreren zu reinigenden Etagen ein großer Zugewinn ist.

MOB: Können Sie kurz erklären, was AIVI ist und wie es funktioniert?
Wahlich:
AIVI (Artificial Intelligence and Visual Interpretation) ist eine von uns entwickelte KI-Technologie, die in unserem fortschrittlichsten Modell, dem Deebot Ozmo 960, zum Einsatz kommt. Ausgestattet mit einer Kamera-Sensorik erfasst das KI-Modul laufend, welche Hindernisse im Weg stehen und trifft dann eine Entscheidung: Kann das erkannte Objekt eingesaugt werden oder soll es umfahren werden. Im zweiten Fall wählt der Roboter dann den effizientesten Weg um das Objekt herum. Aktuell können Hindernisse wie Kabel, Schuhe und Socken zuverlässig erkannt werden. Für die Nutzer entfällt so das lästige Aufräumen vor dem Saugroboter-Einsatz.

MOB: Lernt der Saugroboter aus den aufgezeichneten Bildern und erkennt herumliegende Objekte auf Basis dessen schneller?
Wahlich:
Nein, aktuell sind die Objekte, die erkannt werden, Teil der Programmierung. Dazu wurden tausende Bilder pro Kategorie erfasst. Der selbstlernende Roboter ist aber durchaus umsetzbar, aktuell stellt er uns aber v.a. im Datenschutz vor Herausforderungen.

MOB: Setzt ein Saugroboter auf Kameratechnologie, was kann man Kunden entgegnen, die fürchten ausgespäht zu werden? Wo werden die Bilddaten verarbeitet und verwaltet?
Wahlich:
Alle Daten, die durch uns erhoben werden, unterliegen selbstverständlich europäischen Datenschutzrichtlinien. Daten und insbesondere Bilder werden nicht in einer Cloud o.ä. gespeichert oder an Dritte übertragen. Unsere AIVI-Technologie fotografiert im Übrigen auch nicht, die Kamera dient ausschließlich der Erkennung der Objekte, es wird kein Bild verarbeitet oder gespeichert.

Das gilt auch für die Lasernavigation. Wenn beispielsweise der O950 eine Karte der Wohnung anlegt, wird diese lokal auf dem Saugroboter gespeichert, erst wenn der Nutzer die App aktiviert, greift diese auf die Karte zu, um sie dann für die Navigation und die Planung der Reinigung etc. zu nutzen. Sobald der Nutzer die App wieder deaktiviert ist auch die Karte wieder aus der App verschwunden.

MOB: Etliche Modelle können inzwischen über einen digitalen Plan der Wohnung aus einer App heraus gesteuert werden. Können Sie das kurz erklären?
Wahlich:
Wie oben schon kurz angerissen, erfasst die Lasernavigation beim ersten Saugvorgang die Wohnung mit allen statischen Hindernissen wie z.B. Tischbeine oder Schränke und erstellt eine Karte des zu reinigenden Bodens. Diese Karte kann dann für die folgenden Putzeinsätze wieder in der App aufgerufen und genutzt werden. Der Vorteil ist, dass der Nutzer u.a. Bereiche fest definieren kann, die nicht gereinigt werden sollen, etwa weil Kabel unter einem Regal verstaut sind oder der Hund einen festen Schlafplatz hat. Zudem kann in der App ein detaillierter bereichsspezifischer Reinigungsplan erstellt werden, die Reihenfolge der zu säubernden Räume bestimmt werden und ähnliches.

MOB: Was ist für Sie aktuell der größte Trend in der Indoor-Navigation und welchen kommerziellen Einsatzbereich können Sie sich dafür in näherer Zukunft vorstellen?
Wahlich:
Die KI-Unterstützung und alle Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, ist aus unserer Sicht auf jeden Fall der nächste Schritt in der Indoor-Navigation. Wir werden in Zukunft weniger aufräumen müssen, die automatisierte Reinigung wird noch intuitiver und intelligenter erfolgen. Mit dem O960 verkaufen wir schon jetzt ein solches Modell, in den nächsten Jahren werden sich diese Technologie und ihre Einsatzmöglichkeiten immer weiterentwickeln.

MOB: Ist ein Szenario, in dem eine Flotte von Saugrobotern menschliche Putzkräfte umfangreich unterstützt, in absehbarer Zeit realistisch?
Wahlich:
Bei kleinen bis mittelgroßen Büros sehen wir eine steigende Nachfrage als sehr realistisch an. Dass eine kleine Flotte von leistungsstarken Saugrobotern in den Randzeiten durch unsere Büros putzt, kann durchaus bald alltäglich werden. Leistung, Reichweiten und Steuerbarkeit der Roboter entwickeln sich in eine Richtung, die eine effektive Anwendung auch auf Flächen, die über eine Wohnungsgröße hinausgehen, möglich machen. Und ganz besonders wird die Weiterentwicklung der KI-Technologien die Haushaltsroboter zu immer größeren Konkurrenten der menschlichen Putzleistung – nicht nur im Wohnbereich machen.

Bildquelle: Ecovacs Robotics

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