Airport-Logistik

Autopiloten mit Bodenhaftung

Egal ob New York, Rio oder Tokyo – zivile Flughäfen ähneln sich überall auf der Welt. Ihr Betrieb ist eine hochkomplexe logistische Aufgabe und bedarf der genauen Abstimmung aller Prozesse, um den Passagieren ein Maximum an Sicherheit, Pünktlichkeit und Komfort zu bieten. Mobile Technologien sorgen hier für die nötige Präzision.

Frankfurter Flughafen

Am Flughafen sorgen mobile Lösungen und Automatisierung zunehmend für effiziente Abläufe, mehr Reisekomfort und Sicherheit.

Der Flughafen ist in vielerlei Hinsicht ein spannender Raum. Menschen aus aller Welt treffen für einen kurzen Moment aufeinander, nur um gleich darauf ihren Weg zu weit entfernten Erdteilen anzutreten. Seit 1919 auf der Strecke Paris-London der erste Linienflug angeboten wurde, hat sich einiges getan: Zahlen des Airline-Verbands IATA gehen von inzwischen mehr als vier Millarden. Passagieren jährlich aus, was natürlich auch dem Wettbewerb zwischen den Airlines und ihren immer günstigeren Angeboten geschuldet ist. Diese Entwicklung stellt enorme Herausforderungen an die Flughafenlogistik, denn nur wenn sämtliche Abläufe reibungslos vonstatten gehen, kann der Betrieb funktionieren. Es spielt keine Rolle, ob Geschäfts- oder Urlaubsreise, Heimatbesuch oder Kurztrip – die meisten Menschen sind im Stress und verlorenes Gepäck, Probleme bei der Flugzeugabfertigung oder fehlende Boardverpflegung sind nicht nur ärgerlich, sie kosten die Betreiber sehr viel Geld und können sogar zum Sicherheitsrisiko werden.

Michael Huhn von Unitechnik Systems beschreibt die besonderen Anforderungen: „Der Betrieb findet rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche statt. Unser Service muss dementsprechend auch 24/7 bereitstehen.“ Mit seinem Unternehmen setzt der Vertriebsleiter und Prokurist automatisierte Logistiksysteme um, darunter auch Lösungen für Luftfrachtterminals und Flugküchen. „Verspätete Lieferungen verursachen in der Regel hohe Kosten. Hinzu kommen umfangreiche Sicherheitsanforderungen und internationale Standards, die einzuhalten sind“, erklärt der Experte. Gerade die Sicherheitsbestimmungen machen eine genaue Planung für die Flughafendienstleister unerlässlich: „Durch ausgiebige Tests stellen wir sicher, dass unsere Systeme einen hohen Reifegrad haben, wenn wir auf die Baustelle kommen“, sagt Huhn diesbezüglich. Auch auf die strengen Personalvorschriften macht er aufmerksam, denn jene Mitarbeiter, die im Flughafenumfeld tätig sind, müssten frühzeitig angemeldet und zugelassen werden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Mobility und Automatisierung

Über die besonderen Anforderungen, die im Flughafenumfeld an die Technologie gestellt werden, ist auch Daniel Dombach, Director EMEA Industry Solutions bei Zebra Technologies, bestens informiert. Das Unternehmen realisierte u.a. eine automatisierte Gepäckverfolgungslösung mit mobilen Handheld-PCs, die an 14 griechischen Flughäfen eingesetzt wird. Anhand dieses Beispiels erklärt er, dass es gerade kleinere, in der Peripherie gelegene Airports in der Vergangenheit schwer hatten, wichtige technologische Neuerungen umzusetzen, vor allem, wenn diese die Infrastrukturebene betrafen. „Erst jetzt, da neue Technologien immer ausgereifter, aber auch einfacher zu implementieren sind, können die entlegeneren Flughäfen ihre Ausstattung modernisieren“, sagt der Experte und führt weiter aus: „Immer mehr Touristen besuchen die beliebten griechischen Inseln, die vor der Herausforderung standen, diese enormen Anforderungen an die steigenden Ansprüche der Tourismusindustrie und die Einhaltung der Vorschriften der IATA zu bewältigen.“ Hier setzt auch die Mobility-Lösung an, die das Unternehmen dort einführte, denn da nun jeder Mitarbeiter mit einem Gerät ausgestattet sei, könne viel schneller, effizienter und genauer gescannt und identifiziert werden. Da zudem alle Scans mit einer zentralen Datenbank verbunden seien, sei eine wesentlich bessere Sichtbarkeit der Gepäckstücke zu jeder Phase der Reise gewährleistet.

Verlorenes Gepäck ist nicht nur ein vermeidbares Ärgernis, das den Passagieren gehörig die Laune vermiest – es verursacht  den Airlines auch wirtschaftliche Schäden, die nicht zu vernachlässigen sind. „Verlorene Koffer schaden den Fluggesellschaften vielmehr, als man zunächst annimmt – es geht nämlich nicht nur um den schlechten Ruf des Kundendienstes. Tatsächlich können Fehler in der Gepäckabfertigung – verloren gegangene Gepäckstücke oder solche, die am falschen Zielort landen – einzelne Fluggesellschaften jährlich Millionen von Euro kosten. In der gesamten Branche liegen die Kosten in Milliardenhöhe. Das Ergebnis sind unzufriedene Kunden und eine Branche, die mehr Sichtbarkeit braucht“, konstatiert Daniel Dombach. Daher müssten Airlines und Flughäfen seiner Meinung nach offen für neue Technologien und Innovationen sein, um mit der Zeit zu gehen. Die Kommunikation dieser beiden Parteien im Open-Source-Stil sei für die Effizienz und Sicherheit von größter Bedeutung. Auch Reisende sollten in Zukunft z.B. dem Tagging oder Chippen von Koffern auf Basis von RFID aufgeschlossen gegenüberstehen.

Tomatensaft gefällig?

Die Verpflegung an Board ist für viele Fluggäste beinahe ein Politikum und gerade auf langen Flügen eine willkommene Abwechslung. Neben Speisen und dem berüchtigten Tomatensaft – von dem übrigens allein die Lufthansa jährlich 1,7 Millionen Liter benötigt – reichen Flugbegleiter auch Decken oder Duty-Free-Artikel aus ihren Carts. Doch wie gelangen diese überhaupt an Board? Dahinter steckt eine logistische Meisterleistung, die auf Automatisierung setzt. Experte Michael Huhn erklärt, was in einer „Inflight-Service-Anlage“ geschieht: „Die Carts der ankommenden Flugzeuge werden auf der Rücklauframpe zunächst grob vorsortiert und danach an Elektrohängebahn-Aufgabestationen (EHB) dem Bearbeitungsprozess in die einzelnen Produktionsbereiche zugeführt. Zunächst werden sie entleert und gewaschen. Anschließend werden sie an verschiedenen Stationen für den nächsten Flug bestückt. Am Ende werden alle Carts, die für einen Flug vorgesehen sind, am Outbound bereitgestellt und mit Spezialfahrzeugen zum Flugzeug gebracht.“ Teller sind dabei nicht gleich Teller: In den Flügen der ersten und zweiten Klasse werden hochwertiges Geschirr und Besteck, jeweils versehen mit dem Logo der Airline, verwendet. In größeren Flugküchen, so Huhn, erfolge daher die Lagerung z.B. in automatischen Kleinteilelagern (AKL), wo es nach dem Spülen sortenrein in Behälter gepackt werde. Am Identifikationsplatz müssen dann der genaue Typ und die Airline eingegeben werden, bevor der Behälter automatisiert eingelagert werde. So könne den Rollcontainern dann just in time das richtige Geschirr zugeordnet werden.

Huhn, der mit Unitechnik für LSG Skychefs die logistischen Abläufe in Europas größter Flugküche optimiert hat, erklärt die Vorzüge eines automatisierten Materialflusses: „Die Rollcontainer müssen nicht von Hand von einer Station zur nächsten geschoben werden, sondern die EHB gibt den Takt vor. Dadurch fallen in geringerem Umfang Personalkapazitäten an und die Verkehrsflächen können schmaler sein.“

Einmal volltanken, bitte!

Ein Flughafen der Superlative soll in jeder Hinsicht der neue Istanbul Airport werden: Auf einer Fläche von 76,5 Millionen Quadratmetern soll er bei seiner vollständigen Fertigstellung 2027 mit vier Terminals Kapazitäten für täglich eine halbe Millionen Passagiere bieten – dass hier innovative Lösungen für einen reibungslosen Ablauf sorgen müssen, ist für Eric Yeh selbstverständlich. Der Sales and Operations Director DACH von Getac Technology sieht die größte Herausforderung für das Flughafen-Management in der Minimierung der Flugzeugabfertigungszeiten bei gleichzeitiger Einhaltung höchster Sicherheitsstandards. Getac stellt für das Mammutprojekt am Bosporus robuste Tablets bereit, die die automatische Betankung von Flugzeugen erleichtern sollen. Diese sind in der Hydrantenflotte des Airports installiert, so dass über eine spezielle Software die Betankung vom Büro aus ferngesteuert werden kann. Yeh: „Wenn ein Flugzeug zur Betankung kommt, werden die Zapfsäulenbetreiber darüber informiert, an welchem Gate sie das Flugzeug abholen sollen. Sind die Passagiere ausgestiegen, kann die Betankung beginnen und die Betreiber müssen nur noch über einen Schlauch die Maschine mit den unterirdischen Treibstofftanks des Airports verbinden. Die Zentrale steuert den gesamten Vorgang, einschließlich der Menge des zu pumpenden Kraftstoffs.“ Da viele dieser mobilen Hydranten E-Fahrzeuge seien, komme den Tablets auch die Aufgabe zu, deren Batterien zu überwachen und die Flotte betriebsbereit zu halten, erklärt der Experte und fügt hinzu, dass durch das System die gesamte Betankung innerhalb von 40 bis 60 Minuten abgeschlossen werden könne.

Airport 4.0

Mobiltechnologie kann am Flughafen die „Passenger Experience“ weiter verbessern. Für Eric Yeh ist die Idee, Mobilität zu nutzen, um z.B. Warteschlangen zu verhindern, Zeugnis diesen Trends. „Die Sicherheit an Flughäfen geht weg von den Check-in-Schaltern und hin zu Kiosken, in deren Nähe sich die Menschen aufhalten“, betont er. Funktionen wie z.B. Passleser können in robuste Geräte integriert werden, „so dass das Flughafenpersonal die Sicherheitskontrolle zu den Passagieren bringen kann, statt andersherum“.
Spannend sind auch Virtual-Reality-Lösungen (VR) zur Optimierung der Arbeitsplätze, wie Michael Huhn erklärt. Diese würden detailgetreu als VR-Modell nachgebildet und könnten unter realitätsnahen Bedingungen erprobt werden. Daneben  gebe es bereits heute erfolgreiche Tests mit Künstlicher Intelligenz (KI), bei denen z.B. Geschirrteile mittels Kamera erfasst und zugeordnet werden können.

Zebra-Experte Daniel Dombach glaubt, dass die Flughafenlogistik durchaus An-wenderbeispiele aus der Retail-Branche für sich nutzen könnte: „Im Einzelhandel geht es in erster Linie um eine reibungslose Automatisierung. Mitarbeiter werden von den Einzelhändlern mit technologischen Lösungen ausgestattet, die ihre Effizienz steigern und zu einer höheren Kundenzufriedenheit sowie einem reibungsloseren Erlebnis beitragen, z.B. durch den Einsatz mobiler Handheld-Computer.“

Neben der weiteren KI-getriebenen Automatisierung sieht Dombach auch in der immer ausgeprägteren Vernetzung einen Zukunftstrend in der Flughafenlogistik. Die Zusammenführung von Prozessen in KI-gesteuerten, automatisierten Arbeitsabläufen werde roboterbasierte Fähigkeiten und Datenverwaltung in den Bereichen ermöglichen, in denen eine effektivere und effizientere Interaktion zwischen autonomen Dingen oder zwischen Mensch und Maschine stattfindet. „In Kombination mit Advanced Data Analytics wird KI den Wechsel von reaktiver zu proaktiver Planung, von manueller zu autonomer Tätigkeit und von standardisiertem zu personalisiertem Service ermöglichen", konstatiert er.

Bildquelle: Fraport AG

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