Mythos „letzte Meile"

Auf den letzten Metern...

Autonomes Fahren, Platooning oder hochmoderne Riesencontainerschiffe – dies sind nur einige der Ansätze, an denen Logistiker mit Hochdruck forschen, um den Gütertransport effizienter und vor allem schneller zu machen. Zwar können diese Technologien helfen, den Großteil des Lieferweges zu bewältigen, doch damit hat die Ware noch nicht den Weg zum Kunden gefunden. Was ist also dran am alten Credo „die letzte Meile ist die längste“?

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    Erhöhte Spritpreise, verschärfte Umweltgesetze, wachsendes Verkehrschaos in den Innenstädten und der anhaltende E-Commerce-Boom setzen die Lieferbranche unter Zugzwang – gefragt sind moderne , effiziente und umweltfreundliche Lösungen. ((Bild: Gettyimages/iStock))

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    Felix Wiegand, CEO des Logistik-Start-ups Pamyra fordert: „Es müssen dringend Lösungen geschaffen werden, die den Versprechen der Online-Shops standhalten und dabei nachhaltig Mensch und Umwelt schonen." ((Bild: Pamyra))

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    „Elektromobilität in den Innenstädten wird immer wichtiger, auch bei uns in der Zustellung", stellt Thomas Schneider von der Deutschen Post AG fest. ((Bild: DPDHL))

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    „Ungefähr 50 Prozent der gesamten Transportkosten entfallen auf die letzte Meile", sagt Prof. Dr. Bernd Noche. ((Bild: Uni Duisburg-Essen))

Zunächst sollte jedoch geklärt werden, was überhaupt die vielzitierte und oft gefürchtete „letzte Meile“ ist und was sie so anspruchsvoll für die Logistik macht. „Die letzte Meile ist der Transport von Paketen vom Umschlagplatz zum Kunden“, erklärt Professor Dr. Bernd Noche, der an der Uni Duisburg-Essen den Fachbereich Technische Logistik leitet. Als Gründe dafür, dass die letzten Meter bei der Zustellung an den Endkunden oftmals so schwierig sind, benennt er verschiedene Faktoren: zum einen die Tatsache, dass zumeist von einem zentralen Punkt aus verteilt werden muss und daraus mitunter lange Touren resultieren. Zum anderen sei auch die Parkplatzsuche in der Innenstadt, die man schon im privaten Bereich als überaus lästig empfindet, für professionelle Zusteller ein echtes Hindernis.

Eine Art Benchmark ist in diesem Zusammenhang der sogenannte „Drop-Faktor“. Er gebe an, wie viele Pakete pro Haltepunkt abgegeben werden, erklärt Noche. Ist er sehr niedrig, bedeutet das, dass z.B. Stopps eingelegt wurden, obwohl keine Zustellung erfolgt ist, etwa weil der Kunde nicht anzutreffen war. Da die logische Konsequenz daraus eine Verteuerung der Auslieferung ist, versuchen die Dienstleister, diesen Faktor zu erhöhen, indem sie die klassischen kleinteiligen Auslieferungen gering halten und die Möglichkeit anbieten, Ware an Paketstationen auszuliefern, so der Logistikexperte.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Der Kunde als König


Eine Herausforderung, die in den letzten Jahre die Problematik verschärft hat, ist der Online-Handel. Nicht nur wird heute wesentlich mehr bestellt, als es noch zu Bestellkatalogzeiten der Fall war: Um sich von der wachsenden  Konkurrenz abzuheben, locken gerade im Internet Händler potentielle Kunden mit geradezu „unverschämt“ günstigen Lieferkonditionen (böse Zungen beklagen gar ein „Lieferdumping“) – und werben ganz offensiv damit. Doch dieser Trend setzt die Logistikbranche unter Druck, denn Wunschtermine zu dauerhaft niedrigen Preisen anzubieten, ist für die Dienstleister aufwändig und teuer. Einer aktuellen DHL-Studie zufolge wünschen sich dennoch 78 Prozent der Endkunden flexible Lieferoptionen und entsprechende Angebote bereits während des Bestellprozesses. Felix Wiegand, CEO des Logistik-Start-ups Pamyra, stellt fest: „Die Konsumenten haben beim Online-Kauf nicht nur hohe Anspüche an das Produkt, sondern auch an den Transport.“ Ihm zufolge liege der Anteil der Haushalte, die online bestellen, inzwischen bei 98 Prozent. Dass die Online-Händler Kunden weiterhin extrem günstige Lieferkonditionen anbieten müssen, ist, so Thomas Schneider, angesichts des wachsenden Einflusses dieses Wirtschaftsbereichs nachvollziehbar. Der Produktionschef Post und Paket Deutschland bei der Deutschen Post AG erklärt die daraus resultierenden Herausforderungen für die Logistik, die ständig ihre Netzwerke und Services anpassen müssen. Die großen Investitionen, die dazu nötig seien – in Personal, Betriebsmittel und neue Standorte –, seien zuletzt z.B. durch eine Anpassung der Geschäftskundenpreise aufgefangen worden.

Wiegand dagegen sieht den Trend zu immer günstigeren Auslieferungen kritisch: „Der Trend wurde in den letzten Jahren auf der Suche nach Wettbewerbsvorteilen von den Shops selbst gesetzt. Mit den derzeitigen Möglichkeiten der KEP-Dienstleister (Kurier-Paket-Express) ist dies nicht zu bewältigen und geht oft zu Lasten der Mitarbeiter und der Umwelt.“ Skeptisch merkt er an, dass sich in Zukunft wohl weder die Sendungspolitik der Anbieter noch die Ansprüche der Kunden ändern werden. Daher, findet er, müssten dringend Lösungen gefunden werden, die den Versprechen der Online-Shops standhalten und dabei nachhaltig Mensch und Umwelt schonen.

Der Online-Boom und seine Folgen


Nicht abzustreiten ist hingegen, dass der Online-Handel auch ein wichtiges wirtschaftliches  Zugpferd ist. Dementsprechend stellt Thomas Schneider klar: „Der boomende Online-Handel ist und bleibt der Wachstumstreiber Nummer eins für unser deutsches Paketgeschäft – hier sehen wir weiterhin enormes Potential für künftiges profitables Wachstum.“ Das Unternehmen habe sich für die Zukunft gerüstet und mehr als 750 Mio. Euro in die Erweiterung des Paketnetzes investiert. Dazu zählen auch neue „Mega-Paketzentren“ oder mechanisierte Zustellbasen. Man gehe davon aus, dass sich die Paketvolumina weiter um fünf bis sieben Prozent erhöhen werden, so Schneider.

Dennoch wird in diesem Zusammenhang das Verkehrsaufkommen weiter steigen, da z.B. durch Expresslieferungen mehrmals am Tag dieselbe Tour gefahren werden müsse, so Noche. Felix Wiegand bemängelt, dass es hier an Infrastruktur mangele, um dem E-Commerce-Ansturm gerecht werden zu können. Auch auf die steigende Verkehrsbelastung durch Zustelldienste und den wirtschaftlichen Schaden, der durch die Nicht-Annahme bestellter Päckchen entsteht, macht er aufmerksam: „Die durch Zustellfahrzeuge verursachte Verkehrslast macht mittlerweile bis zu 30 Prozent des Verkehrs innerhalb der Städte aus. Damit gehen entsprechende Umweltbelastungen einher. Durch Nichtanwesenheit der Empfänger bei der Zustellung beträgt die Retourenquote noch einmal fast 30 Prozent.“

Ein weiterer Punkt, der oft vergessen wird: „Die Steigerung der Transporte geht über das reine Mengenwachstum hinaus. Auch die Angewohnheit der Kunden, mehrere Artikel zu bestellen und dann nur einen auszuwählen, um dann den Rest zurückzuschicken, verschärft die Situation“, sagt der Wissenschaftler Noche.

Diesel-Fahrverbote und E-Mobility


Natürlich ist vor allem die Logistikbranche, insbesondere KEP-Unternehmen, von dem drohenden Diesel-Fahrverbot in den Innenstädten betroffen. Und obwohl sich die Experten mehrheitlich dafür einsetzen, langfristig vor allem nachhaltige Technologien zu verwenden, gibt es doch bei der Umsetzung der geplanten Verbotszonen einige Bedenken. So warnt Felix Wiegand davor, dass vor allem kleinere und mittlere KEP-Dienste und Speditionen kaum die Investitionen werden stemmen können, die sie bräuchten, um ihre Fahrzeuge auf alternative Antriebstechnologien umzurüsten. Und Thomas Schneider, der ebenfalls eine Reduktion logistikbezogener Emissionen befürwortet, warnt davor, bei den konkreten Maßnahmen auch die Machbarkeit im Blick zu behalten, und sieht auch bei Politik und Gesetzgebung die Verantwortung, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Auch, wie er hinzufügt, übernehme gerade die Deutsche Post als postalischer Universaldienst eine wesentliche Aufgabe der Daseinsvorsorge, die sich aus dem Grundgesetz ergebe. „Die Postzustellung fällt unserer Ansicht nach unter ‚Anliegerverkehr‘“, stellt er klar.

Auch Professor Noche hält gesetzliche Ausnahmeregelungen für möglich, wenn es um die Zustellung geht. Und obwohl der Umstieg auf E-Fahrzeuge teuer sei, gebe es z.B. Fördermittel oder Steuervorteile, die die Mehrkosten senken könnten. Auch kann er sich ein weiteres Szenario vorstellen: „Durch höhere Transportkosten könnte der Konsument motiviert werden, auf kürzere Lieferzeiten zu verzichten, um damit die höheren Transportkosten, zumindest teilweise, zu kompensieren.“ Am Ende könnte dann der Wettbewerbsdruck unter den KEP-Diensten steigen und einen Konzentrationsprozess auslösen, an dessen Ende die übrigen Markteilnehmer die Preise festlegen. Ob die Bestellplattformen die höheren Preise an ihre Kunden weitergeben, oder mit den Auslieferern nachverhandeln, bleibe abzuwarten.

Alle der befragten Experten sehen – einzelner Kritikpunkte zum Trotz – in dem drohenden Fahrverbot auch einen möglichen Katalysator für E-Mobilität. „Derartige Veränderungen der Rechtslage sind Treiber für Innovationen“, befindet Wiegand. Er fordert die Politik allerdings auch auf, „zügig die rechtliche Basis für die kommerzielle Nutzung der entstehenden Innovationen“ bereitzustellen. Bei eigentlich greifbaren Lösungen wie etwa der Zustellung via Drohne seien die Herausforderungen weniger technischer, als eher regulatorischer Natur, bemängelt er. Bernd Noche betont, dass derzeit ohnehin die Gesellschaft die anfallenden Kosten zu tragen habe – in Form von hoher Umweltbelastung. Die daraus resultierenden Kosten könnten durch das Fahrverbot internalisiert und zu Prozesskosten umgewandelt werden. Und: „Für die Lieferunternehmen bietet sich die Möglichkeit, ihre Strecken zu optimieren und Imagepflege zu betreiben“, sagt er.

Die Zustellung von morgen


Außer Frage steht, dass sich die Logistikbranche in einem Umbruch befindet, der von politischen, gesellschaftlichen aber digitalen Faktoren beeinflusst wird. Doch wie wird die Zustellung der Zukunft aussehen? Die Experten sind sich einig, dass in Zukunft die Drohnentechnologie eine wichtige Rolle spielen wird. Während DHL mit dem Paketkopter bereits erste Erfahrungen gesammelt hat, planen auch andere Unternehmen in Zukunft Drohnen einzusetzen – allerdings ist diese Zukunft noch nicht allzu nah. Noche führt an, dass sie derzeit noch zu empfindlich für Witterung seien, nur begrenzte Gewichte transportieren können und auf Batterien angewiesen sind, die ihre Reichweite einschränken. Für ihn stehen u.a. die Automatisierungstechnik, der gesellschaftliche Wertewandel hinsichtlich Nachhaltigkeit, die sich verändernde Altersstruktur der Gesellschaft und die Digitalisierung im Zentrum des Wandels. Für Felix Wiegand sind hingegen Amazons fliegendes Warenhaus und die visionären Zustellfahrzeuge Ansätze, die die Zustellung per Drohne in greifbare Nähe rücken. Und auch die Versuche, die Hermes, DPD und DHL aktuell mit Lastenrädern machen, finden seine Zustimmung.

Gefragt nach denjenigen Technologien, die das meiste Potential bergen, die „letzte Meile“ zu verkürzen, nennt der Pamyra-CEO drei Punkte: Same Day Delivery in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, 3D-Druck von Alltagsgegenständen und eine allgemeine Sharing-Mentalität, bei der Nachbarn Haushaltsgegenstände oder Nahrung miteinander teilen.

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