Mobile Payment: Interview mit Michael Hülsiggensen, PPRO

Bezahlen im Multichannel-Handel

Bislang beeinflussen die zahlreichen Mobile-Payment-Lösungen das Verhalten der Verbraucher kaum. Warum jetzt dennoch der richtige Zeitpunkt ist, um sich als Händler in diesem Bereich zu positionieren, erläutert Michael Hülsiggensen, Director Business Development bei PPRO Financial Ltd und stellvertretender Vorsitzender der Fokusgruppe Digital Commerce im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.

Michael Hülsiggensen, Director Business Development bei PPRO Financial Ltd und stellvertretender Vorsitzender der Fokusgruppe Digital Commerce im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V., erklärt, wie sich Händler im Mobile-Payment-Markt richtig positionieren.

Herr Hülsiggensen, was ist unter dem Begriff „Mobile Payment“ genau zu verstehen?
Michael Hülsiggensen:
Genau genommen gibt es gar kein Mobile Payment. Denn die Zahlungsprozesse, die im Hintergrund ablaufen, sind immer die gleichen – auf Anweisung wird Geld von einem Konto auf ein anderes Konto transferiert, ganz egal, ob die Anweisung via Lastschrift, Überweisung, EC- oder Kreditkarte oder aber per Bestätigung eines App-Buttons getätigt wird. Im Grunde ändert sich an den Payment-Prozessen also nichts – sie werden lediglich für mobile Devices aufgebaut. Wenn von Mobile Payment die Rede ist, geht es also weniger um „mobiles“ Bezahlen als vielmehr um die bargeldlose Bezahlung mit Mobilgeräten, in der Regel Smartphones.

Mobile Payment in dem von Ihnen beschriebenen Sinn ist in Deutschland noch sehr wenig verbreitet – woran liegt‘s?
Hülsiggensen:
Mobile Payment ist hierzulande noch weit davon entfernt, eine signifikante Rolle zu spielen. Das liegt vor allem daran, dass es bisher keine einheitlichen Standards und Verfahren gibt. Stattdessen experimentieren Zahlungsdienstleister, Telekommunikationsanbieter, Hersteller von mobilen Endgeräten, Händler und Dienstleister mit unterschiedlichen Technologien, eigenen Apps und Verfahren. Hier müssen QR-Codes aus einer speziellen App heraus gescannt oder mTans erzeugt werden, dort wird ein spezieller Chip benötigt – etwa um Near Field Communication (NFC) nutzen zu können. In manchen Fällen, wie etwa bei Apples Bluetooth-Anwendung iBeacon, ist sogar ein herstellerspezifisches Gerät erforderlich. Diese parallel laufenden Entwicklungen verzögern den flächendeckenden Einsatz von Mobile Payment. Und letztendlich stellen sich die unterschiedlichen Anbieter damit selbst ein Bein – denn früher oder später wird sich der Markt ohnehin konsolidieren und von einigen wenigen Standards und Verfahren bestimmt werden.

Welche Verfahren werden das sein?
Hülsiggensen:
Entscheidend dafür, welche Technologie sich im Bereich Mobile Payment durchsetzen wird, werden vor allem Aspekte wie Anwenderfreundlichkeit und Sicherheit sein. Eine wesentliche Rolle spielen aber auch die erforderlichen Investitionskosten für Händler. Schließlich bedeutet die flächendeckende Um- bzw. Aufrüstung von Kassen am Point of Sale mit entsprechender Hard- und Software enormen Aufwand. Abgesehen von der Funktionalität hat hier also das Verfahren die besten Chancen, das bei Anpassung der Infrastruktur die geringsten Investitionskosten verursacht. Doch welche Technologien es auch sein werden, die für bestimmte Zahlsituationen die größte Verbreitung finden: sowohl Endgeräte-Hersteller als auch Zahlungsdienstleister sollten zunächst möglichst viele Zahlverfahren abbilden können.

Stichwort Multichannel: Was sollten Händler in Sachen Zahlungsmöglichkeiten beachten?
Hülsiggensen:
Händler sollten sich über Folgendes bewusst sein: Je mehr die Grenzen zwischen stationärem und Onlinehandel verschwimmen, desto weniger sind Kunden bereit, channelspezifische Einschränkungen beim Bezahlen zu akzeptieren. Warum kann ich online per Rechnung zahlen, aber im Geschäft vor Ort nicht? Wieso kann ich den Rabatt-Coupon aus dem Werbeprospekt nur im Laden einlösen, aber nicht, wenn ich zuvor im Internet per Click-and-Collect bestellt habe?
Ein einheitliches Einkaufserlebnis mit konsistenten Bezahlmöglichkeiten, egal welcher Kanal genutzt wird, ist in Zukunft unverzichtbar, wenn Händler ihre Kunden langfristig binden möchten. Dabei ist nicht zuletzt die Bandbreite der angebotenen Zahlungsmöglichkeiten maßgeblich, wobei die Präferenzen in puncto Zahlarten sich von Land zu Land unterscheiden. Händler, die international tätig sind, müssen die lokalen Bezahlgewohnheiten berücksichtigen, wenn sie grenzüberschreitend erfolgreich sein wollen. Das gilt selbstverständlich auch bei der Einführung von Mobile-Payment-Verfahren.

Der Erfolg oder Misserfolg eines Onlineshops hängt also auch davon ab, ob Kunden dort ihre präferierte Zahlart vorfinden?
Hülsiggensen:
So ist es – und vor diesem Hintergrund wird für Händler die Wahl des richtigen Payment Service Providers (PSP) immer wichtiger. Umfragen zeigen, dass mehr als 40 Prozent der Onlinekäufer mehr Geld ausgeben würden, wenn sie in Shops eine größere Auswahl an Bezahlsystemen hätten. Da Kunden außerdem zunehmend einheitliche Einkaufserlebnisse erwarten, gilt die Nachfrage nach einem breit gefächerten Angebot an Zahlmöglichkeiten nicht nur für Onlineshops, sondern auch für den Point of Sale. Mobile Payment wird dabei lediglich eine von mehreren zukünftig erwarteten Optionen sein. Händler sollten daher einen PSP als Partner wählen, der ein möglichst breites Spektrum unterschiedlicher alternativer Zahlarten anbietet und idealerweise auch weitere Finanzdienstleistungen offeriert, etwa Prepaid- und Gutscheinkarten, oder – im Hinblick auf Mobile Payment – individuell gestaltete NFC-Produkte wie Aufkleber, Schlüsselanhänger etc.

Sowohl für den Payment Service Provider als auch für den Händler als operativen Endpunkt der Bezahlkette ist es im Hinblick auf Zahlungsverfahren entscheidend, regulatorische Vorgaben einzuhalten. Worauf gilt es hier zu achten?
Hülsiggensen: Tatsache ist, dass diese Anforderungen immer komplexer werden. Das gilt erst recht, wenn zahlreiche unterschiedliche internationale und alternative Bezahlarten abgebildet werden sollen. Hier sollten sowohl Händler als auch PSP darauf achten, mit einem Partner zusammenzuarbeiten, der über die entsprechenden Lizenzen und Zertifizierungen verfügt. Idealerweise bietet ein solcher Payment-Lösungsanbieter sämtliche Finanzdienstleistungen als Acquirer, Issuer und Processor aus einer Hand an. Internationales Know-how im Hinblick auf Bezahlarten, regulatorische Vorgaben, Compliance- und Risk-Management sollten selbstverständlich sein und vom PSP beziehungsweise Händler bei der Wahl seines Payment-Partners überprüft werden. Auch hinsichtlich Mobile Payment sollten Händler und PSP sicherstellen, dass ein Payment-Lösungsanbieter die Möglichkeit hat, eine große Bandbreite an Verfahren abzubilden – vom Wallet über Apples iBeacon bis hin zu QR-Code- oder NFC-Lösungen.

Abschließend Ihre Prognose: Wie lange wird es dauern, bis Mobile Payment sich als alltägliche Zahlungsoption durchgesetzt hat?
Hülsiggensen:
Auch wenn das Bezahlen über mobile Geräte in Deutschland heute noch in den Kinderschuhen steckt: Ich gehe davon aus, dass in allerspätestens zehn Jahren das Bezahlen via Smartphone, Smart-Watch oder andere intelligente Devices genauso gang und gäbe sein wird, wie es das heute mit EC- oder Kreditkarte ist.


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