Die Entdeckung der Langsamkeit

Ausgeglichene Work-Life-Balance

In einer Zeit, in der dank der Nutzung mobiler Technologien aktuelle Nachrichten permanent im Display auflaufen, man rund um die Uhr zig Kommunikationskanäle beherrschen muss und das Device gar als Wecker auf dem Nachttisch deponiert, wird es zunehmend wichtiger, zwischendurch einmal abzuschalten. Entschleunigung ist daher angesagt – und dies am besten in Verbindung mit einer dauerhaft ausgeglichenen Work-Life-Balance.

In Zeiten, in denen mobile Endgeräte im Dauereinsatz sind, ist Entschleunigung angesagt.

Egal ob von ITK-Anbietern, Verbänden oder Medien – immer wieder werden die Vorteile mobiler Endgeräte wie Smartphones und ­Tablets hervorgehoben. Im Fokus steht dabei insbesondere das orts- und zeitunabhängige Arbeiten, gerne auch mit dem Begriff „always on“ in Verbindung gebracht. Denn auf diese Weise kann jeder Mitarbeiter von unterwegs Mails checken, Termine koordinieren und Einblick in Firmendaten nehmen, um anstehende Besprechungen oder Kundentermine vorzubereiten. Von den Möglichkeiten des mobilen Zugriffs auf soziale Netzwerke ganz zu schweigen: Schnell kann ein Tweet abgesetzt, ein Kontakt in Xing bestätigt oder ein Kommentar via Facebook gepostet werden.

Inwiefern mobile Endgeräte und Internet-Technologien den Arbeitsplatz der Zukunft beeinflussen werden, skizzierte MOBILE BUSINESS zuletzt in dem Beitrag "Arbeiten 4.0 begeistert „Digital Natives". Während dabei vor allem organisatorische Aspekte – wie die Ausgestaltung von Arbeitszeitmodellen und entsprechende Betriebsvereinbarungen – im Vordergrund standen, geht es nun darum, das Arbeits- und Privatleben in Einklang zu bringen. Mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ wird auch hier wie sooft ein Anglizismus bemüht.

Mehr Zeit für die Familie

Gearbeitet wurde schon immer und freie Zeit gab es demzufolge ebenfalls. Diese war allerdings in früheren Jahrhunderten – in der Agrargesellschaft oder im Industriezeitalter – deutlich knapper bemessen als heute. Von einer Vierzig-Stunden-Woche hätte damals wohl kaum jemand zu träumen gewagt. Jammert die heutige Dienstleistungsgesellschaft mit ihren sogenannten „Wissensarbeitern“ daher auf hohem Niveau, wenn es ums Arbeits-pensum geht? Oder steigt der Leistungsdruck tatsächlich so weit an, dass Mitarbeiter vor Überlastung nur so ächzen?

Beide Sichtweisen scheinen ihre Berechtigung zu haben. Laut der Umfrage „Freizeitmonitor 2015“ haben 23 Prozent der Deutschen täglich mehr als sechs Stunden Freizeit, 17 Prozent zwischen 4,5 und sechs Stunden sowie 38 Prozent immerhin noch zwischen 2,5 bis vier Stunden. Demnach bleibt genug Zeit, um sich Aktivitäten wie Sport, Kultur oder anderen Hobbys zu widmen. Gründe für dieses Mehr an Freizeit liegen u.a. in der Verbreitung der 37,5-Stunden-Woche und verschiedenen Modellen der Teilzeitarbeit. Dabei betonen die Befürworter flexibler Arbeitszeitmodelle, dass die Nutzung von IT und mobilen Endgeräten die Brücke zwischen privatem und beruflichem Alltag schlagen können, was insbesondere berufstägigen Eltern in die Karten spiele. Denn sie können auf diese Weise wichtige geschäftliche Korrespondenz zwischendurch auf dem Spielplatz oder während des Fußballtrainings der D-Jugend erledigen.

Hinzu kommt die Einführung von Vertrauensarbeitszeit in vielen Unternehmen. Dabei verheißt der Abschied von Stechuhr und sklavischen Arbeitszeiten auf den ersten Blick viel Gutes, kann sich doch jeder Mitarbieter seine Arbeitszeit so einteilen, wie es ihm gefällt. Auf den zweiten Blick allerdings arbeiten die meisten Mitarbeiter nicht weniger, sondern tendenziell eher mehr als zuvor. Denn in Zeiten ständiger Erreich- und Verfügbarkeit sinkt die Toleranzschwelle hinsichtlich der Reaktionszeit auf berufliche Mails oder Mailbox-Nachrichten. So werden Nachrichten nicht selten nach Feierabend in der Halbzeitpause von Champions-League-Spielen oder Theateraufführungen beantwortet.

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Eine Entwicklung, die wohl die meisten entweder am eigenen Leib oder im Freundes- und Familienkreis zu spüren bekommen. Dabei vermischt sich eigentlich „freie“ Zeit immer mehr mit geschäftlichen Aktivitäten. An einem Sonntagmorgen zu arbeiten, ist für viele Arbeitnehmer mittlerweile genauso selbstverständlich wie um 23 Uhr noch einen „Call“ mit den US-Kollegen aufzusetzen.

Selbst im Urlaub kann so mancher nicht von der Arbeit lassen. Laut einer vergangenen Juli veröffentlichten Studie des Hightech-Verbandes Bitkom beantworten sieben von zehn Beschäftigten (72 Prozent) in ihren Ferien dienstliche Anrufe, E-Mails oder Kurznachrichten wie SMS, Whatsapp-Nachrichten oder iMessages. Anrufe nehmen zwei Drittel (66 Prozent) entgegen, auf Kurznachrichten reagieren 58 Prozent und E-Mails lesen bzw. beantworten 48 Prozent. „In den Ferien erreichbar zu sein, zeigt die hohe Identifikation vieler Beschäftigten mit ihrem Unternehmen, ihrem Team oder ihren Aufgaben“, erklärt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Im Urlaub muss man aber auch einmal vollständig abschalten können. Die Verantwortlichen sollten gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Regeln entwickeln, wie der Erholungsbedarf der Kollegen und die Leistungsfähigkeit der Organisation in ein gutes Gleichgewicht gebracht werden kann.“

Der mobile „Burnout“

Ein berufliches Telefonat nach Feierabend und die eine oder andere Überstunde werden Arbeitnehmern wohl kaum auf lange Sicht schaden. Gefährlich könnte es jedoch werden, wenn Abschalten überhaupt nicht mehr möglich wird, wie die Studie von Ibi Research an der Universität Regensburg („Digital 2014“) zeigt. Im Rahmen der Erhebung gaben die Befragten an, dass die „stärksten Auswirkungen“ der Digitalität am Arbeitsplatz festzustellen sind. Die „ständige Erreichbarkeit – bedingt durch einen erhöhten Stressfaktor und weniger Freizeit“ bewirke negative Auswirkungen auf Gesundheit und Privatleben, so eines der Ergebnisse der Umfrage. Mehr als ein Viertel der Befragten nutzt täglich soziale Medien – auch beruflich. Das vermindere, neben positiven Networking-Effekten merklich die Konzentrationsfähigkeit.

Verminderte Leistungsfähigkeit scheint jedoch noch das kleinere Übel zu sein. Vielmehr kann dauerhaft starker Stress zu psychischen Erkrankungen führen. So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO beruflichen Stress mit zu den „größten Gefahren des 21. Jahrhunderts“ erklärt. Vor diesem Hintergrund hat die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) festgestellt, dass 12,5 Prozent aller Krankheitsausfälle mittlerweile auf psychische Erkrankungen zurückgehen. Damit sei die Zahl der betrieblichen Fehltage aufgrund von Burnout seit 2004 um fast 1.400 Prozent gestiegen, wobei Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen in Deutschland nunmehr Platz 2 bei den Krankschreibungen einnehmen. Zu den gängigen psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zählen laut der Bonner Wirtschaftsakademie (BWA) u.a. Arbeitsfaktoren wie wechselnde oder lange Arbeitszeiten, umfangreiche Überstunden, unzureichendes Pausenregime oder Arbeit auf Abruf. Auch Zeitdruck, hohe Arbeitsintensität sowie häufige Störungen und Unterbrechungen können den Arbeitnehmer stark belasten.

Handy-Daumen und Phantomvibrieren

Die ständige Verfügbarkeit per Mobiltechnologien kann allerdings nicht nur seelische, sondern auch körperliche Folgen nach sich ziehen. Da sich Smartphones und Tablets erst in den letzten Jahren massiv verbreitet haben (das iPhone kam 2007, das iPad 2010 auf den Markt), existieren bislang noch keine Langzeitstudien zu den Auswirkungen exzessiver Mobilfunkstrahlung. Hinsichtlich anderer physischer Auswirkungen gibt es jedoch erste Forschungsergebnisse. Ein bekanntes Beispiel ist der sogenannte „Handy-Daumen“. Denn beim Tippen, Spielen oder Wischen führt der Daumen häufige und schnelle Bewegungen aus, die schlimmstenfalls in chronische Krankheiten wie Arthrose münden können. Überdies kann sich bei denjenigen, die stundenlang am Laptop oder über das Tablet gebeugt sitzen, der Nacken verspannen. Vor diesem Hintergrund haben Informatiker von der Universität des Saarlandes ein Verfahren entwickelt, das naturgetreu simuliert, welche Muskeln und Gelenke bei der Nutzung von IT-Geräten besonders beansprucht werden. Dafür erfassen die Forscher die Bewegungen von Probanden mit Kameras und übertragen sie auf ein Modell des menschlichen Körpers. Dieses Verfahren könnte bei der künftigen Entwicklung von IT-Geräten interessant sein und sich daher vor allem für Produktdesigner und Arbeitsmediziner eignen. Eine andere Option, um starre, stetig wiederkehrende Bewegungen und Haltungspositionen zu vermeiden, wäre die Nutzung von Sprach-, Gesten- oder Augensteuerung. Apropos Augen. Auch die Sehorgane haben es im Digitalzeitalter nicht leicht. „Beim natürlichen Sehen sind die Augen permanent in Bewegung, stellen sich auf verschiedene Lichtverhältnisse ein, wechseln den Fokus von fern auf nah und zurück“, heißt es seitens des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen (ZVA). Dagegen sei das Sehen am Display geprägt von minimalen Blicksprüngen, unnatürlichem Licht und einer konstanten Entfernung. Vor allem letzteres bedeutet für die Augen eine Dauerbelastung: Sie müssen akkommodieren, also die optische Brechkraft ihrer Linsen erhöhen, und konvergieren, also die Augen zur Nasenspitze hin nach innen stellen, um das Display zu fixieren. Aus dieser Beanspruchung können Beschwerden entstehen, die von Experten als Computer Vision Syndrome (CVS) zusammengefasst werden. Hierunter fallen trockene Augen, unscharfe Sicht, Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen. Nicht zuletzt zeigen sich körperliche Auswirkungen auch beim sogenannten „Phantomvibrieren“: Mehr als zwei Drittel der Befragten der Ibi-Research-Umfrage glauben gelegentlich, dass das Mobiltelefon klingelt oder vibriert, obwohl sie weder einen Anruf noch eine Nachricht erhalten haben.

Da mobile Endgeräte und Apps sowohl physisch als auch psychisch vereinnahmen können, gibt es seit einer Zeit eine Gegenbewegung zu „Always on“. Mit digitaler Abstinenz, neudeutsch „Digital Detox“, nehmen sich Menschen ganz bewusst eine Auszeit vom Online-Alltag – um abzuschalten, den Akku aufzuladen und neue Projekte besser in Angriff nehmen zu können. Erkannt haben diesen Trend nicht nur unzählige Lebensberater, die spezielle Seminare für gestresste Manager anbieter, sondern auch die Touristikbranche. War kostenfreies WLAN bislang ein begehrter Service in Hotels, werben so manche Häuser inzwischen mit „Analogen Zonen“, um neue Gäste zu gewinnen. 



Auf Digital-Diät
Unter digitaler Abstinenz, neudeutsch Digital Detox, versteht man Zeiträume, in der die betroffenen Personen vollständig auf die Benutzung elektronischer Geräte und Medien verzichten. Diese Art der Auszeit soll für Entspannung sorgen, um im nächsten Schritt anstehende Projekte mit neuen Ideen und Kreativität angehen zu können.


„Always on“ und dessen Grenzen – Achtsamkeit in digitalen Zeiten
Devices, die persönliche Fitnessdaten sammeln oder Pulsfrequenzen erfassen, sind nur ein Beispiel für die zunehmende Digitalisierung im Alltag. Doch wer kontrolliert hierbei eigentlich wen – die Maschine den Menschen, oder umgekehrt? The Dignified Self – eine Initiative für mehr Achtsamkeit in Zeiten der Digitalisierung – will sich mehr dem Menschen widmen und vertritt die Sichtweise, bei der die Technologie zwar unterstützen und das Leben erleichtern und aufwerten darf, am Ende allerdings der Mensch über deren Einsatz entscheidet. Gegründet und initiiert wurde die Organisation vergangenen Oktober von der Medienökonomin Lilian Güntsche. Es gehe ihr um die „Balance zwischen Online- und Offline-Welten und ein geschärftes Bewusstsein, im Einklang mit der Digitalisierung“, so Güntsche. Ihr Team und sie berichten von Mitteln und Wegen, wie Menschen und Unternehmen Achtsamkeit im Umgang mit den vielfältigen digitalen Verlockungen pflegen oder neu erlernen können.
www.thedignifiedself.com


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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