Mobile Betriebssysteme

Alternative Firefox OS

2004 brach der Browser Firefox die Dominanz des Internet Explorers und lehrte Microsoft das Fürchten. Das gemeinnützige Softwareprojekt Mozilla riss damals ein neues Fenster zum Internet auf und zwang alle Beteiligten zu offenen Standards. Jetzt will Mozilla mit Firefox OS die unendlichen Weiten des Internets auch auf mobile Endgeräte bringen.

Unendliche Weiten statt geschlossener Systeme: Firefox OS will die Smartphones mit HTML 5 erobern.

Mobilfunkanbieter aus der ganzen Welt erhoffen sich vom alternativen Betriebssystem Firefox OS profitable Universen jenseits der geschlossenen Planetensysteme von Apple und Google. Auch für Unternehmensanwender verspricht das Betriebssystem von Mozilla neue Einsatz- und Umsatzmöglichkeiten.

Vor dem historischen Hintergrund des erfolgreichen Browsers Firefox verwundert die Beachtung nicht, die die Macher hinter dem Feuerfuchs spätestens seit dem Mobile World Congress im Februar in Barcelona für ihr neues mobiles Betriebssystem Firefox OS bekommen. Zwei große europäische Telekommunikationsanbieter sind bei Firefox OS in der Projektarbeit und Entwicklung mit an Bord und werden in Kürze Geräte mit Firefox OS auf den Markt bringen. Die Deutsche Telekom und Telefónica (O2) sehen mithilfe des alternativen Betriebssystems die Möglichkeit, sich weg vom reinen Datentransporteur zum vollwertigen Ökosystemanbieter zu entwickeln. Ähnliche Hoffnungen hegen 18 Provider weltweit, z.B. Sprint aus den USA, America Movil aus Lateinamerika und China Unicom. „Diese beeindruckende Anzahl von Betreibern, die den Vertrieb von Firefox-OS-Geräten zugesagt haben, spricht klar und laut für das Potential der Plattform und deutet darauf hin, dass 2013 für Mozilla ein Jahr des Durchbruchs im mobilen Bereich sein wird”, meint John Jackson, Research Vice President vom IT-Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC.

Besagte Mobilfunkbetreiber suchen eine Alternative zu den komplett oder fast komplett geschlossenen Ökosystemen von Apple und Google. Denn mit Sprachtelefonie und Datenflatrates verdienen sie über kurz oder lang nicht mehr viel, das Geld wird in den App-Stores gemacht. Blackberrys Wiederbelebung und Microsofts Ambitionen, Windows auf dem Smartphone zum Durchbruch zu verhelfen, haben zwar im Prozentbereich Bewegung in den Smartphone-Markt gebracht und sind für Unternehmensanwender echte Alternativen zu den beiden dominierenden Systemen iOS und Android. Doch auch hier bleiben die Provider bei den Erlösmodellen der Systeme außen vor. René Obermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, freute sich daher auf dem Mobile World Congress in Barcelona über Alternativen: „Deshalb unterstützen wir auch Mozilla bei der Entwicklung eines offenen und innovativen Standards für mobile Geräte. Die Einführung des ersten Smartphones mit dem Firefox-Betriebssystem in Europa ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Konkurrenz unter den verschiedenen Ökosystemen.”

Aufstrebende Märkte im Visier

Kurzfristig geht es Telekommunikationsanbietern und Geräteherstellern darum, günstige und einfach zu bedienende Smartphones in aufstrebenden Märkte anzubieten. Dank der geringen Hardware-Anforderungen bietet sich dafür anscheinend nur allzu gut Firefox OS an. Im Sommer startet die Telekom den Vertrieb eines Alcatel-Gerätes in Polen. Weitere Länder in Osteuropa sollen 2013 folgen. Gemeinsam mit dem Netzbetreiber Telefónica wird der chinesische Hersteller ZTE Mitte 2013 in Spanien, Venezuela und Kolumbien ein Gerät auf den Markt bringen.

Dies mag aus deutscher Perspektive wie ein Testlauf erscheinen, aus der Perspektive der global agierenden Konzerne sind dies die künftigen Schlüsselmärkte, die es mit eigenen Lösungen zu besetzen gilt. Hier steigen viele Nutzer gerade erst auf Smartphones um. Aus der Perspektive einer gemeinnützig ambitionierten, weltweit verteilten Entwicklergemeinde ist genau dies nicht weniger als der einzulösende Anspruch: „Firefox OS bringt die Freiheit und unbegrenzte Innovation des offenen Internets zu Mobilfunknutzern auf der ganzen Welt”, schwärmt Gary Kovacs, CEO von Mozilla. Die Offenheit und Freiheit, die im stationären Internet – auch dank Mozillas Verdiensten um offene Schnittstellen – herrscht, soll endlich auch im mobilen Netz regieren.

Die vorgestellten Geräte sind allerdings hardwareseitig schwach auf der Brust und rufen bei geübten High-End-Smartphone-Nutzern keine Begeisterung hervor. Auch das Design des Firefox OS kommt ohne große Aha-Effekte daher.

Ambitionierter präsentiert sich da Ubuntu Touch, ein weiteres alternatives Smartphone-Betriebssystem. Ubuntu ist ein schon länger erfolgreiches, freies und kostenloses Linux-Betriebssystem, hinter dem neben einer großen Entwicklergemeinde der südafrikanische Softwaremillionär Mark Shuttleworth und sein Unternehmen Canonical Ltd. stehen. „Ubuntu“ bedeutet auf Zulu frei übersetzt „Menschlichkeit“.

Ambitionierte Ubuntu-Oberfläche

Die Oberfläche des Ubuntu-Systems, das nun als Touch-Variante zum Sprung auf Smartphones und Tablets ansetzt, wird ganz ohne Hardware-Buttons bedient. Wischt der Nutzer von oben, unten, links oder rechts auf den Bildschirm, öffnen sich Funktionsleisten. Zudem werden Daumengesten in allen vier Ecken des Bildschirms unterstützt. Die Entwicklergemeinschaft hat Ubuntu bereits auf über 30 Smartphones portiert. Apps können als native Anwendungen programmiert werden, ebenso laufen HTML5-Apps. Was Canonical – zumindest offiziell – noch fehlt, sind Hardwarepartner, die alltagstaugliche Endgeräte auf den Markt bringen.

Für Firefox sieht es dank der interessierten Partner besser aus, aber auch hier fehlen in Deutschland noch die wirklich greifbaren und leistungsfähigen Apparate. Schließlich hat kein Unternehmen die Zeit und Muße, auf gerooteten Geräten selbsttätig alternative Smartphone-Betriebsysteme zum Laufen zu bringen.

Mozilla setzt auf HTML5

Auch wenn dies eigentlich nicht allzu schwer ist: Denn anders als bei traditionellen Betriebssystemen läuft bei Mozillas OS im Grunde nur ein Browser, über den alle Anwendungen, auch jene, die auf die Funktionen des Telefons zugreifen, abgewickelt werden. Letzteres war bisher eine große Hürde für HTML5-Anwendungen. Schlechte Performance und hakelige Nutzererlebnisse haben zum Beispiel dazu geführt, dass Apple und Facebook ihre HTML5-Konzepte einstampften. Aber HTML5 und die Anbindung an Smartphones hat sich weiterentwickelt und Mozilla verspricht, Hardwareprobleme gelöst zu haben. Großer Vorteil der HTML5-Apps ist, dass sie nicht nur für Firefox OS geschrieben werden, sondern in jedem HTML5-fähigen Browser und auf kompatiblen Geräten laufen. Eine Aussicht, die auch die Pläne von Unternehmen beeinflussen könnten, wenn es um die Investitionsentscheidungen der nächsten App-Entwicklung geht.

HTML5-Apps laufen auch längst offline: Ressourcen und Inhalte einer App werden heruntergeladen, auf dem Telefon gespeichert und stehen jederzeit zur Verfügung. Damit dabei – gerade in den aufstrebenden Märkten oft teure – Datentarife nicht abschrecken, hat Mozilla mit Telefónica-Entwicklern Funktionen zur Kostenkontrolle integriert.

Integrierte Bezahlfunktionen

Die Telekom-Entwickler konzentrieren sich in ihrer Entwicklungsarbeit auf Near-Field-Communications-Funktionen (NFC) des Systems. In der Tat könnten Geräte mit Firefox OS mit clever integrierten Abrechungsmodellen auch für den Handel interessant werden, mit unkomplizierten Zahlungsmöglichkeiten über die Telefonrechnung und innovativen NFC-Bezahlmethoden sogar für den stationären Handel. Wenig erstaunlich, dass sich die Mobilfunkanbieter hierfür besonders interessieren. Mozilla sieht dies als demokratische Zahlvariante für all jene, die keine Kreditkarte besitzen. „Abrechnungen über die Carrier erfordern wenige Klicks, was zu mehr Transaktionen führt“, sagt Rick Fant, Mozillas Vice President Apps and Marketplace. „In aufstrebenden Märkten ist dies der Standard für Downloads und In-App-Käufen.”

Die offenen Webplattformen ermöglichen es nicht nur den Telekommunikationsanbietern, diese Bezahlmöglichkeiten und weitere Dienste, Apps und Werbung direkt und ohne Hindernisse zu verbreiten. Auch jeder Entwickler und jedes Unternehmen kann – theoretisch egal wo im Netz – seine Web-Apps zum Download bereitstellen. Mozilla hat kein Problem damit, auch App-Stores anderer Anbieter zu tolerieren. Das freut die Provider: Sind sie doch endlich in der Lage, ohne Apple, Google, Microsoft und Blackberry Geld zu verdienen. „Mit Firefox OS liegt erstmals ein ernstzunehmendes System vor, dessen Entwickler von Anfang an die Möglichkeit vorsehen, alternative App-Stores von Dritten programmieren zu lassen“, betont Dr. Hermann Lichte von der Net Mobile AG die Bedeutung dieses Ansatzes.

Nicht nur für die Provider, auch für Inhalteanbieter und Unternehmen eröffnen sich so einträgliche Möglichkeiten im direkten Kundenkontakt – entweder über die App auf der eigenen Seite oder über einen eigenen App-Store. Natürlich ist auch den Verantwortlichen von Mozilla die Wichtigkeit einer zentralen Anlaufstation für Kunden und Entwickler klar. John Jackson, Research Vice President von IDC meint dazu: „Aufgrund des offensichtlichen Fortschrittes bei Geräteherstellern und Inhaltsanbietern stellt sich Mozilla einer doppelten Herausforderung, nämlich der Skalierung von Verteilung und der Möglichkeit, Dritten klare Einkommensquellen aufzuzeigen. Beide sind für das Erwecken des Interesses von Entwicklern und deren nachhaltige Bindung lebenswichtig.”

Zentrale Marktplätze

Daher gibt es auch für Firefox OS einen zentralen Mozilla-Marktplatz, auf dem sich bereits namhafte Content-Lieferanten wie Disney, EA Games, Facebook, Twitter und MTV tummeln. „Firefox OS bietet uns eine großartige Gelegenheit, neue Verbraucher in Schwellenmärkten zu erreichen”, erklärt denn auch Glenn Roland, Vice President New Platforms und OEM von der Spieleschmiede Electronic Arts. „Wir freuen uns, dieses Jahr HTML5-Versionen von führenden Spielen sowie zahlreiche beliebte mobile Titel auf den plattformübergreifenden Firefox-Marktplatz zu bringen.”

Ohne den Umweg über die App-Stores der OS-Anbieter, vorbei an den Türstehern Apple und Google, können Unternehmen mithilfe von Firefox OS eigene Apps und Appstores anbieten. Damit öffnen sich ganz neue Möglichkeiten: Hyper-lokale Anwendungen oder gar ganze App-Stores können rein regional zugeschnitten sein. Auch thematisch begrenzte App-Stores, zum Beispiel alles zum Thema Finanzen und Immobilien, gäben Unternehmen oder Verbänden die Chance, ihre Kompetenzen ganz zielgruppenspezifisch auszuspielen. Kurzum: Es sind die unendlichen Weiten und Geschäftsmöglichkeiten des Internets, die endlich auch auf dem Smartphone am Horizont erscheinen. Ganz ohne vorherige Landegenehmigung auf diktatorisch regierten Planetensystemen.

Firefox OS komplett angepasst

Unternehmen können neben eigenen Apps und App-Stores sogar noch einen Schritt weitergehen: Firefox OS kann mit einer komplett angepassten Oberfläche versehen werden. Dies werden Netzbetreiber auf ihren Geräten unterschiedlich abgestuft nutzen, aber auch Unternehmen können für ihre Belegschaft komplett gebrandete, inhaltlich angepasste und abgesicherte Modelle anschaffen.

Mozilla hofft, dass sich diese alternativen Versionen seines Systems alleine schon aus Kostengründen (Entwicklung, Wartung, Betreuung der Nutzer) nicht zu weit verselbstständigen und besteht in allen Varianten immerhin auf der Auslieferung eventuell nötiger Sicherheits-Updates und Zugang zum Mozilla-Store. „Partner, die von Firefox OS und Mozilla unterstützt werden wollen, müssen bestimmte Richtlinien für Hardware-Anforderungen, User Experience, Updates, Datenschutzrichtlinien, etc. einhalten. Wir geben den Partnern aber auch Möglichkeiten, um einen individuellen Touch neben den Standard-Features hinzuzufügen. Firefox OS hat verschiedene Lizenzoptionen mit jeweils eigenen Anforderungen“, erklärt Chris Heilmann, Principal Evangelist bei Mozilla.

Günstige Smartphones für die komplette Belegschaft, optional noch mit einer Oberfläche im Firmenlook inklusive Apps, Marktplatz und Funktionen im Sinne des Unternehmens klingen im Gegensatz zu teuren Lifestyle-Überprodukten aus Sicht sparsamer IT-Abteilungen gut.

Damit die Anwender im Unternehmen solche Geräte aber auch akzeptieren und gerne nutzen, müssen sie mindestens den Geräten der Wettbewerber ebenbürtig werden – Design, Hardware und die Performance von HTML5 sind hierbei die entscheidenden Punkte. Mit einem entsprechenden Konzept könnten so die ungeliebten BYOD-Lösungen mit schlechter Updatepolitik und geringer Anpassbarkeit der Lösungen für Unternehmen ein Ende haben. Dass HTML5 als übergreifender Standard die richtige Wahl für zukunftsträchtige App-Entwicklungen werden kann, ist ein weiteres Argument für das Potential von Firefox OS.

Die Chancen, dass Unternehmen und Anwender mit dem Feuerfuchs ein zweites Mal neue Universen entdecken, stehen gut. Um gegen die Gravitation der großen Planetensysteme durchzustarten, braucht es allerdings starke Schubkräfte.

 

Bildquelle: Thinkstock/iStockphoto, Firefox

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok