Digitalisierte Lieferkette

„Ausverkauft" war gestern

Leergefegte Supermarktregale, endlose Schlangen vor den Apotheken – und wer dieser Tage gar ein Notebook fürs Home Office suchte, musste entweder sehr lange warten oder sehr tief in die Tasche greifen. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass auch in Wohlstandsländern wie Deutschland die Supply Chain empfindlich ist. Höchste Zeit, hier durch digitale Strukturen mehr Sicherheit zu schaffen.

„Ausverkauft war gestern"

Eine Branche, die die vergangenen Monate wohl nicht so schnell vergessen wird, ist die Logistik. Selten waren hier mehr Planung, Präzision und Transparenz gefragt.

Hand aufs Herz: Selbst wer zu Beginn der Pandemie nicht geplant hatte, in panische Hamsterkäufe zu verfallen, hat diese Entscheidung hinterfragt, als die Nachbarn Jahresrationen an Mehl, Handseife und Nudeln aus dem Kofferraum in ihre Vorratskeller bugsierten. Viele Supermärkte sahen zeitweise aus, als seien marodierende Horden eingefallen, und lautstarke Auseinandersetzungen um das letzte Paket Toilettenpapier waren keine Seltenheit. Heute sind die Regale wieder gefüllt; zwar gibt es in einigen Familien nun häufiger Spaghetti als sonst, aber die Angst vor einer Ressourcenknappheit ist weitgehend vergessen.

Eine Branche, die die vergangenen Monate wohl nicht so schnell vergessen wird, ist die Logistik. Selten waren hier mehr Planung, Präzision und Transparenz gefragt, denn gleich ob Autoteile, ITK-Zubehör oder Pharmaartikel – ohne ein effizientes Management der Lager- und Lieferprozesse wäre es schnell zu einer weitaus substanzielleren Krise gekommen. Umso wichtiger ist es also, Digitalisierungsprojekte anzustoßen und schnellstmöglich umzusetzen. Tania Hüngsberg-Cengil kann hier aus Erfahrung sprechen. Die Geschäftsführerin des EDI-Software und -Serviceanbieters Hüngsberg konstatiert: „Spätestens seit Corona ist klar: Unternehmen, deren digitale Infrastrukturen bereits bedarfsgerecht ausgelegt und einigermaßen leistungsfähig waren, sind im Vorteil.“ Die Begründung liefert die Expertin gleich mit, denn das digitale Management sämtlicher Geschäftsprozesse habe dafür gesorgt, dass diese reibungslos ineinandergriffen.

Eine Einschätzung, die auch Monika Tonne, Vorständin des Telematikanbieters Couplink, teilt, denn auch sie beobachtet, dass Logistiker, die sich bereits mehr mit dem Thema „Digitalisierung“ beschäftigt haben, profitieren konnten. „Die Transportrouten konnten sich etwa zu Beginn der Corona-Krise täglich ändern – Kunden kamen hinzu, manche fielen gänzlich aus“, berichtet sie und nennt als Beispiel die kommunale Hausmüllentsorgung. Hier kannte manchmal nur ein einzelner Fahrer eine Route. Fiel der Stammfahrer aus, mussten Aushilfsfahrer einspringen und für sie unbekannte Touren fahren. Ein modernes Telematiksystem mit integrierter Routenoptimierung habe schnell Abhilfe schaffen können. „Denn wurden Routen digital gespeichert, konnten auch Fremdfahrer sie problemlos abfahren. Das haben viele erkannt, was sich in der deutlich gestiegenen Nachfrage nach solchen Lösungen zeigt“, resümiert sie.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09-10/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Hüngsberg-Cengil betont an dieser Stelle die generelle Bedeutung der elektronischen Datenübermittlung entlang der gesamten Supply Chain: „Gerade wer von planmäßigen Lieferketten abhängt, sollte den Erhalt und den Versand von Geschäftsnachrichten komplett digitalisieren und standardisieren.“ Denn, so die EDI-Expertin weiter, „der manuelle Datenaustausch ist im Vergleich nicht nur wesentlich aufwendiger, sondern auch entsprechend fehleranfällig“. Kommunikationslücken und Eingabefehler könnten in der Folge sowohl Auftraggeber als auch Auftragnehmer teuer zu stehen kommen.

Alles auf digital

Deutschland ist mit einem Volumen von 1.489,16 Mrd. US-Dollar (Stand: 2019, Quelle: Statista) aktuell die weltweit drittstärkste Exportnation – nur die USA und China setzen mehr um. Die Zahlen sprechen für sich, doch die Corona-Krise hat auch hier Folgen auf allen Ebenen: Viele chinesische Fabriken standen wochenlang still, zwischenzeitlich hatten Containerschiffe mit einer Kapazität von 2,4 Millionen Standardcontainern ziellos vor Anker gelegen. Ein Problem, auch weil nur wenige der hierzulande gefertigten Güter zu 100 Prozent aus deutschen Vorprodukten bestehen. Die Turbulenzen in der Nachschublieferung aus China haben vor allem die Elektronikbranche getroffen, was – im Zusammenspiel mit der akut gestiegenen Nachfrage – den spürbaren Preisanstieg bei Home-Office-Hardware wie Notebooks, Videokonferenz-
ausstattung oder Druckern bedingt hat. Ebenfalls betroffen waren die Pharmaindustrie, die einen Großteil ihrer Rohstoffe aus dem asiatischen Land bezieht, und die deutsche Automobilbranche, für die China nicht nur wichtiger Absatzmarkt, sondern auch Sitz etlicher Teilelieferanten darstellt. Deutlich zeigt sich also, wie vernetzt, aber auch wie wechselseitig abhängig globale Liefer- und Produktionsflüsse heute sind.

Umso wichtiger ist es daher gerade in einer vernetzten Welt, Logistikprozesse zu digitalisieren und somit transparenter und letztlich planbarer zu machen. Ein wichtiger Schritt ist dabei neben EDI-Verfahren und Telematik natürlich die Digitalisierung des Supply Chain Management (SCM). So sagt André Käber: „Digitale SCM-Lösungen betrachten die Supply Chain ganzheitlich (End-to-End). Vor allem in multimodalen Transportketten mit einer Vielzahl an Prozessteilnehmern, Transportwegen und Transportmitteln ermöglichen SCM-Lösungen die Synchronisation aller Prozessschritte.“ Dies, so führt der CEO des SAP-Logistikpartners und -Lösungsanbieter Leogistics weiter aus, gelinge durch Transparenz, Vernetzung, Planung und Simulation. Echtzeitdaten sorgen laut Käber dafür, jederzeit über Verzögerungen und unerwartete Situationen informiert zu sein, was wiederum zu Effizienzsteigerungen, einer optimaleren Ressourcenauslastung und außerdem zu einer nachhaltigeren Logistik führe. Besonders stark bemerkt der SCM-Fachmann die Auswirkungen der Digitalen Transformation in den betrieblichen Informationsflüssen der Unternehmen. Heute erhalten Speditionen ihre Aufträge von Plattformen oder direkt vom Auftraggeber, verarbeiten diese in modernen Dispositions-Tools und senden sie auf die Telematikeinheiten der LKW. „Auch das Tracking von Transportbehältern und LKW wäre vor einigen Jahren noch nicht so möglich gewesen wie heute, wo Tracking-Devices technisch ausgereift sind und einen deutlich geringeren Energieverbrauch aufweisen“, erklärt er. Daneben haben natürlich auch das Smartphone und die damit verbundenen Möglichkeiten ebenfalls einen enormen Einfluss auf die Digitalisierung in der Logistik: Es ermögliche z.B. die Dokumentation der Ladungssicherung per App oder diene als günstige Telematiklösung in der Transportlogistik.

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Monika Tonne ergänzt, dass auch Probleme wie der anhaltende Fachkräftemangel oder die steigende Umweltbelastung durch die Digitalisierung entschärft werden können. So werde etwa der CO2-Ausstoß verringert, wenn Routen optimal geplant werden und Fahrer ihre Aufträge effizient abfahren können – Probleme dabei seien allerdings die „zerstückelte“ Software-Landschaft und eine wenig genutzte Schnittstellenstandardisierung.

Digitalisierungsnachzügler?

Doch obwohl die Vorteile so offensichtlich auf der Hand liegen, halten Experten der Logistikbranche oft vor, „Digitalisierungsmuffel“ zu sein. Diese Einschätzung deckt sich auch mit den Erfahrungen von Couplink-Vorständin Tonne, die dem Sektor bei diesem Thema noch „Luft nach oben“ bescheinigt. „Gerade Speditionen verstehen unter Digitalisierung oft nur Ortung, Tracking und Tracing sowie das Anbinden der Fahrzeugschnittstelle. Dabei fängt es aus unserer Sicht hier erst an.“ Die Vorteile erschlössen sich erst vollständig, wenn man sie für die Gesamtheit aller Unternehmensprozesse einsetze, z.B. mittels Künstlicher Intelligenz (KI) für eine intelligente, integrierte Routenoptimierung. Ohne eine entsprechende Lösung wüssten selbst große Handelsunternehmen, die mit Subunternehmern zusammenarbeiten, häufig nicht, wo sich ihre Ware während der Lieferung befindet. Ihr zufolge sollte die gesamte Supply Chain eine Einheit bilden, da ein durchgängiger, unternehmensübergreifender und sicherer Austausch mobiler Auftrags- und Telematikdaten für Tracking und ETA schon heute ein wichtiges Thema sei. „Doch“, bemängelt sie, „die dafür benötigten standardisierten Schnittstellen fehlen in der Logistik noch immer.“ Daher arbeite Couplink mit dem Verband Opentelematics e. V. daran, eine Software-unabhängige Standardschnittstelle für die gesamte Branche zu etablieren. Bereits über 40 Software-Hersteller nutzten diese – aber dies sei erst der Anfang.

„In Branchen, in denen eine Vielzahl von Herstellern, Lieferanten und weiterverarbeitenden Betrieben miteinander verknüpft sind, ist die Nutzung von EDI längst üblich“, befindet Tania Hüngsberg-Cengil. „Die Automobilindustrie beispielsweise wurde sogar zum elektronischen Datenaustausch verpflichtet. Ohne eine EDI-Integration wäre das zeitkritische Supply Chain Management großer Chemie-, Pharma-, Lebensmittel- oder Handelskonzerne überhaupt nicht möglich“, erklärt sie und bekräftigt die Notwendigkeit der Digitalisierung. Bestellungen, Liefer- und Rechnungsdaten fehlerfrei und ohne großen Zeitaufwand etwa per EDI zu übermitteln, spare Kosten für jedes Unternehmen – unabhängig von dessen Größe. Doch vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen scheuen oft vor der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse zurück. „Gerade Mittelständler ohne großes IT-Team befürchten Pro-bleme mit der EDI-Integration in ihr ERP,“ berichtet Tania Hüngsberg-Cengil aus ihrem Geschäftsfeld. Auch ergänzt sie, müsse dieses immer auf dem neuesten Stand gehalten werden, denn die Nachrichtenformate ändern sich immer wieder – der Support durch Servicemitarbeiter, die irgendwo im Ausland sitzen, helfe da wenig, und sich mit den Systembegebenheiten vor Ort nicht auszukennen, sei da wenig hilfreich. Kleinere Betriebe, ergänzt sie, kämen daher mit einer entsprechenden Software „von der Stange“ häufig nicht gut zurecht, denn „sie brauchen kein aufgeblähtes, komplexes Programm, das alles kann. Ihre speziellen Kommunikationsanforderungen bzw. 
jene ihrer Kunden sollen gelöst werden – nicht mehr und nicht weniger“, konstatiert sie. Ihr Unternehmen setze daher auf Inhouse-Entwicklungen, um KMU aus Industrie, Logistik und Handel einfach zu nutzende und moderne EDI-Lösungen anbieten zu können. Auch Erreichbarkeit und fachkundige Hilfe der Systemanbieter spielen der Expertin zufolge für die erfolgreiche Anbindung solcher Lösungen eine ebenso wichtige Rolle wie die Software selbst. „Noch mag die Fähigkeit dazu lediglich ein Wettbewerbsvorteil sein. Bald schon werden Auftraggeber aus Kostengründen auf dem automatischen Datenaustausch bestehen“, prognostiziert Hüngsberg-Cengil.

Auch Leogistics-CEO Käber sieht für die Branche noch Verbesserungspotenzial. Insbesondere die Vernetzung von Systemen, Geschäftspartnern und allen Prozessbeteiligten und der daraus resultierende sichere, geschäftsprozessbezogene Datenaustausch müssten nachgebessert werden. Gefragt seien hier eine Standardisierung sowie die Bereitschaft der Beteiligten, die Vernetzung auch zuzulassen. Ein weiteres Thema ist Robotic Process Automation (RPA). Käber kritisiert, dass einfache Tätigkeiten teils noch immer manuell ausgeführt werden, obwohl knappe Ressourcen an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden könnten. „Die Logistiker, die eher etwas konservativer in Bezug auf neue Technologien agieren, werden vermehrt den Druck spüren, sich diesen gegenüber zu öffnen“, sagt er voraus. Sich den Entwicklungen hinsichtlich Digitalisierung und Automatisierung nicht zu stellen, würde ein weitaus größeres Risiko für den Fortbestand der Unternehmung bedeuten, ist sich Käber sicher. „Ein verbesserter Informationsstand aufgrund der Digitalisierung schafft ein Potenzial, Prozesse robuster und effizienter zu gestalten. Echtzeitinformationen über LKW im Zulauf bewirken, die operative Einsatzplanung von Ressourcen besser an dem tatsächlichen Bedarf auszurichten“, führt er aus. Ein Gedanke, dem Tonne zustimmt, wenn sie betont, dass digitale Tools helfen, den Kundenanforderungen entgegenzukommen. „Wenn sich Logistiker vor diesen Entwicklungen sperren, sind sie auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig“, ist ihr Fazit an dieser Stelle.

Blick in die Ferne

Der Bedarf an digitalen Tools ist also ungebrochen und an Stillstand ist gerade nach der aktuellen Krise nicht zu denken. Ein Thema, das für Couplink-Expertin Monika Tonne besonders wichtig ist, ist die bereits angesprochene Vernetzung. Dazu zählt sie auch die inte-grierte Sensortechnik, die dafür sorgt, dass z.B. Güter, Container und Trailer oder „intelligente“ Paletten mit den Logistikprozessen verknüpft werden. Derzeit sei die Logistik noch immer sehr damit beschäftigt, Daten zu sammeln, weshalb aus ihrer Sicht der Bereich der KI weiter forciert werde. So könnten etwa Routen auf Basis vergangener Auslastungsdaten und Zwischenfälle realitätsnah geplant werden, was Fahrtzeiten verkürze und Kosten senke. „Wir können davon ausgehen, dass zukünftig ein integriertes Routenoptimierungssystem vorhanden sein muss, um in Städten fahren zu dürfen, da so der CO2-Ausstoß reduziert werden kann“, sagt Monika Tonne.

„Wir sehen eine Zunahme an digitalen Speditionen und Frachtbörsen. In Zukunft werden auf vielen Strecken Netzwerke den Großteil an Touren fahren“, wagt auch André Käber einen Blick in die Zukunft. Fahrerknappheit, zunehmendes Bewusstsein für Umweltthemen und steigender Kostendruck erhöhten das Interesse an Autonomem Fahren, erklärt er. „Da wir verstärkt die Nachfrage nach Automatisierungen mithilfe von IoT-Devices spüren, sind wir sehr erwartungsvoll, was neue Möglichkeiten in der Netzwerkinfrastruktur, z.B. 5G, angeht.“ In den Bereichen „IoT“, „Digital Supply Chain“ und eigentlich überall, wo Daten von zentralen Systemen gesammelt werden können, hätten Optimierungen durch KI und Machine Learning viel Potenzial, ergänzt er. Viele Entscheidungen könnten prozessübergreifend betrachtet und vom IT-System getroffen werden.

Zwar kann die Digitalisierung von Supply-Chain- und Logistikprozessen knappe Güter nicht „herbeizaubern“. Doch sie kann helfen, externe Schocks, wie etwa eine überraschende Unterbrechung der Lieferkette, besser zu internalisieren, indem Ressourcen, Routen und Bestände optimal geplant werden. 

Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus

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