Technologische Spätstarter

Afrika, der digitale Kontinent

Einige Länder Afrikas erleben einen wirtschaftlichen Aufschwung und überspringen dabei technologische Entwicklungsstufen.

Die Skyline von Nairobi, Kenias Hauptstadt

Die Skyline von Nairobi, Kenias Hauptstadt

Viele Menschen denken bei Afrika an Naturkatastrophen, Armut, Hunger, Krieg und Korruption, doch Afrika hat auch eine andere Seite, zu der der wirtschaftliche Aufschwung gehört. Zwar nutzen nur etwa 20 Prozent der Afrikaner bisher überhaupt das Internet, dennoch ist in einigen Staaten eine Digitalwirtschaft entstanden.

Digitalwirtschaft steckt in den Anfängen

Nach einer Studie der International Data Corporation (IDC) werden in Afrika bereits seit Jahren immer weniger Computer, Tablets oder Notebooks verkauft, trotz des enormen Nachholbedarfs. Der Grund: Computer sind für die meisten Afrikaner zu teuer. Und genau deshalb hat der Mobilfunk eine immense Bedeutung für den Kontinent. In jedem noch so kleinen Dorf gibt es heute mindestens ein Mobiltelefon. Da es kaum Banken gibt, nutzen Afrikaner das Handy zum Empfangen und Versenden von Geld. Sie zahlen beispielsweise Strom, Miete, die Arztrechnung und vieles mehr per SMS.

Trotzdem hat die in den Anfängen steckende Digitalwirtschaft mit Problemen zu kämpfen. So fehlt es in Afrika häufig an Infrastruktur für Verkehr und Kommunikation, Maschinen und Anlagen zum Aufbau einer Industrie sowie Know-how. Immerhin: Auf dem Kontinent gibt es rund 17 Millionen kleine und mittelgroße Unternehmen, die 17 Prozent des Bruttoinlandproduktes erzeugen.

Ein weiteres Problem: Die Unternehmen sind schlecht in den globalen Handel integriert. Ihr Anteil am Weltmarkt liegt lediglich bei weniger als drei Prozent. So ist beispielsweise die afrikanische Landwirtschaft nur schlecht in die verketten integriert. Die Ernte verdirbt häufig, bevor sie jemand kaufen kann. Zudem machen die Transportkosten bis zu 75 Prozent der Gesamtkosten aus – in anderen Teilen der Welt sind es etwa sieben Prozent.

Kontinent der pragmatischen Lösungen

Auch bei kostengünstigen Mobilitätslösungen liegt Afrika hinten. Doch Afrika ist der Kontinent der pragmatischen Lösungen, die auch geringe und einfache Mittel optimal ausnutzen. So haben die beiden Ride-Sharing-Unternehmen Taxify und Uber Anfang 2018 zeitgleich in Afrika einen Fahrservice mit Motorrädern gestartet.

Motorradtaxis (Boda Boda genannt) sind in Afrika das bevorzugte Transportmittel und der Service um die Hälfte günstiger als Dienste mit Autos. Da das Transportsystem in Afrika schlecht ausgebaut ist, lohnen sich Investitionen in Ride-Sharing-Unternehmen. Eine bessere Mobilität bietet vor allem den Menschen mit niedrigem Einkommen die Chance, ihren Lebensstandard zu verbessern.

Durch die Digitalisierung hat Afrika eine zusätzliche Chance und kann sein wirtschaftliches Potenzial starker ausschöpfen. Der späte Einstieg hat nicht nur Nachteile. Der Kontinent war so in der Lage, direkt den neuesten Stand der Technik einzusetzen. Afrika hat technologische Entwicklungsstufen übersprungen: Statt Festnetztelefon nutzen die Menschen gleich das Handy, statt Zahlungsgeschäfte in der Bankfiliale abzuwickeln, versenden sie zum Beispiel eine SMS.

Digitalisierungstrends in Afrika

Das digitale Zeitalter bietet Afrika und vor allem den Mobilfunknetzbetreibern dort, viele Möglichkeiten. Folgende Trends rund um die Digitalisierung haben sich in den letzten Jahren abgezeichnet:

  • Mobiles Internet: Das Wachstum Nigerias als bevölkerungsreichstes Land Afrikas treibt auch das Wachstum des mobilen Internets voran. Allein die Bevölkerung Nigerias macht 50 Prozent der Internetnutzer in Afrika aus.
  • Starker Smartphone-Markt: In den letzten Jahren sind die Preise für Smartphones um rund 50 Prozent gefallen. Bislang dominiert der chinesische Billighersteller Transsion Holdings aus Shenzhen, der im dritten Quartal 2018 fast 35 Prozent der in Afrika verkauften Telefone produziert hat (Samsung: 21,7 Prozent, Huawai: 10,2 Prozent).
  • E-Commerce: E-Commerce-Unternehmen sind auf dem gesamten Kontinent sehr erfolgreich. Seit 2014 stieg die Zahl der Online-Käufer um jährlich 18 Prozent, mehr als der weltweite Durchschnitt.
  • Neue mobile Zahlungsdienste: Da es in Afrika kaum Banken gibt, wird Geld in erster Linie über Smartphones gesendet und empfangen. Die verschiedenen Telekommunikationsanbieter des Kontinents erweitern ihre Zahlungsdiente ständig.
  • Breite Startup-Aktivität: Laut einem Bericht der GSMA (Vereinigung für Mobilfunktechnologie) gibt es in Afrika mehr als 440 Inkubatoren, Acceleratoren und Co-Working-Spaces, in denen Startups ihre Geschäftsmodelle entwickeln.
  • Politische Unterstützung: Die Regierungen der 53 in der Afrikanischen Union organisierten Staaten sind inzwischen auf die Digitalisierung aufmerksam geworden. Als eines der ersten Länder hat Tunesien im April 2018 einen „Startup Act“ verabschiedet, der Unterstützung und Subventionen für digitale Startups umfasst.

Ausbau der Netze steht an erster Stelle

Vor allem Afrikas Telefongesellschaften sind die Treiber der technologischen Aufholjagd. Um neue Services anzubieten, müssen sie in neue Technologien investieren, etwa Künstliche Intelligenz, Big Data oder das Internet der Dinge. Auch hier führt der bisherige technologische Rückstand zu einem Überspringen zahlreiche Entwicklungen. So können KI-Verfahren logistische und infrastrukturelle Probleme des Kontinents überwinden.

Die afrikanischen Telkos wachsen schneller, als sie qualifizierte Mitarbeiter gewinnen können. Deshalb haben sie die Chance, ohne Kompromisse direkt mit KI-basierten Prozessen in die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts einzusteigen. Sie bieten bereits IoT-Lösungen in unterschiedlichen Industriesektoren an und arbeiten an Plattformlösungen. Doch gerade in Afrika bricht die Internetverbindung häufiger als irgendwo sonst auf der Welt zusammen. Deshalb stehen Konnektivität und der Ausbau der Mobilfunknetze an erster Stelle.

Bildquelle: Thinkstock

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