Wettbewerb steigt, Preise fallen

App-Markt birgt viele faule Eier

Auf dem Markt der App-Entwicklung gibt es auch „viele faule Eier“, warnt Dirk Wieczorek, Geschäftsführer der Atino GmbH. Man sollte sich hier gut über die Qualitäten und Möglichkeiten informieren.

Dirk Wieczorek, Atino

„Durch die Wiederverwendung von Source-Code sind viele Entwickler nicht bereit, diesen offenzulegen oder daran Rechte einzuräumen“, weiß Dirk Wieczorek, Geschäftsführer der Atino GmbH.

Herr Wieczorek, inwieweit haben Unternehmen erkannt, dass sie das eigene Geschäft mit mobilen Applikationen unterstützen können?
Dirk Wieczorek:
Man muss leider sagen: erst in Ansätzen. Wir stehen hier noch ganz am Anfang des Möglichen. Viele Unternehmen rufen uns an und wünschen sich ein Beratungsgespräch. Dabei kommt heraus, dass zwar im Management das Gefühl vorhanden ist, Apps irgendwie im Betrieb nutzen zu müssen, aber noch Ratlosigkeit vorherrscht, wie genau das gehen könnte. Da kommen dann wir ins Spiel und entwickeln zunächst im Workshop erste Ideen und Ansätze.

Welche Branchen sind hier (was den Einsatz von Mobile-Apps anbelangt) eher noch zurückhaltend – und warum?
Wieczorek:
Grundsätzlich muss man unterscheiden, ob Apps für die interne Kommunikation und Mitarbeitersteuerung genutzt werden oder aber in Richtung Endkunden. In Richtung Endkunden tut sich derzeit sehr viel: Neue Geräte wie Zahnbürsten, Kaffeemaschinen und sogar Kleidung werden nun mit einer App aufgewertet. Zurückhaltender ist derzeit der B2B-Bereich. In der Industrie herrschen Standardproduktions- und Kommunikationsprozesse. Da ist man eher unflexibel und ein Return of Invest lässt sich schwerer greifen als im Marketing, wo man dies aus der klassischen Werbung bereits gewohnt ist. Das ist sehr schade, weil gerade im B2B-Bereich und in der internen Kommunikation riesige Potentiale liegen.

Wie gestaltet sich der derzeitige Anspruch der Business-Anwender hinsichtlich ihrer genutzten Apps? Was ist ihnen besonders wichtig?
Wieczorek:
Der Anspruch von Business-Anwendern hat sich in den letzten Jahren nicht grundlegend geändert. Aber die Akzeptanz im Business-Bereich ist generell gestiegen. Apps müssen nach wie vor: 1. intuitiv bedienbar sein, 2. funktionieren, 3. sicher sein und 4. einen Nutzen bringen. Wenn sie dann auch noch Spaß in der Bedienung machen, ist das wunderbar. Die Herausforderung im Business-Bereich ist dabei vor allem die Integration in bestehende Systeme, wie beispielsweise SAP, Dynamics oder Salesforce und die vorhandenen Arbeitsprozesse.

Welche Ziele streben die App-Entwickler demnach anno 2016 hauptsächlich an?
Wieczorek:
Die App-Branche ist noch sehr jung. Gleichzeitig schreitet die Entwicklung der Geräte und Software in einer bisher nie dagewesenen Geschwindigkeit voran. Unternehmen, die Apps entwickeln, müssen derzeit viel Aufwand in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter stecken. Jede zweite Stunde bei uns ist Weiterbildung. Gleichzeitig gilt es, neue Wege zu finden, bei dieser Geschwindigkeit die Qualität des Ergebnisses zu gewährleisten. 2016 ist das Jahr, in dem wir in dieser Branche automatisierte Build- und Deployment-Prozesse vorantreiben und perfektionieren müssen.

Und welcher Trend ist hinsichtlich Programmiersprache oder App-Typ (native, hybrid...) erkennbar?
Wieczorek:
Der Hype um die Web-Apps geht eindeutig zu Ende. Insbesondere die Maßnahmen von Apple, solche Apps, die quasi ein Lesezeichen im Browser darstellen, nicht mehr zuzulassen, zeigt hier Wirkung. Apps sind heute immer Mischformen, da sie besonders im Business-Bereich Informationen transportieren müssen. Gerade im Hinblick auf die Entwicklungs- und Pflegekosten lässt sich so das beste Preis-Leistungsverhältnis erzielen. Hybride Frameworks, die über alle Betriebssysteme funktionieren, gibt es reichlich und werden sicher in Zukunft auch einen Platz einnehmen. Im Augenblick sind diese in kritischen Anwendungen problematisch und der zumeist beworbene Preisvorteil in der Praxis nicht wirklich gegeben.

Welche Herausforderungen bringen neue Technologien wie Wearables, Datenbrillen & Co. für die App-Entwicklung mit sich?
Wieczorek:
Wearables und Datenbrillen sind letztendlich weitere Arten von Smartphones, auf die sich die Entwickler einstellen müssen. Die Herausforderung hier ist vor allem die Vielfalt. In unserem Zukunftslabor für unsere Mitarbeiter können wir gar nicht alle Geräte anschaffen und aufbauen, die sich im Markt befinden. Hier gilt es, Anwendungen teilweise für konkrete Geräte zu entwickeln.

Wie lassen sich die Kosten bei der App-Entwicklung möglichst geringhalten? Inwieweit müssen dabei ggf. Abstriche gemacht werden?
Wieczorek:
Wir setzen auf modulare Entwicklung und wiederverwendbaren Source-Code. Das hat in erster Linie Vorteile für die Qualität des Ergebnisses und positive Auswirkungen auf die Aufwände. Wir können damit bis zu 70 Prozent der Kosten gegenüber einer kompletten Neuentwicklung einsparen. Im Internet gibt es Portale, die Apps für wenige Euro auf Knopfdruck produzieren. Davon ist dann allerdings für eine ernsthafte Business-App aus vielen Gründen abzuraten.

Welche Rolle spielen an dieser Stelle beispielsweise App-Baukästen bzw. -generatoren sowie auch Programmbibliotheken?
Wieczorek:
Eine ganz wichtige Rolle. Der Wettbewerb bei den App-Entwicklern steigt auch kontinuierlich an und treibt die Preise nach unten. App-Baukästen bzw. -generatoren sind für eine bestimmte Klientel eine geeignete Möglichkeit, günstig an eine App zu kommen. Auch wir bieten deshalb entsprechende Module an, z.B. mit gDirekt für Wohnungsunternehmen. Allerdings gibt es auf dem Markt auch viele faule Eier und man sollte sich hier gut über die Qualität und Möglichkeiten informieren.

Wie sollte sich die Testing-Phase einer neuen App gestalten, um deren Qualität zu sichern?
Wieczorek:
Das Wichtigste ist eigentlich, dass überhaupt getestet wird und auch entsprechendes Budget dafür bereitgestellt wird. Nur zu gerne werden automatisierte Tests aus dem Budget gestrichen, um stattdessen doch noch eine weitere Funktion in der App unterzubringen. Aus unserer Sicht gehört das Testing unverzichtbar in den Entwicklungsprozess und ist ein elementarer Teil qualitativ hochwertiger Software. Unter anderem aus diesem Grund haben wir unsere Prozesse so ausgerichtet, dass bereits die Anforderungsspezifikation für jede neue App gleichzeitig die Basis der automatisierten Tests ist, gegen die wir dann entwickeln. Bei uns ist also die Entwicklungsphase immer auch die Testphase.

Wie sichert sich ein Unternehmen die Code-Rechte an entsprechender App?
Wieczorek:
Das ist ein schwieriges Thema. Durch die Wiederverwendung von Source-Code sind viele Entwickler nicht bereit, diesen offenzulegen oder daran Rechte einzuräumen. Oft stecken viele Jahre Entwicklungszeit und Know-how darin. Hier sollte ein Unternehmen abwägen zwischen Kosten und Nutzen und ggf. bereit sein, für die Rechte auch entsprechend Geld in die Hand zu nehmen.

Welche Faktoren werden die App-Entwicklung Ihrer Meinung nach zukünftig stark beeinflussen?
Wieczorek:
Der nächste große Hype ist das Internet der Dinge. Die Vernetzung von allem geht voran. Das Auto wurde bereits voll ins Netz eingesponnen und als nächstes wird es die Wohnungen und Gebäude erreichen, mit allem, was sich darin befindet. Apps werden immer wichtiger, um all diese Dinge zu bedienen und Information darüber abzurufen. Dabei wird es egal sein, ob sich die App auf einer Brille, einem Smartphone oder einer Uhr befindet.

Bildquelle: Atino

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