Silicon Savannah

Afrikanische Startups erschaffen den digitalen Kontinent

Eine SMS-Schnittstelle ist in der Digitalwirtschaft Afrikas Pflicht – ein Unterschied von vielen zur „westlichen“ Startup-Szene.

  • Kleines Dreirad-Fahrzeug mit Solarkollektoren

    Kein Löwe: Das gelbe MellowCab bietet Taxiservices für afrikanische Großstädte

  • Ein männlicher Löwe imnationalpark von Kenia

    Ein Löwe: Das europäische Bild von Afrika ist von Klischees geprägt

Afrika ist ein Kontinent, dessen wahre Größe durch die übliche Mercator-Projektion verfälscht wird. Der Kontinent wirkt auf Karten ungefähr so groß wie Grönland, ist aber in Wirklichkeit 14mal größer. Mit seinen mehr als 30 Millionen Quadratkilometern hat Afrika eine Fläche, die schon fast an die Oberfläche des Mondes (38 Mio. qkm) herankommt. Und für die meisten Leute ist Afrika mindestens so weit entfernt. Ihnen fallen nur die üblichen Klischees von Löwen, bitterer Armut und Flüchtlingen ein.

Doch Afrika ist anders. Es gibt zwar all diese Dinge, aber es gibt noch viel mehr. So ist zum Beispiel Mobile Payment für viele Leute Alltag, vor allem in Kenia und Simbabwe. Hunderte Millionen Afrikaner haben über Handys und Smartphones Zugang zur Kommunikation und der Zahlungsdienstleister M-Pesa ermöglicht bargeldlose Zahlungen ohne Bankkonto. Damit wiederholt sich in Afrika ein Phänomen, dass es auch in Asien gab: Die Gesellschaften suchen Anschluss an die technologischen Möglichkeiten und den Wohlstand des 21. Jahrhunderts und überspringen dabei Zwischenschritte. So haben zwar sehr viele der 1,5 Milliarden Chinesen Smartphones, aber nur wenige nutzen Desktopcomputer.

Ähnlich ist es in Afrika mit seinen gut 1,2 Milliarden Einwohnern. Es gibt oft kein Telefonnetz, aber es ist auch nicht mehr nötig: Mobilfunk hat sich extrem schnell ausgebreitet. Auch das Stromnetz ist in vielen Ländern nicht der Rede wert. Doch es entstehen immer mehr dezentrale, regionale Stromnetze, die über Solarenergie betrieben werden. Und es gibt beispielsweise in Kenia, Nigeria, Ghana, Südafrika und Ägypten eine Startup-Szene, die laut dem afrikanischen Startup-Portal „Disrupt Africa“ unter anderem aus etwa 160 VC-gestützten Startups besteht. Im letzten Jahr gab es dort Investitionen von 195 Millionen US-Dollar.

Geschickte Lösungen für afrikanische Probleme

Bei vielen dieser Startups geht es darum, innovative Lösungen für Probleme zu finden, die in Industrienationen eher unbekannt sind. So sind gefälschte Medikamente ein Riesenproblem, da es in Afrika die bei uns übliche Pharmazie-Infrastruktur nicht gibt. Die Lösung kommt aus Ghana: Das Startup Sproxil unterstützt Medikamentenhersteller durch ein speziell für den afrikanischen Markt entwickeltes Verifikationssystem, dass bei Produkten aller Art genutzt werden kann. Jede Verpackung erhält einen Aufkleber nach dem Prinzip Rubbellos. Der Käufer muss diesen verdeckten Aufkleber nun anzeigen und den dort stehenden Code per App oder SMS an Sproxil senden. Wenn der Code registriert ist, wird der Kunde entsprechend informiert.

Dieser Service zeigt, dass ein für Afrika geeignetes Produkt die weiterhin hohe Bedeutung von Einfach-Handys und SMS berücksichtigen muss. So gibt es auch ein afrikanisches Quora. Es ist ebenso digital wie der bekannte Frage/Antwort-Dienst, aber SMS-basiert: WeFarm aus Kenia, ein Infosystem für Farmer, die sich damit gegenseitig unterstützen und Ratschläge geben. Es erlaubt wie in Internetforen gegenseitige Hilfe, ohne dass dazu ein Internetzugang notwendig ist. Die entsprechenden SMS an den Service sind kostenlos. Wer möchte, kann sich die aktuellen Fragen zusenden lassen und dann auf die SMS antworten.

Auch das Bildungs-Startup Eneza aus Kenia nutzt SMS. Schüler oder Eltern können sich dort registrieren und erhalten regelmäßig Lernaufgaben aus den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Kisuaheli und Englisch per SMS. Quizaufgaben werden auf demselben Weg beantwortet, die Ergebnisse kommen ebenfalls per SMS zurück. Zusätzlich gibt es ein Callcenter mit Lehrern, die Fragen zum Lehrstoff beantworten. Neben SMS wird inzwischen auch ein Zugang über eine mobile Website sowie den Messengern von Facebook und Telegram angeboten.

Wer braucht ein Stromnetz, wenn die Sonne scheint?

Viele Handybesitzer in Afrika haben allerdings ein Problem: Sie müssen häufig mehrere Kilometer zum nächsten Stromanschluss laufen. Einfacher geht es mit den kleinen Heim-Solarenergie-Anlagen von M-Kopa aus Kenia. Das Unternehmen vertreibt in Kenia, Tansania und Uganda zwei unterschiedlich starke Minisolaranlagen, die direkt mit dem passenden Zubehör wie beispielsweise Pufferbatterien, Ladekabel für alle Arten von Handy-Anschlüssen, Akkuradios, sparsamen LED-Lampen und in der teuren Version sogar mit einem kleinen TV-Gerät ausgeliefert werden. Das Gesamtpaket wird durch Ratenzahlungen über das Mobilfunkkonto finanziert.

Ebenfalls auf Solarenergie setzt das Unternehmen MellowCabs aus Südafrika. Es produziert sehr leichtgewichtige, elektrisch angetriebene Kleinwagen, die auf dem Dach eine Solaranlage haben. Die Wägelchen sollen in afrikanischen Großstädten als On-Demand-Taxiservice eingesetzt werden, der über eine eigene App und wie üblich über SMS bestellt werden kann. Einer der Schwerpunkte des Angebots ist der Tourismus. Jedes MellowCab ist mit einem kleinen Tablet ausgerüstet, das im Kioskmodus Informationen über die Region anbietet.

Ride-Sharing bedeutet in vielen Gegenden Afrikas: Wer irgendwohin will, sucht sich einen Motorradfahrer, der ihn für kleines Geld mitnimmt. Das ist eine lukrative Sache für die häufig informellen, gelegentlich aber auch als Unternehmen organisierten Motorradtaxis. Für die Nutzer ist es allerdings recht unsicher, sodass die Plattform SafeMotos aus Ruanda hier einen wertvollen Dienst anbietet. Sie verknüpft Fahrer und Mitfahrer und erlaubt den Kunden, Fahrt und Fahrer zu bewerten. Ansonsten gibt es den von vergleichbaren Plattformen gewohnten Komfort: Kunden können ihren Lieblingsfahrer direkt über eine App ordern, es gibt Bestellungen von Lieferfahrten und auch die Bezahlung geschieht via App.

Die afrikanische Variante der Digitalwirtschaft

Eine Plattform wie SafeMotos demonstriert eine deutliche Tendenz unter den afrikanischen Startups: Sie passen international erfolgreiche Geschäftsmodelle für die Rahmenbedingungen in Afrika und die Präferenzen afrikanischer Nutzer an. Ein Beispiel: Tupuca ist ein Lieferservice aus Angola, der Restaurants bündelt und bald auch auf andere Produkte ausgedehnt werden soll. Er richtet sich an die wachsende afrikanische Mittelschicht, die ähnliche Bedürfnisse wie ihr Gegenstück in Europa und den USA hat.

Die Plattform-Ökonomie hat also ihren Weg nach Afrika gefunden, nicht nur für Privatleute. So gibt es mit WaystoCap aus Marokko eine B2B-Handelsplattform, die mit einer speziellen Handelsversicherung zusammenarbeitet, um die Verkäufer vor Problemen mit der Bezahlung zu schützen. Ebenfalls eine B2B-Plattform ist SokoWatch aus Kenia, die einen Großhandel für kleine Ladengeschäfte anbieten. Das Startup erlaubt den Händlern die Bestellung von Produkten bekannter Anbieter wie Unilever oder Procter & Gamble per SMS und einer garantierten Auslieferung innerhalb von 24 Stunden.

Auch hier gibt es wieder die spezifische Anpassung an die afrikanische Infrastruktur.  Gründer aus dem Silicon Valley würden wohl kaum auf die Idee kommen, eine SMS-Bestellung zu entwickeln. Zudem sind kioskartige Miniläden in den unübersichtlichen afrikanischen Großstädten für den herkömmlichen Großhandel oder die Hersteller nicht rationell zu beliefern, das Startup ist einfach näher an der Kundschaft. Sein Erfolg spricht für sich: Etwa 5000 Ladengeschäfte in Nairobi und 1000 in Daressalam (Tansania) nutzen den Service. Digitalisierung bedeutet in Afrika also häufig: Die Leute auf dem Kontinent können erstmals überhaupt einen Service dieser Art nutzen, eine analoge Alternative gibt es nicht.

Bildquelle: Thinkstock

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