Amazon als Nadelöhr
Der Mythos vom Internet geht ungefähr so: Das Netz ist dezentral und wenn irgendwo ein Server ausfällt, springen andere ein und die Daten werden um die Lücke herum geführt. Und jetzt die Realität: Wenn die Amazon Cloud ausfällt, gehen viele populäre Websites mit in den Abgrund.
So traf es am Abend des 22. Oktober die Dienste Flipboard, Airbnb und Foursquare. Bereits im Juni hatte ein Gewitter für Probleme in einem Amazon-Rechenzentrum gesorgt und damit den Ausfall von Websites wie Netflix, Pinterest und Instagram gesorgt. Und auch im April gab es Probleme und die Dienste reddit, Quora und Foursquare gingen in die Knie.
Wenn es im US-Bundesstaat North Virginia mal etwas heftiger
regnet, sind viele große und bekannte Webdienste zeitweise aus dem Netz verschwunden. Durch die enorme Bedeutung, die Amazons Webservice EC2 (Elastic Compute Cloud) in der Welt der Internet- und Mobile-Startups hat, entwickelt sich das Cloud Computing inzwischen zu einem Nadelöhr - also dem genauen Gegenteil seiner ursprünglichen Versprechungen.
Weg von den kompliziert zu wartenden und sauteuren eigenen Servern, hieß es. Gründung ohne gigantische IT-Investition, hieß es. Mehr Sicherheit und niedrigeres Ausfallrisiko als im Selbstbetrieb, hieß es. Und jetzt? Jetzt sind einige hundert kleine und größere Unternehmen von der IT eines einzigen Anbieters abhängig.
Diese Tendenz zur Zentralisierung ("The winner takes it all") ist im Internet allerdings nichts Neues. So beherrscht Google den Markt der Suchmaschinen. Dies liegt hier wie in anderen Fällen (Amazon, eBay) an einer Abstimmung via Mausklick: Kleine Vorsprünge in Nutzen und Bedienbarkeit ziehen die Anwender magisch an, so dass eine einmal erreichte Position von den Verfolgern häufig nicht mehr eingeholt werden kann.
Die Schattenseite solcher Erfolge: Die Anwender werden von den jeweiligen Diensten extrem abhängig. Probleme im und mit dem Dienst sind mangels Alternativen kaum noch lösbar. Dies betrifft im Falle von Amazon nicht nur die Cloud-Kunden, sondern auch harmlose
Kindle-Besitzer.
Das Verhalten von Amazon in diesem Fall entspricht dem eines Monopolisten, der es nicht nötig hat: Textbausteine statt verständlicher Erklärungen, Mitarbeiternamen sind unbekannt, Telefonnummern führen ins Nirvana, PRler antworten nicht auf Anfragen. Erst öffentliche Aufmerksamkeit und damit Druck führte zu einer Kehrtwende.
Business-Kunden werden nicht ganz so wurschtig abgefertigt und vor allen Dingen besser
informiert, doch die Schwierigkeiten sind dieselben. Cloud oder E-Books, Amazon ist in seinen Märkten führend, ebenso wie Google oder Apple in ihren.
Dabei büßen Unternehmenskunden einen großen Teil ihrer Autonomie ein. Ein klassisches Beispiel: Wer im App Store von Apple gelistet werden will, muss eine etwas undurchsichtige Testprozedur über sich ergehen lassen und auf den Direktzugriff auf die Kundendaten verzichten.
Dies widerspricht dem Internetmythos von Offenheit und Dezentralität der Angebote. Bislang überwiegen die Vorteile. Doch was ist, wenn die Nachteile überhand nehmen? Werden die Nutzer zu anderen Diensten abwandern, obwohl sie ein großes Beharrungsvermögen haben? Auch hier gibt es ein Beispiel: Bing ist eine gute Suchmaschine, die aber von kaum jemandem genutzt wird.
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