Occam‘s Razor

Blockchain – die einfachste Antwort?

In der IT gibt es immer wieder Lösungen auf der Suche nach einem Problem. Die Blockchain könnte ein solcher Fall sein.

Symbolische Darstellung der Blochain als Kette

Blockchain: Verkettete Datenbank

Die „Gartner Hype Cycle for Emerging Technologies“ deutet es an: Die Blockchain stürzt ab. Sie hat den Gipfel der überzogenen Erwartungen hinter sich gelassen und rauscht nun mit Höchstgeschwindigkeit ins Tal der Enttäuschungen. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey bestätigt diesen Eindruck. „Trotz Milliarden Dollar an Investitionen und fast ebenso vieler Schlagzeilen sind die Beweise für eine praktische, skalierbare Anwendung der Blockchain dünn gesät“, konstatieren die Autoren in der Zusammenfassung ihrer Studie.

Damit sind sie nicht die einzigen Skeptiker. Bereits 2017 fragten Karl Wüst von der der ETH Zürich und Arthur Gervais vom Imperial College London: „Brauchen Sie eine Blockchain?“ Ihre vorsichtige Antwort: Wohl eher nicht. Es gebe zwar durchaus sinnvolle Anwendungen, aber meist nur mit Einschränkungen. Der Einsatz einer Blockchain sollte in jedem einzelnen Anwendungsfall genau geprüft werden. Er ist nur dann sinnvoll, wenn es mehrere Akteure oder Entitäten gibt, die – auch anonym – miteinander interagieren und sich erstens gegenseitig misstrauen, aber zweitens nicht auf einen vertrauenswürdigen Dritten zurückgreifen wollen.

Nachteile und Grenzen der Blockchain

Das Prinzip der Blockchain ist die Verkettung der einzelnen Datenblöcke der Datenbank. Dabei trägt jeder Block die Signatur des vorherigen, sodass eine Änderung sofort auffällt. Hinzu kommt die dezentrale Speicherung in zahlreichen Datenbanken im gesamten Internet, die illegales Verändern und Löschen einzelnen Datenblöcke unmöglich macht. Zudem wird kein Datenblock jemals gelöscht oder geändert, sondern bei einer Bearbeitung der enthaltenen Daten lediglich hinten an die gesamte Datenbank angehängt.

Doch die Blockchain-Technologie hat auch Nachteile. So ist sie als Datenspeicher ineffektiv, da sich eine Datenverarbeitung immer entlang der gesamten Blockchain hangeln muss. Dadurch ist die Anzahl der Transaktionen pro Sekunde begrenzt. Um die Datenbank nicht noch weiter zu verlangsamen, ist ebenfalls die Speicherkapazität eingeschränkt. Sie eignet sich eher für das Speichern von Signaturen oder Verweisen als von realen Datensätzen. Aus der hier nur angedeuteten Komplexität der Technologie folgt ein weiteres Problem: Es ist großes Know-how erforderlich, um effiziente und fehlerfreie Blockchain-Lösungen zu entwickeln.

Nicht jeder Anwendungsbereich ist geeignet

Die Einschränkungen der Blockchain werden auch von Experten wie dem Entwickler und Smart-Contract-Spezialisten Ivan Ivanitskiy gesehen: Er sei sich nicht sicher, ob die Blockchain für andere Dinge als digitale Währungen genutzt werden kann. In seinem Blogbeitrag „Sie brauchen keine Blockchain“ betrachtet er acht populäre Anwendungsbereiche und beschreibt, warum sie nicht besonders gut funktionieren. Er schränkt allerdings ein: „Ich behaupte nicht, dass diese Probleme unlösbar sind.“

Ein häufig genannter Anwendungsfall ist das Supply-Chain-Management. Hier kann die Blockchain-Technologie zwar garantieren, dass Daten über transportierte Waren nicht geändert werden - die Daten selbst könnten aber trotzdem inkorrekt sein. Er beschreibt eine Angriffsform, bei der nicht die Blockchain, sondern die für die Datenermittlung notwendigen Sensoren überlistet werden. Das Prinzip zeigen viele Hollywood-Filme: Ein Objekt auf einem Drucksensor wird möglichst geschickt durch ein gleich schweres Objekt ersetzt. Dem Sensor werden also Messdaten nur vorgegaukelt – das kann keine Blockchain aufdecken.

Blockchain – oft nicht die einfachste Lösung

Solche Tricks, die den Einsatz der Blockchain aushebeln, gibt es auch beim oft genannten Anwendungsfall der Authentifizierung von wertvollen Objekten, etwa Kunstwerke oder Edelsteine. Sie müssen von vornherein echt sein, damit der Einsatz der Blockchain funktioniert. Steht jedoch am Anfang der Lieferkette ein gefälschtes Objekt, ist die Blockchain sinnlos. Damit die Authentifizierung funktioniert, müssen am Anfang aus dem Objekt eindeutige Identifikationsdaten errechnet werden. Doch dieses Objekt kann nun falsch oder echt sein, die Blockchain authentifiziert es in jedem Fall als unverändert.

Auch die weiteren Anwendungsfälle zeigen, dass die Blockchain außerhalb von Kryptowährungen bisher nur wenige nutzbringende Anwendungen gefunden hat. Die McKinsey-Studie stellt fest, dass die Technologie ein Occam-Problem hat: Es ist in vielen Fällen fraglich, ob die Blockchain die einfachste mögliche Lösung für ein gegebenes Problem ist. In den letzten Jahren ist sie vom Hype getragen worden und somit erwartbar, dass nun die Ernüchterung folgt. Es ist aber vollkommen offen, ob die Technologie innerhalb der von Gartner vermuteten nächsten zehn Jahre das Plateau der Produktivität erreichen wird.

Bildquelle: iLexx / Getty Images

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok