Corona-Krise ist Katalysator

Apps ohne Grenzen

Im Interview mit MOBILE BUSINESS wirft Marco Eberlein, General Manager bei Huawei Mobile Services, einen Blick auf die App-Entwicklung in Corona-Zeiten, welche Rolle Technologien wie KI und AR hierbei spielen und wie sein Unternehmen die pandemiebedingten Herausforderungen angeht.

Marco Eberlein, Huawei

Marco Eberlein denkt, dass das Thema „Erlebnis“ im stationären Handel eine zunehmend wichtige Rolle spielen wird.

MOB: Herr Eberlein, lässt sich aus den Entwicklungen im Bereich „Apps“ ableiten, wie die Corona-Pandemie 2020 die Digitalisierung in Deutschland beeinflusst hat?
Marco Eberlein:
Ja, selten spiegelte unser mobiles Leben unseren Alltag und unsere Interessen so sehr wider wie im Jahr 2020. Das betrifft die Arbeitswelt genauso wie unser Freizeitverhalten. Apps in den Bereichen „Business“ und „Bildung“ verzeichneten 2020 weltweit einen enormen Anstieg an Downloads – allen voran Anwendungen zur Organisation von Videokonferenzen wie Zoom Cloud Meetings, Huawei Welink oder Microsoft Teams. Aufgrund des anhaltenden Umdenkens beim Thema „Homeoffice“ und der Reduzierung von Geschäftsreisen ist auch für die nächsten Jahre in diesem Segment eine erhebliche Wachstumsrate zu erwarten, das belegt beispielsweise eine Umfrage der Wirtschaftswoche unter DAX-Konzernen.

In Zeiten von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen sind Video-Chat-Apps aber auch privat zu einem unverzichtbaren Kommunikationsmittel geworden und viele Menschen werden Dienste wie Viber oder Meetime auch in Zukunft verstärkt nutzen. Zudem kamen viele Senioren im Jahr 2020 erstmals in den Genuss von Video-Chat-Apps – hierin liegt eine Chance, die laut Bitkom immer noch verbreitete Skepsis der älteren Generation in puncto Digitalisierung abzubauen. Dann könnten auch Senioren zukünftig mehr Gebrauch von Smartphone-Anwendungen machen, die das Leben vereinfachen – wie z.B. Lieferdienste und Beratungsservices oder auch die digitale Sprechstunde beim Arzt. Auch viele Versicherungen und Behörden beschleunigen nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Pandemie die Umstellung auf digitale Angebote.

Mobile Shopping ist schon seit einigen Jahren im Aufschwung, ein ähnlicher Trend ist für die Bereiche „Fitness“ und „Gesundheit“ zu erwarten: Hier tragen im Zuge der Pandemie neu geschaffene digitale Alternativen dazu bei, langfristig neue Nutzergruppen zu erschließen – wie z.B. berufstätige Eltern oder Menschen mit Handicap.

In den Entertainment-Bereichen Gaming und Video-Streaming ist die Tendenz hin zu mobilen Angeboten ungebremst. Bis Ende 2021 sagen Experten allein für Video-Streaming-Apps in einigen Ländern sogar bis zu 85 Prozent mehr Installationen im Vergleich zu 2019 voraus.

Sieht man sich das Wachstum des Mobilfunk-Traffics an, so wird im Jahr 2021 das Verkehrsvolumen in deutschen Mobilfunknetzen laut jüngsten Untersuchungen auf über acht Milliarden Gigabyte pro Jahr klettern – und das jährliche Datenaufkommen damit zum sechsten Mal in Folge um über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen.

MOB: Welche Rolle spielen Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) oder Augmented Reality (AR) bisher bei mobilen Anwendungen?
Eberlein:
In Bezug auf Künstliche Intelligenz gibt es bereits eine Vielzahl an Apps, die entsprechende Technologien nutzen. KI erkennt wiederkehrende Muster im Verhalten der Anwender und kann ihnen somit passende Vorschläge unterbreiten – sei es im Bereich „Online-Shopping“ oder auch bei Social-Media-Kanälen. Bei Tiktok beispielsweise wird der „Feed“ eines Nutzers vollständig durch Machine Learning erzeugt. Die App wertet dafür u.a. aus, wie lange ein bestimmtes Video angeschaut oder mit welcher Geschwindigkeit es weggewischt wurde. Hinzu kommen die Analyse der Likes, Follows und noch ein wenig Zufall, damit Anwender auch andere als die bevorzugten Videos zu sehen bekommen. So bestimmt jeder App-Nutzer durch Interaktion mit dem Smartphone sein Unterhaltungsprogramm selbst.

Foto-Apps hingegen nutzen diverse KI-basierte Technologien, um optimale Aufnahmen zu erzeugen. Die Möglichkeiten in diesem Bereich sind immens. Darüber hinaus wird schon bei vielen Apps mit Bild- und Spracherkennung gearbeitet – hier ist ebenfalls Künstliche Intelligenz im Spiel. Wie fortgeschritten diese Technologie mittlerweile ist, erkennt man auch daran, dass sich die Gesichtserkennung als hochsicheres biometrisches Authentifizierungsverfahren etabliert hat.

Im Vergleich dazu kommt Augmented Reality noch relativ selten zum Einsatz. Wir sehen hier aber ein enormes Entwicklungspotenzial mit erheblichem Mehrwert für Anbieter und Anwender. AR-Apps vereinen die physische und digitale Welt auf dem Bildschirm und erschaffen eine Umgebung, in der sich beliebige Gegenstände, aber auch der Anwender selbst, in einer digitalen Realität wiederfinden. Das eröffnet unzählige Nutzungsmöglichkeiten.

MOB: Welche neuen Chancen bieten jene Technologien beispielsweise für den E-Commerce wie auch stationären Handel?
Eberlein:
Eines der größten Probleme des E-Commerce ist die Vielzahl an Retouren. Hier können Augmented-Reality-Anwendungen einen erheblichen Mehrwert schaffen, da sie dem Kunden ausgewählte Produkte wirklichkeitsgetreu aus allen möglichen Perspektiven zeigen – und dabei weit über die Möglichkeiten von Fotos hinausgehen. Auch die Passform lässt sich mit Augmented Reality visualisieren. Kunden können sich mithilfe von AR gewünschte Kleidungsstücke und Accessoires an den eigenen Körper „schneidern“ lassen – und sehen z.B. sofort, ob die coole Sonnenbrille zum Gesicht passt oder die angesagten Sneakers am eigenen Fuß eher klobig wirken.

Sehr prominent hat das JD.com vor Augen geführt, neben Alibaba der größte E-Commerce-Anbieter auf dem chinesischen Markt und weltweit das viertgrößte Unternehmen in diesem Sektor. JD.com gelang es, durch den Einsatz von unserer AR-Technologie seine Rücksendungen um 15 Prozent zu reduzieren und gleichzeitig sein Order-Volumen um 19 Prozent zu steigern. Ein Beispiel für den deutschen Markt ist die AR-App „Yourhome“ von Otto. Damit lassen sich mit dem Smartphone beliebige Räume in Echtzeit scannen und virtuelle 3D-Möbel aus dem Angebot des Versandhändlers maßstabsgetreu im eigenen Zuhause platzieren. Anwender können so die gewünschten Einrichtungsgegenstände in ihrer persönlichen Umgebung betrachten – und das aus allen möglichen Perspektiven. Auch der Dienstleistungssektor profitiert von AR-Technologien. Hier möchte ich nur kurz auf die App „Curate“ von Sotheby’s International Realty verweisen. Makler und deren Kunden können sich durch AR-Apps eine Vielzahl ergebnisloser Besichtigungstermine sparen.

Wie aus diesen Beispielen bereits ersichtlich wird, bringt Augmented Reality die Möglichkeit mit sich, Servicequalität und Beratungskompetenzen zu erhöhen. Das gilt aber nicht nur für den E-Commerce, sondern auch für den stationären Handel. So könnten Konsumenten hier durch einfaches Anvisieren eines Objektes mit einem Smartphone oder Tablet-PC erweiterte Inhalte zu ausgewählten Produkten angeboten bekommen – seien es tiefergehende Informationen, Anwendungsbeispiele oder weitere, passende Zusatzprodukte. Desweiteren ergibt sich ein logistischer Vorteil: Der zur Verfügung stehende Platz im stationären Handel ist grundsätzlich limitiert. Wer seinen Kunden nun verschiedene Farb- oder Modellvarianten eines Produkts realitätsgetreu visualisieren kann, muss diese nicht mehr alle vorrätig haben.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Augmented Reality das Kundenerlebnis für beide Formen des Handels angleicht – während der knappe Regalplatz einer stationären Verkaufsfläche mittels AR-Apps um Beratungsmöglichkeiten, Emotionen und Zusatzangebote erweitert werden kann, lassen sich im E-Commerce Produkte hautnah erlebbar machen.

MOB: Mit welchen smarten Konzepten könnten Einzelhändler Kunden vom Sofa wieder in die Geschäfte locken, sobald der aktuelle Lockdown vorbei ist?
Eberlein:
Der Einzelhandel bemüht sich bereits seit einiger Zeit um neue Konzepte, die Corona-Krise wirkt hier nochmal als Katalysator. Ich denke, das Thema „Erlebnis“ wird im stationären Handel eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Ob das Sportgeschäfte mit Kletterwand, Regenkammer oder professioneller Laufanalyse sind oder Boutiquen und Buchläden mit eingehender persönlicher (Stil-)Beratung oder angegliedertem Café – Verkaufsflächen werden zu Erlebniszentren umgestaltet, welche die Verweildauer potenzieller Kunden erheblich erhöhen. Ähnliches lässt sich wie bereits erwähnt auch mithilfe von Zukunftstechnologien bewirken.

Ich sehe hier eine große Chance für den stationären Handel, an dessen Relevanz wir auch als Anbieter digitaler Technologien glauben. Nicht umsonst eröffnen wir gerade Flagship-Stores in vielen Städten Europas, wie demnächst in Berlin. Dort sollen unsere Kunden in Szenarien eines nahtlos vernetzten Lebens eintauchen und die vielfältigen Möglichkeiten von Zukunftstechnologien unmittelbar erleben können.

MOB: Welche Bedeutung schreiben Sie dem Mobile Shopping für das Jahr 2021 zu?
Eberlein:
Die Bedeutung von Mobile Shopping ist in den letzten Jahren weltweit kontinuierlich gestiegen, mit einem deutlichen Peak im letzten Jahr. So überstiegen in den USA die mobilen Einkäufe während der ersten Lockdowns sogar das traditionelle Weihnachtsgeschäft – ein Anstieg, der laut des App-Analyse-Experten App Annie normalerweise vier bis sechs Jahre gedauert hätte. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend auch im Jahr 2021 fortsetzt, aufgrund einer Vielzahl von Faktoren: Derzeit ist ein schnelles Ende der Pandemie noch nicht absehbar, weshalb der stationäre Handel für Konsumenten nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Doch auch ohne die Corona-Pandemie muss man langfristig von einem Bedeutungsverlust des stationären Handels ausgehen – Verbraucher haben sich an die Auswahl und den Komfort von Online und Mobile Shopping gewohnt. Hinzu kommt, dass nun auch immer mehr in die (Weiter-)Entwicklung von Shopping-Apps investiert wird und die Marketingbudgets eine Umschichtung erfahren.

MOB: Worauf sollten Marketer bei der Entwicklung entsprechender Apps grundsätzlich ihren Fokus legen?
Eberlein:
Mithilfe von Apps können Marken ihre Kunden direkt ansprechen. Hierin liegen Chancen, die vom E-Commerce nicht immer genutzt werden. Je emotionaler das Auswahl- und Einkaufserlebnis, desto höher die Kundenbindung – was für den stationären Handel gilt, sollten auch Marketer und App-Entwickler berücksichtigen. So zeigte sich in online-affinen Märkten wie den USA, dem Vereinigten Königreich, China und Indien nach den Analysen von Apptopia zuletzt eine verstärkte Bereitschaft, neue Anbieter zu testen – was mit dem Wunsch nach mehr Individualität und Emotionalität zusammenhängen könnte.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Auch wenn uns hier keine Zahlen für Deutschland vorliegen, lassen sich diese meiner Erfahrung nach mit etwas Verzögerung übertragen. Gerade die Generation Z bewegt sich weg von Schwergewichten wie Amazon und Co. Jüngere E-Commerce-Akteure bekommen dadurch die Chance, sich im Wettbewerb zu behaupten. Dabei sind neue Konzepte gefragt, um in der Masse der Online-Angebote nicht unterzugehen. Hier entstehen durch Technologien wie Augmented Reality oder Künstliche Intelligenz ganz neue Möglichkeiten. Gleichzeitig verfügen Marketer aber nicht über unbegrenzte Budgets – daher sind möglichst einfache Out-of-the-Box-Lösungen für Entwickler gefragt, um schnell und effizient agieren zu können.

MOB: Welchen Einfluss wird 5G auf die zukünftige App-Entwicklung ausüben?
Eberlein:
Kurz gesagt wird der Ausbau von 5G dazu beitragen, die Möglichkeiten zukunftsweisender Technologien voll auszuschöpfen und die bisherigen Grenzen von Apps immer weiter auszudehnen. Mit 5G spielen Limitierungen wie Latenzzeiten und schwache Verbindungsstabilität keine Rolle mehr – was das Anwendungserlebnis erheblich bereichert und den Mehrwert für Anwender um ein Vielfaches erhöht.

MOB: Welche Themen stehen für die Huawei Mobile Services anno 2021 ganz oben auf der Agenda?
Eberlein:
Wir arbeiten mit höchstem Einsatz am stetigen Ausbau unserer Angebote für Entwickler und Anwender. Insbesondere auch für Europa und den deutschen Markt. Die Appgallery hat sich innerhalb kürzester Zeit zum derzeit drittgrößten Appstore der Welt entwickelt – und wir sind sehr zuversichtlich, dass wir unsere Bedeutung stetig weiter ausbauen können.

MOB: Welche Herausforderungen sehen Sie dabei mit Blick auf die weiter anhaltende Pandemie auf sich zukommen?
Eberlein:
Wir konnten während der ersten Phase der Pandemie eine stabile Infrastruktur und Logistik etablieren und sind für neue Herausforderungen sehr gut aufgestellt. Im Bereich der Huawei Mobile Services, wo wir mit Entwicklern aus der ganzen Welt zusammenarbeiten, läuft das meiste ohnehin über Online-Tools. Über ein eigenes Webportal, Webinare und Servicechats bekommen Entwickler von uns umfangreiche Service- und Marketingunterstützung an die Hand. Hinzu kommt, dass unser Bereich stark von der Nachfrage nach digitalen, mobilen Angeboten profitiert – und gleichzeitig tragen Apps wie Meetime im Zusammenspiel mit unserer Technologie auch dazu bei, erschwerte Entwicklungsbedingungen zu umschiffen und zu meistern.

Marco Eberlein ...

... ist General Manager bei Huawei Mobile Services (HMS) in Deutschland und zeigt sich mitverantwortlich für das Wachstum des Huawei-Ecosystems. Aufgrund langjähriger Erfahrung in der Technologiebranche mit Stationen u.a. bei Microsoft, Nokia und Amazon kann er Trends und Entwicklungen gut einschätzen und kommentieren.


Bildquelle: Huawei

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