Airport-Logistik

Automatisierte Flugküchen

Im Interview erklärt Michael Huhn, Vertriebsleiter und Prokurist bei Unitechnik Systems, wie Automatisierungslösungen u.a. dafür sorgen, dass Gäste während eines Fluges optmal versorgt sind.

  • Michael Huhn, Unitechnik

    Michael Huhn, Unitechnik

  • Automatisierte Flugküche

    Logistisches Rückgrat des Betriebes ist eine Elektrohängebahn (EHB). Mit ihrer Hilfe schweben die schlanken Rollcontainer (Carts) durch den weitläufigen Flughafenbetrieb.

  • Automatisierte Flugküche

    Mithilfe der Elektrohängebahn (EHB) schweben die schlanken Rollcontainer (Carts) durch den weitläufigen Flughafenbetrieb.

MOB: Herr Huhn, können Sie kurz beschreiben, für welche Bereiche der Flughafenlogistik Ihr Unternehmen Lösungen anbietet?
Michael Huhn:
Unitechnik Systems tritt weltweit als Anbieter von automatisierten Logistiksystemen auf. Spezialisiert auf den Flughafenbetrieb bieten wir Lösungen für Luftfrachtterminals und Flugküchen an.

MOB: Was macht den Flughafen aus logistischer Sicht besonders herausfordernd?
Huhn:
Der Betrieb findet rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche statt. Unser Service muss entsprechend auch 24/7 bereitstehen. Verspätete Lieferungen verursachen in der Regel hohe Kosten. Hinzukommen umfangreiche Sicherheitsanforderungen und internationale Standards, die einzuhalten sind.

MOB: Am Flughafen gelten besondere Anforderungen – wo spielen diese für Ihre Arbeit eine Rolle? Wie wird z.B. überprüft und getestet, ob eine von Ihnen entwickelte Lösung den Standards entspricht und implementiert werden kann?
Huhn:
Kundenvorschriften sind unser tägliches Brot. Letztlich sind die Vorschriften am Flughafen ebenfalls Kundenvorschriften. Durch ausgiebige Tests vorab stellen wir sicher, dass unsere Systeme einen hohen Reifegrad haben, wenn wir auf die Baustelle kommen.

Eine Besonderheit im Flughafenumfeld sind die Vorschriften bezüglich der Personen, die wir auf die Baustelle schicken. Diese müssen frühzeitig angemeldet und genehmigt werden. Wenn mal ein Mitarbeiter ausfällt, kann man ihn nicht von jetzt auf gleich ersetzen.

MOB: Die meisten Fluggäste haben nur eine vage Vorstellung von dem logistischen Aufwand, den die Vorbereitung der Essens- und Duty-Free-Rollcontainern bedeutet. Können Sie kurz den Ablauf erklären?
Huhn:
Der Materialfluss von Inflight-Service-Anlagen ist in der Regel relativ ähnlich. Hauptaufgaben für unsere Gewerke sind der Transport sowie das Bestücken und Entleeren der Rollcontainer. Logistisches Rückgrat des Betriebes ist eine Elektrohängebahn (EHB). Mit ihrer Hilfe schweben die schlanken Rollcontainer (Carts) durch den weitläufigen Flughafenbetrieb. Die Carts der ankommenden Flugzeuge werden auf der Rücklauframpe zunächst grob vorsortiert und danach an Elektrohängebahn-Aufgabestationen (EHB) dem Bearbeitungsprozess in die einzelnen Produktionsbereiche zugeführt. Zunächst werden die Carts entleert und gewaschen. Anschließend werden die Carts an verschiedenen Stationen für den nächsten Flug bestückt: Duty-free-Artikel, Decken, Kopfhörer, Getränke und natürlich Speisen. Am Ende werden alle Carts, die für einen Flug vorgesehen sind am Outbound bereitgestellt und mit Spezialfahrzeugen zum Flugzeug gebracht.

Am Beispiel Geschirr betrachtet: Für die Business- und die First-Class-Gäste werden Teller und Schalen aus Porzellan sowie hochwertiges Besteck verwendet. Diese Teile sind mit dem Logo der jeweiligen Airline versehen und müssen daher individuell gehandhabt werden. In größeren Flugküchen erfolgt die Lagerung in Automatischen Kleinteilelagern (AKL). Nach dem Spülvorgang wird das Geschirr und Besteck sortenrein in Behälter gepackt. Der Bediener muss am Identifikationsplatz den genauen Typ und die Airline eingeben bevor der Behälter automatisiert eingelagert wird. Bei der Bestückung der Rollcontainer wird dann just in time genau das richtige Geschirr zugeführt. Das automatische System reduziert die manuelle Verbringung des Geschirrs und Equipments auf ein Minimum. Befüllt werden die Carts mit den Tabletts an sogenannten Tray-Setting-Stationen.

Den Arbeitern obliegt es, den Inhalt der Behälter aus dem AKL, bestehend aus Schalen, Tellern und Besteck, in einer festgelegten Reihenfolge und Anordnung auf die einzelnen Tabletts zu packen. Die Anordnung und der Inhalt unterscheiden sich von Airline zu Airline und zwischen den verschiedenen Flugklassen.

MOB: Welches sind hier die besonderen Herausforderungen und worauf muss geachtet werden?
Huhn:
Um die hohen Hygienestandards im Umgang mit Lebensmitteln zu erfüllen, sind alle Komponenten, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, in Edelstahl ausgeführt. Grund dafür sind die Eigenschaften von Edelstahl: Das Material wird weder rau noch rissig. Bakterien und Pilze finden keinen Nährboden. Daher gibt es auch kaum Ablagerungen, und mit Hochdruckdampf kann eine schnelle und kostengünstige Reinigung erfolgen. Besonders bei der Bereitstellung von Lebensmitteln ist zudem die Einhaltung der Kühlkette ein wichtiger Faktor. Vor der Verladung ins Flugzeug werden die Carts daher meist in großen Kühlräumen zwischengelagert.

MOB: Können Sie kurz das Prinzip einer automatisierten Flugküche erläutern? Welche Vorteile gibt es dabei?
Huhn:
Bei der automatisierten Flugküche ist in erster Linie der Materialfluss automatisiert. Die Rollcontainer müssen nicht von Hand von einer Station zur nächsten geschoben werden, sondern die Elektrohängebahn gibt den Takt vor. Dadurch fallen in geringerem Umfang Personalkapazitäten an und die Verkehrsflächen können schmaler sein. Damit ähneln die Abläufe in einer Flugküche schon fast einer Automobilproduktion. Letztlich ist es eine Frage der Durchsatzmenge, ob sich ein automatisiertes System lohnt oder ob es effektiver ist, manuell zu arbeiten. Gleiches gilt für die automatische Lagerung und den Transport von Geschirr und Besteck.

MOB: Sie haben für LSG-Skychefs in Frankfurt die logistischen Prozesse in der größten Flugküche Europas optimiert – können Sie das Projekt beschreiben?
Huhn:
Die Flugküche bei LSG Skychefs verfügt über das komplette Paket automatisierter Lager- und Fördertechnik wie sie oben beschrieben ist. Das eingassige Automatische-Kleinteile-Lager bietet Platz für 2.500 Behälter und verfügt über zwei Regalbediengeräte. 300 m Behälterfördertechnik sind überwiegend von der Decke abgehängt. Betrieben wird die Elektrohängebahnanlage mit über 150 Fahrzeugen. Das weitverzweigte Schienensystem besteht aus 1.600 m Schienen, 71 Weichen, zehn Etagenhebern und zehn Bearbeitungsstationen. Die Anlagenvisualisierung von Unitechnik bietet die Möglichkeit, neben den eigenen Logistikgewerken auch den Status von Fremdgewerken wie Spülstraßen, Müllentsorgung und Kältetechnik, zu überprüfen. Die Anlage ist die größte in Europa. Die Cateringanlage von Emirates Flight Catering in Dubai ist mehr als doppelt so groß. Diese wurde auch von Unitechnik ausgerüstet.

MOB: Stichwort Flughafenlogistik 4.0 – Von welcher Technologie erhoffen Sie sich für die weitere Optimierung und Automatisierung der Prozesse in den kommenden Jahren den größten Fortschritt?
Huhn:
Da gibt es eine ganze Reihe von Ansätzen: Zur Identifizierung des Geschirrs gibt es schon erfolgreiche Versuche zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Per Kamera werden die Geschirrteile erfasst und einem bestimmten Typ zugeordnet. Das erfolgt unabhängig von der Lage des Teils und funktioniert auch mit einem gefüllten Behälter. Für die Überbrückung von größeren Entfernungen, z.B. zwischen Gebäudeteilen, macht der Einsatz von Fahrerlosen Transportsystemen (FTS) Sinn. Ein solches System wurde von uns erstmals für Emirates Flight Catering realisiert.

Bei der Optimierung von Arbeitsplätzen setzen wir auf Virtual Reality (VR). Dazu werden die Arbeitsplätze detailgetreu als VR-Modell nachgebildet. Der Kunde kann den Arbeitsplatz unter realitätsnahen Bedingungen erproben. Wir empfehlen die Mitarbeiter einzubinden, die später dort tätig sind. Das erhöht die Akzeptanz eines solchen Systems und führt zu praxisgerechten Verbesserungen.

Bildquelle: Unitechnik Systems GmbH

 

 

 

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