Mobile Szene Wien

App-Entwicklung auf hohem Niveau in Wien

Die österreichische Hauptstadt kann als einzige Metropole des kleinen Alpenlandes mittlerweile eine lebendige Start-up-Szene vorweisen. Besonders stark sind derzeit junge Entwickler vertreten, die mit ihren Apps den Mobile-Markt in Europa oder sogar weltweit aufmischen.

  • Das Wiener Riesenrad ist ein Wahrzeichen Wiens. Es wurde 1897 zur Feier des 50. Thronjubiläums Kaiser Franz Josephs I. errichtet und war zur damaligen Zeit eines der größten Riesenräder der Welt.

  • „Mobile ist der Mega-Trend", sagt Hans Hansmann, ehemals erfolgreicher Geschäftsmann in der Pharmaindustrie. Er ist Österreichs bekanntester Business Angel und bei vielen Wiener Start-ups mit an Board.

  • Die Rubellos-App Rublys von Michael Rottmann aus Wien lässt die Benutzer verschiedene Lose freirubbeln und die Gewinne sofort per App in den Geschäften oder Online Stores der namhaften Partner einlösen.

  • Das Start-up Mysugr entwickelt mobile Blutzuckermessgeräte. Mit der Diabetes-App aus Wien können Kinder und Erwachsene ihr „Diabetes-Monster“ spielerisch zähmen und u.a. Punkte für richtige Ernährung sammeln.

  • Locca bietet eine Tracking-App und kleinste Ortungsgeräte für Haustiere, Räder, Gepäck oder Schlüssel. Auch ein Notfalltelefon für kleine Kinder und ältere Menschen hat das Unternehmen aus Wien im Portfolio.

Der Wiener grantelt gern, ist also launisch, mürrisch und beschwert sich gerne über die kleinen und großen Widrigkeiten des Alltags. So heißt es zumindest in Klischee geladenen Beschreibungen über die Bewohner der 1,7 Millionen Menschen starken österreichischen Hauptstadt an der Donau. Doch viele Gründe zum Granteln gibt es eigentlich nicht: Wann immer Studien über die lebenswertesten Städte der Welt veröffentlicht werden, dann liegt Wien an der Spitze oder rangiert wenigstens unter den Top 3. Im deutschsprachigen Raum ist Wien seit dem Sommer 2013 gemessen an der Einwohnerzahl die zweitgrößte deutschsprachige Stadt vor Hamburg, aber wohl noch lange Zeit hinter Berlin.

Im Schatten Berlins liegt Wien aber auch auf anderem Gebiet: in Sachen Start-ups. Während die deutsche Hauptstadt sich bereits mit London um den wichtigsten Hub für Neugründungen und Investoren vergleicht, muss Wien seinen Platz im Konzert der europäischen Start-up-Szene noch finden. Investoren und Veranstalter einschlägiger Events wie dem „Pioneers Festival“ in der pompösen Hofburg versuchen seit einigen Jahren, Österreichs einzige Metropole als Innovationsdrehscheibe zwischen Ost und West zu positionieren – Wien soll also seine Funktion, die es wirtschaftlich schon im alten Kaiserreich innehatte, auch in Sachen Internet-Business ausspielen.

Während Berlin dank der umtriebigen Samwer-Brüder eine Stärke im E-Commerce ausgebildet hat, kann man in Wien in den vergangenen Monaten einen Fokus auf Mobile bemerken. Zuträglich zu dieser Entwicklung ist sicher, dass die Penetrationsrate bei Smartphones in Österreich mittlerweile bei 78 Prozent liegt und laut „Mobile Communications Report“ nur jeder Zehnte noch nie eine App herunter­geladen hat. Ein spannender Testmarkt für Start-ups also, die den jungen Mobile-Markt beackern wollen und nach internationaler Expansion streben.

Wien ist ein guter Markt zum Starten

Bestes Beispiel für den Wiener Mobile-Boom ist das Start-up Finderly: Eigentlich starteten die Gründer Armin Strbac und Katharina Klausberger 2010 mit einem gleichnamigen Produktempfehlungsdienst im Web, erkannten dann aber bald, dass der Trend in Richtung Smartphones geht. Während Finderly erfolglos blieb, konnte das Nebenprodukt Shpock, eine hübsch designte Flohmarkt-App, ab Ende 2012 rasant wachsen. Shpock (Abkürzung für „Shop in your Pocket“) zählt heute bei mehr als eine Million Downloads und wird bereits in einem Atemzug mit Ebay genannt, wenn es um das Thema mobile Kleinanzeigen geht. Der Erfolg im deutschsprachigen Raum veranlasste schließlich den norwegischen Medienkonzern Schibsted dazu, einen Millionenbetrag für knapp 40 Prozent Firmenanteile in die Wiener App zu investieren.

Dieses Investment im August 2013 markiert einen wichtigen Wendepunkt der österreichischen Mobile-Szene. Denn dann folgten viele weitere, für die junge Branche wichtige Investments.

  • Der Medienriese Axel Springer sicherte sich für viele Millionen Euro im Oktober 2013 die Mehrheit an der Fitness-App-Schmiede Runtastic.
  • Die Rubbellos-App Rublys sahnte im Dezember 2013 in der Start-up-Show „2 Minuten 2 Millionen“ 650.000 Euro ab.
  • Die Diabetes-App-Macher Mysugr holten sich Ende Februar 2014 mehr als eine Million Euro vom deutschen Risikokapitalgeber XLHealth und der Investorengruppe Püspök.
  • Im März punktete dann noch das Start-up Ulmon, das sich für seine App „CityMaps2Go“ ein Millionen-Investment von Global Founders Capital, der Risikokapitalfirma der Berliner Samwer-Brüder, sicherte.
  • Spannend ist auch Locca, eines der ersten Hardware-Start-ups im Mobile-Bereich: Das kleine Trackinggerät, mit dem man verlorene Dinge aufspüren kann, schaffte es, in einer Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo fast 80.000 Euro für den Produktionsstart zu sammeln.

Mobile-Start-ups holen Millionen

Maßgeblich am Erfolg dieser und anderer Wiener Start-ups beteiligt sind aber nicht nur ihre enthusiastischen Gründer, sondern auch diese beiden Männer: Hans Hansmann und Oliver Holle. Hansmann, ein ehemals erfolgreicher Geschäftsmann in der Pharmaindustrie, ist Österreichs bekanntester und wahrscheinlich auch beliebtester Business Angel. Ob bei Shpock, Mysugr oder Runtastic – Hansmann ist bei nahezu jedem erfolgreichen Wiener Start-up mit an Bord und hilft nicht nur mit seinem Geld, sondern vor allem mit seinem Business-Know-how und seinen Kontakten zur Old Economy weiter. „Es gibt natürlich den Mobile-Trend, der ein Mega-Trend ist“, sagt Hansmann. „Jeder, der ein Smartphone hat, ist potentieller Nutzer von diesen Apps.“

Oliver Holle, der Chef des wichtigsten Wiener Risikokapitalgebers Speedinvest, hat ebenfalls in einige Mobile-Firmen investiert. Neben Shpock und auf die VoIP spezialisierte Sipwise ist insbesondere Indoo.rs sehr spannend. Deren Gründer Bernd Gruber und Markus Krainz arbeiten an Indoor-Navigation und haben kürzlich einen Mega-Deal an Land gezogen: Sie werden den Flughafen in San Francisco – also den Heimatflughafen der größten IT-Riesen der Welt – mit ihrer Technologie ausstatten und demnächst vielleicht sogar Google-Chefs und Top-Investoren zum richtigen Terminal ­lotsen.

Aller Anfang ist schwer

Holle ist auch derjenige, der mit seinem „Austrian Start-up Report“ jährlich interessante Informationen über die Szene ­veröffentlicht. So erhob Speedinvest für das Jahr 2013 in einer Studie, dass 48 Prozent der österreichischen Start-ups internationale Produkte kreieren wollen, ein Drittel der Start-ups mehr als 500.000 Euro Funding erhalten haben, allerdings 73 Prozent den Wert von Start-ups für die Gesellschaft nicht anerkannt sehen. Die App-Entwickler lassen sich durch schwierige Finanzierungsaussichten und den kleinen österreichischen Markt aber nicht stoppen. Shopikon etwa hat für sieben Städte inklusive Wien, Berlin und New York Apps für Individual-Shopper im Angebot, Senoi hat ein witziges Location-Game, das an eine mobile Variante von Zelda erinnert, auf den Markt gebracht, und Xseed ist angetreten, die österreichische Version von Foursquare zu etablieren.

Vorbilder für den internationalen Erfolg müssen diese Jungfirmen nicht im Ausland suchen. Das auf Mobile Advertising spezialisierte Start-up Mobfox etwa hat bereits Büros in London aufgemacht, genauso wie Qriously, das sich auf mobile Marktforschung fokussiert hat. Ebenfalls über die Landesgrenzen hinweg bekannt ist Tripwolf, das Reise-Apps zu den wichtigsten Destinationen auf dem Globus verkauft und mehr als fünf Millionen Downloads vorweisen kann.

Wichtige Brutstätte für Start-ups ist übrigens der Coworking Space Sektor5 im fünften Wiener Bezirk, hier feilten etwa Qriously oder Mysugr an ihren Apps. Nicht weit entfernt, im vierten Bezirk, liegt das Frequentis-Gründerzentrum, in dem die namensgebende Funktechnologiefirma heimischen Start-ups wie Indoo.rs günstige Bürofläche und Infrastruktur zur Verfügung stellt. Gleich ums Eck vom Sektor5 findet sich außerdem die Inkubator-Bude von i5invest, wo in einem schicken Großraum-Loft Start-ups am laufenden Band produziert werden, darunter etwa die App-Agentur all about apps. Diese hat bereits nach München expandiert und Kunden wie Porsche, Haribo oder Red Bull mit mobilen Lösungen versorgt.

Denn wie die Coworking Spaces gehören auch Agenturen zum Ökosystem. Neben All About Apps sind das in erster Linie Nous Guide und Tailored Apps. Erstere haben sich mit Apps für Museen international einen Namen gemacht und etwa auch für Mercedes entwickelt, letztere sind auf Medien-Apps spezialisiert – weswegen sich der wichtige österreichische Medienkonzern Styria als strategischer Partner bei Tailored Apps beteiligte.

Erfolgreich außerhalb Wiens

Was stolze Wiener ein wenig wurmen dürfte: Einige der erfolgreichsten österreichischen Mobile-Start-ups sind nicht in der österreichischen Hauptstadt ansässig:

  • Da ist zuallererst Runtastic, deren Fitness-Apps bis dato mehr als 70 Millionen Mal geladen wurden: Die Firma mit mehr als 80 Mitarbeitern sitzt nach wie vor im kleinen oberösterreichischen Pasching nahe Linz.
  • Auch der Tierortungsdienst Tractive, der kleine Funksender für Vierbeiner verkauft, ist in Oberösterreich ansässig.
  • In Salzburg fühlt sich das auf Augmented Reality spezialisierte Unternehmen Wikitude nach wie vor zu Hause.
  • Im steirischen Graz produziert Sonico Mobile einen weltweiten App-Hit (z.B. iTranslate, iTranslate Voice) nach dem anderen.

Klar ist den Start-ups in den Bundesländern aber auch: Ohne gute Kontakte zur Investoren- und Medienszene in der Hauptstadt geht es nicht – oder zumindest ist es dann um einiges schwerer. 

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

Mehr zu mobilen und digitalen Themen - nicht nur aus Österreich - finden sich beim Autoren dieses Artikels, Jakob Steinschaden.

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